11.02.2012 10:33 | Meine Presse Merkliste0

Es ist eine Schande!

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Wichtige Zeugen unserer Vergangen- heit zerfallen ins Vergessen.

Der große und bedeutende jüdische Friedhof in Wien-Währing verfällt weiter. Weitere 30 der an die 100 über ganz Österreich verstreuten jüdische Friedhöfe verwahrlosen, wachsen zu, die Grabsteine fallen um, die Grabtafeln springen. Die jüdischen Gemeinden sind überfordert. In vielen Fällen können sie ganz einfach nicht, oder – grausame Wahrheit – es gibt keine Gemeinde mehr. Wichtige Zeugen unserer Vergangenheit, Teile unserer Identität, zu der wir uns unter Schmerzen zu bekennen gelernt haben, zerfallen ins Vergessen. Zu früh gejubelt, als ich hier berichtet habe: Der beim Parlament eingerichtete Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus habe just am Holocaustgedenktag, am 27.1.2007, einen Konsens erzielt. Gemeinsam mit der Gemeinde Wien und anderen öffentlichen und privaten Stellen werde eine Stiftung zur Betreuung der noch nicht öffentlich gepflegten jüdischen Friedhöfe errichtet. Gerade für den Nationalfonds eine sinnvolle, ergänzende Aufgabe. Unter Schirmherrschaft aller Parlamentsparteien fielen bisher alle Entscheidungen im Fonds einstimmig. Anscheinend sind all diese Bemühungen versandet, der Konsens hat nicht zum Gesetz geführt, oder war es ein Gerücht, dem ich aufgesessen bin, es gibt ihn gar nicht, den politischen Willen?

Es ist eine Schande, wie wir mit diesem Teil unseres kulturellen Erbes umgehen. Müssen uns wirklich amerikanische Soldaten zeigen, was zu tun ist, zupacken und die weitere Zerstörung bekämpfen? „US-Marines und Diplomaten räumen auf, Bund und Stadt streiten“, so berichtet die Presse von einer Spontanaktion Freiwilliger zur Säuberung des Währinger Friedhofs von Unkraut und Gestrüpp. Die amerikanische Bürgergesellschaft in Wien hat uns beschämt. Wenn schon nicht die öffentliche Hand ihrer Pflicht und Schuldigkeit nachkommt, dann tun es private Freiwillige, zumindest in Amerika.

Vielleicht findet die in Aussicht gestellte Fortsetzung dieser Initiative die Unterstützung einer österreichischen Freiwilligen-Organisation, vielleicht jener der Katholischen Soldaten? Schön wäre es! Es wäre ein Zeichen, aber nicht die Lösung des Problems. Die Republik hat sich im Washingtoner Abkommen zur Pflege der jüdischen Friedhöfe verpflichtet. Das war ein Teil der Antwort auf die noch offenen Fragen zur Aufarbeitung der österreichischen Verantwortung für die Gräuel des Nationalsozialismus in Österreich, für die Verbrechen an unseren damaligen jüdischen Mitbürgern.

In einer einmaligen Kraftanstrengung hat sich die Regierung von Wolfgang Schüssel zu dieser Verantwortung bekannt und rasch gehandelt. Zwangsarbeiter-Entschädigung durch und mit dem Versöhnunsfonds, der allgemeine Entschädigungsfonds für die bisher nicht berücksichtigten Opfer des Nationalsozialismus, die Arbeit von Stuart Eizenstat und Maria Schaumayer, Hans Winkler und Ludwig Steiner sowie zahlreicher anderer Menschen guten Willens in Österreich und in Israel, die Gründung des Zukunftsfonds: All dies waren und sind Ergebnisse dieses Kraftaktes. Es wurde Kanzlersache! Es ist Kanzlersache! Es ist Zeit, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, dass Sie Verantwortung übernehmen und die nötigen Schritte setzen oder setzen lassen!

