04.02.2012 11:08 | Meine Presse Merkliste0

Briefwahl und bekannte Nörgler

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Schaden werden die neuen Regelungen rund ums Wahlrecht sicher nicht.

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Endlich führen wir das Briefwahlrecht ein. Der Preis dafür: Wählen mit 16! Die Verlängerung der Gesetzgebungsperiode auf 5 Jahre wird seit Jahren diskutiert. Das ganze Paket beriet der Österreich-Konvent heftig und öffentlich. Plötzlich, gleichsam hintennach, denn die Kuh ist aus dem Stall, nörgeln jene, denen eigentlich nichts passt, außer sie haben es selbst aufgebracht.

Bei der Briefwahl wird ein Uralt-Einwand aufgekocht, längst widerlegt: Die Geheimhaltung der persönlichen Stimmabgabe sei gefährdet. Nur wer die Praxis der fliegenden Wahlkommissionen und das Wählen in Altenheimen und Krankenhäusern heute kennt, kann den Fortschritt der Briefwahl ermessen! In 9 Ländern der Union gibt es die Briefwahl, die Wahlbeteiligung steigt an, durchschnittlich um satte 20 Prozent! Endlich die Freiheit zu wählen, wann man will und wo man will, in Ruhe und zuhause. Verschwunden die schikanösen Bestimmungen für das Wählen im Ausland und der Auslandsösterreicher!

Wählen mit 16, ja, da sind wir Vorreiter. Ich war immer dagegen, weil ich, ich sage es offen, darin eine Gefahr für die Wahlbeteiligung und eine Bevorzugung der Protestparteien sah. Beides wird durch die Briefwahl locker ausgeglichen. Die Erfahrungen in den Ländern und Gemeinden sind gut. Politische Bildung in den Schulen wird jetzt plötzlich eine unabdingbare Notwendigkeit. Die Schulgemeinschaft wird sich Verhaltensvereinbarungen für Wahlzeiten einfallen lassen müssen. Schaden wird diese neue Regelung sicher nicht. Ob sie eine stärkere Einbindung der Jugend in die politische Mitbestimmung bewirkt, hängt wesentlich von Familie, Schule und den Organisationen der Bürgergesellschaft ab.

Die schärfsten Kritiker richten sich gegen die Verlängerung der Gesetzgebungsperiode. Nationalratswahlen nur alle fünf Jahre – es sei denn, der Bundespräsident oder der Nationalrat entscheiden anders. Wie der Schelm denkt, so ist er: Die nörgelnden Alleswisser sehen darin nur eine Verlängerung der Macht der Regierung. Die Erfahrungen zeigen ganz andere, gewichtige Gründe. Kein anderes Land in der Union kennt so viele Wahlgänge wie wir: Gemeinderäte, Betriebsräte, Berufliche Vertretungen, Landtage, Nationalrat, Europäisches Parlament, Bundespräsident. Wahlen, Wahlen, Wahlen. Die Wahlkämpfe werden immer länger, aufwendiger, gemeiner, unanständiger. Die Menschen im Lande haben damit keine Freude. Monate vor den Wahlen wird die Politik unberechenbar, wichtige Dinge bleiben liegen. Es freuen sich nur die Journalisten, die Meinungsforscher und -macher, die Medieneigentümer wegen der Inserate, die Werber, die Drucker, die Kommentatoren. Wahlen beleben ihr Geschäft.

Genau aus dieser Ecke kommt daher auch die Kritik. Das Europäische Parlament wird alle fünf Jahre gewählt. Die Wahlbeteiligung in Österreich ist erschreckend niedrig, die Wahlkämpfe sind reine österreichische Innenpolitik. Vielleicht haben wir die Gnade der Einsicht, in Zukunft die Abgeordneten zum Nationalrat und ins Europäische Parlament an ein und demselben Tag zu wählen? Wir hätten einen kostspieligen Wahlkampf weniger und ersparten uns die Peinlichkeit von 30 Prozent Wahlbeteiligung!

