Die letztwöchige Ausschaltung des „Libyers“, der Nummer zwei des Terrornetzwerks al-Qaida, durch eine Drohne hat wieder in Erinnerung gerufen, wie erfolgreich die USA dieser Organisation in den vergangenen Jahren zu Leibe gerückt sind. Ohne die imageschädigende Begleitmusik von Bildern Gefangener in orangen Overalls, die in Käfigen sitzen, und ohne Berichte über die Schwierigkeiten rechtsstaatlicher Verfahren gegen Terrorverdächtige werden die derzeitigen Führungskader von al-Qaida nacheinander ausgeschaltet.
Jüngste Buchveröffentlichungen beschreiben ein wöchentliches, etwas unheimlich anmutendes Ritual: Rund 100 Spezialisten der verschiedenen Abteilungen des US-Sicherheitsapparates werden über Videokonferenz zusammengeschaltet, um eine Liste jener Terroristen zu erstellen, deren Tötung sie dann Präsident Barack Obama vorschlagen. Jede dieser Aktionen muss von ihm persönlich genehmigt werden.
Mitarbeiter des vormaligen Präsidenten George W. Bush muss der Neid fressen. Während Bush die Gefangennahme und Internierung von etwa 1000 al-Qaida-Mitgliedern im Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba in den USA und in der übrigen Welt zum Vorwurf gemacht wurde, schaffte es die Obama-Administration, dreimal so viele Terroristen zu liquidieren – also nicht nur zu inhaftieren – ohne dass sich jemand auf der Welt besonders darüber aufregen würde.
Die jetzige Regierung in Washington beruft sich darauf, dass sich die USA – in Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 – in einem bewaffneten Konflikt mit al-Qaida, den Taliban und mit ihnen verbündeten Kräften befinden und die Drohnenangriffe im Rahmen der nationalen Selbstverteidigung durchgeführt werden. Tatsächlich zeigen Meinungsumfragen, dass 83 Prozent der US-Bürger und 77 Prozent der Demokraten den gezielten Tötungen zustimmen.
Zur Frage über den richtigen Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit gibt es die scherzhafte Anekdote aus den 1970er-Jahren: Bundeskanzler Kreisky und der damalige ÖVP-Chef Taus angeln, der ORF filmt. Da fängt Taus einen Fisch, schlägt ihn fachgerecht tot und zeigt ihn stolz in die Kamera. Minuten später fängt auch Kreisky einen Fisch, legt ihn sich jedoch auf den Schoss und streichelt ihn. Darauf belehrt Taus den Bundeskanzler: „So macht man das aber nicht!“ Darauf Kreisky: „Sterben tut er so auch, aber es schaut viel besser aus“.
Oft wurde in politischen Diskussionen schon argumentiert, dass die USA nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten wären, wenn man Hitler und den Nazis in den amerikanischen Medien jenes Forum geboten hätte, das heute gegenüber den Feinden der USA gang und gäbe ist. Oder: Hätten sich die USA angesichts der dramatischen Verluste bei der Landung in der Normandie aus dem Krieg zurückgezogen, wenn das Fernsehen live darüber berichtet hätte, wie viele Familien am D-Day alle Söhne und Brüder verloren?
Obamas Präsidentschaft zeigt, dass auch ein liberaler, „weicher“ US-Präsident, der zu Beginn seiner Amtszeit sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, praktisch denken und harte Entscheidungen treffen muss. Obama ist es darüber hinaus gelungen, dies auch noch einigermaßen gut zu verkaufen. Zumindest das hat er seinem Vorgänger voraus.
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Zum Autor:
Mag. Martin Engelberg ist Psychoanalytiker, Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen Akademie, geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group sowie Mitherausgeber des jüdischen Magazins „NU“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2012)