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2007)

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5 Kommentare
Gast: Stefan
17.07.2007 09:49
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Er hat recht!

die parteipolitische "pro-schüssel-anti-gusenbauer-propaganda" hätter er sich sparen können (nicht, dass ich gusenbauer schützen will, aber es kommt halt von einem eingefleischten övpler, was ihn meiner meinung nach die objektivität nimmt, entscheiden zu können, wer der bessere kanzler ist), ansonsten hat er aber vollkommen recht.

was österreichs rolle im 3. reich angeht: hilter war österreicher, auch wenn wir es nicht gerne warhaben. mehr muss dazu wohl nicht gesagt werden.

"Es ist unser großes Geschick, Beethoven zu einem Österreicher gemacht zu haben und Hitler zu einem Deutschen." - Hannes Androsch

Cicero
14.07.2007 23:13
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Die schicke (linke) Selbstgeißelung Österreichs.

Herr Präsident a.D. Khol, in der Sache haben Sie völlig recht. Niemanden fällt es ein, christliche Friedhöfe verwahrlosen zu lassen, nur weil dort nicht ausreichend Bestattungen erfolgen.
So wie es Ehrengräber auf christlichen Friedhöfen gibt, welche die Geschichte des Landes repräsentieren, so sind jüdische Friedhöfe ein Teil eben dieser Geschichte, die es zu erhalten gilt. Wollte man die Geschichte des Landes negieren, könnte man gleich auch die Hofburg zu einem 5*-Hotel umbauen. Damit wäre jenem merkantilen Geist hier unten (Josef jun.) Rechnung getragen, der meint, wenn keiner mehr zahlen kann, dann weg damit.
Demgegenüber widerspreche ich Ihrer Formulierung „…der österreichischen Verantwortung für die Greuel des Nationalsozialismus in Österreich, …“ klar und heftig. Österreich hat keine Verantwortung für die Nazi-Greuel!
Österreich hat ganz andere Verantwortungen. Und diese reichlich spät wahrgenommen.

Antworten Cicero
15.07.2007 10:54
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Re: Die schicke (linke) Selbstgeißelung Österreichs.

Vor 1938 waren die Nazi-Verbrecher entweder hier im Gefängnis oder bereits ins „Altreich“ geflüchtet. Der Dollfuß-Mörder Otto Planetta wurde hier zum Tode verurteilt und gehenkt. Alle anderen haben ihre Verbrechen als Deutsche Staatsbürger und keinesfalls im Namen Österreichs begangen und wurden in Nürnberg vor Gericht gestellt oder hier von Volksgerichtshöfen verurteilt, z.T. ebenfalls zum Tode. Österreich hat die Verbrechen, die es nicht veranlaßt hat, ausreichend geahndet.
Österreich hat aber schändlicherweise die vertriebenen Juden nicht zurück gerufen, erst sehr spät eine Lösung für die im Land gebliebenen arisierten Vermögenswerte gefunden und hat ebenso spät die Leistungen der Zwangsarbeiter symbolisch abgegolten, obwohl die von diesen Opfern geschaffenen Vermögenswerte ebenfalls im Land blieben.
Also, wann Hr. Präsident, hört diese unsägliche Selbstgeißelung Österreich auf und wann werden wenigstens Konservative, wie Sie damit anfangen, die Dinge auseinanderzuhalten?

Gast: Josef jun.
14.07.2007 15:12
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Vergangenheit

Genauso wie die Kriegsdenkmäler des ersten Weltkrieges nach 89 Jahren bald keinen Lebenden mehr an seine Kameraden erinnern können, steht es mit den Friedhöfen. So verständlich der Schmerz um den Toten ist, so naheliegend ist das Verblassen der Erinnerung mit dem Vergehen der Zeit. Der zweite Weltkrieg und die Vertreibung der Juden ist nun auch schon 62 Jahre her.
99% der Österreicher haben keinen persönlichen Bezug zum WK 1 und 80% zum WK 2.
Ein pragmatischer Vorschlag: Wer die Grabgebühren bezahlt, kann seine Angehörigen weiter besuchen. Ansonst wird das Grab aufgelassen, egal ob Jude, Christ oder Mohammedaner drin liegt.

Antworten Gast: WAB
17.07.2007 07:26
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Re: Vergangenheit

Ich befürchte, Sie haben überhaupt nichts verstanden.