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2007)

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7 Kommentare
mastermind
15.05.2007 18:13
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Kritiker plump als Nörgler diffamieren...

Altbekannter Stil um eine seriöse Diskussion zu unterbinden. Denn: die feinen Herren wissen genau, dass sie nur Scheinargumente vortragen können.

Es gibt keinen Grund welche eine Kürzung demokratischer Rechte legitimieren könnte.

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War da jetzt ein substanzielles Argument dabei?

... das für die Verlängerung der Legislaturperiode gesprochen hätte?

Auf irgendwelche Nörgler hinnörgeln ist wohl zu wenig, auch Vergleiche liefern nur selten einen trifftigen Grund. Dass Wahlkämpfe für manche PolitikerInnen ein Greuel sind, kann ich verstehen, ist da doch das Eingehen auf das "Wahlvolk" gefragt und zwingt einem aus der marzipanenen Abgehobenheit in die Niederungen der wirklichen Welt.

Dass die Wahlkämpfe nicht nur zum Geld ausgeben und Leute belästigen genutzt werden können, wird sich, so hoffe ich, doch noch einmal herumsprechen. Wer den Art 1 unserer Bundesverfassung ernst nimmt, nutzt die Zeit des Wahlkampfs, um gut hinzuhören, wo es mit unserem Recht hingehen soll. Und das kann eigentlich nicht oft genug getan werden, lieber Herr Professor.


Gast: Kohlkopf
15.05.2007 16:15
0 0

@ Kohl

Sie diffamieren ihre Kritiker als Nörgler, und wollen jede seriöse Diskussion vermeiden.

Durch die Verlängerung der Legislaturperiode wird der Wahlkampf auch nicht kürzer.

Besser wäre eine Einschränkung des Wahlkampfbudgets und ein Verzicht auf Spin-Doktoren!!!

taciturus
12.05.2007 22:44
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Briefwahl ja, wenn aber gscheit

Eine Briefwahl mag zwar keine Bedrohung sein, aber nur dann, wenn sie auch gescheit umgesetzt wird. Die derzeitige Regelung - wie in der Regierungsvorlage vorgesehen - sieht nämlich vor, dass Briefwähler ihre Stimme so zur Post geben müssen, dass sie spätestens am achten Tag nach der Wahl bei der Bezirkswahlbehörde eintreffen.

Ein Schelm wer da also denkt, dass manche extra Briefwählen werden, damit sie am Wahltag das Ergebnis abwarten können und dann erst ihre Stimme abgeben. Demokratisch? wohl kaum.

Und ein schlechtes Betragen der Politik als Grund für eine Einschränkung der demokratischen Rechte der Bürger herzunehmen ist billig. Wenn die Politiker nur mehr Schlammschlachten statt inhaltlicher Diksussionen ausfechten, soll der Bürger seltener entscheiden dürfen? Logisch? Wohl kaum.

Gast: derökonom
12.05.2007 08:44
0 0

?

Was sind Protestparteien? Die Grünen? Nach Kohl'scher Diktion wählt man wohl schon eine Protestpartei, wenn man nicht bei der ÖVP ankreuzt.

So viel Angst vor der Jugend, die wesentlich liberaler und weltoffener ist als Sie?

Gast: ökono-mist
11.05.2007 19:18
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Homo austriacus alias Zgonc

Bitte nicht wieder den billigen Nichtraunzerschmäh ausgraben! Bitte nicht!! Und bitte nicht den Journalismus pauschal verdächtigen, es ginge ihm nur ums Geschäft beim Kampf gegen das klammheimliche Einschränken des demokratischen Wahlrechts (bei dem man - vielleicht gerade noch rechtzeitig - ertappt wurde)!! Solche Killerargumente sind doch eines Elder Statesman vom Format eines Andreas Khol nicht würdig! Fürchten Sie nicht, daß "die Journalisten" zurückschlagen könnten - und zwar mit echten Argumenten?!

Antworten Gast: Gast
12.05.2007 08:27
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„Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.“

Und das ist gut so.

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