21.11.2009 16:10 | Meine Presse Merkliste0

Hoffnungslos, aber nicht ernst!

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Die Wahlen werden nichts ändern: Wir nähern uns der Unregierbarkeit.

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Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos – ein Stehsatz; die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst – seine Travestie von Karl Kraus; zum Kalauer österreichischer Frivolität geworden.

Ich meine die Lage des österreichischen Regierungssystems. Die Große Koalition ist spektakulär gescheitert. Unser aller Bundespräsident erwartet einen Neustart nach der Wahl. Ich habe keine Hoffnung, dass die Wahlen etwas im Grundsätzlichen ändern. Wir nähern uns weiter der Unregierbarkeit. Sehen wir einmal davon ab, dass eine Zusammenarbeit von Schwarz-Rot nach der Wahl keine Große Koalition mehr ist, denn die beiden Parteien werden über keine Zweidrittelmehrheit verfügen, und nur diese macht eine Koalition zur großen.

Aber eine Koalition der beiden Volksparteien ist ohnehin unwahrscheinlich. Rudolf Burger trifft den Nagel auf den Kopf: „Das Problem besteht darin, dass wir es heute mit zwei politischen Blöcken zu tun haben, die in vielerlei Hinsichten konträre Vorstellungen haben und umso weniger kompromissfähig werden, je mehr sie schrumpfen.“ Die Österreicher wollen Rot-Schwarz nicht mehr. Die Medien sind ihrer überdrüssig. Die Protestparteien genügen den Wünschen beider: von viel Volk und vom Boulevard.

Die September-Wahlen 2008 werden das gleiche Ergebnis bringen, wie die Wahlen 1999. Drei annähernd gleich große Lager: die beiden Volksparteien links und rechts der Mitte und die Protestparteien (zwei oder drei Boulevardpopulisten), und dann noch die zehn Prozent im Kalk erstarrten Grünen. Schon 1999 scheiterten die Verhandlungen zur Großen Koalition, ebenso 2003. Gleichermaßen die Einbeziehung der Grünen in die Verantwortung. So wie damals sind sie tief gespalten: Die einen zieht's zu den Roten, die anderen zu den Schwarzen. Keiner lässt den anderen... Die schwarz-blaue Zusammenarbeit 2000 durchschlug den gordischen Knoten. Haiders Bekenntnis zur EU und das Fallenlassen anderer Hindernisse machten die Zusammenarbeit möglich. Leider hat sich Haiders FPÖ selbst zerstört. Strache kehrte voll in das 20. Jahrhundert zurück: Austritt aus der EU und andere Barrieren wurden wieder aufgerichtet.

Was bleibt da für eine Regierung übrig? Die beiden Größeren können und dürfen nicht, mit der FPÖ will niemand, die Grünen zerreißt's in der Regierungsverhandlung, mit dem BZÖ will auch niemand zu dritt. Was Populisten wie Dinkhauser u.ä. wollen, außer die Macht, bleibt uns verborgen. So ist keine Regierung zu machen.

Österreich hat die Wahl zwischen Pest und Cholera: wie Dänemark Minderheits-Regierungen, die nur fürs Geldverteilen eine Mehrheit finden und alle zwei Jahre scheitern; oder wie Italien unter Prodi Mehrparteien-Koalitionen, die sich auf nichts einigen können. Das Radikalmittel Mehrheitswahlrecht hat keine Chance auf Verwirklichung – so könnte man wohl auch nicht mit Blau, Grün, Orange, Fritz u.a.m. ohne schwere Verwerfungen verfahren. Hoffnungslos? Es scheint so! Ernst? Die Wähler entscheiden, wie sie entscheiden, nehmen die Lage nicht ernst, finden alles sehr spannend. So wird wohl eine chinesische Verfluchung wahr: Mögest du in spannenden Zeiten leben!

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2008)

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8 Kommentare
Ernst Heim
24.07.2008 14:24
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Hoffnungslos, aber nicht ernst

Der formelle Weg zu einem Mehrheitswahlrecht ist in der Verfassung klar geregelt. Es müßten der Art. 26 der Bundesverfassung und damit zusammenhängende andere Verfassungsbestimmungen und dann die entsprechenden einfachen Gesetze, insbesondere die Nationalratswahlordnung geändert werden. Für die Verfassungsänderung ist eine 2/3 Mehrheit nötig. Über einen entsprechenden Gesetzesbeschluß kann ein Drittel des Nationalrats eine Volksabstimmung verlangen, die dann stattzufinden hat. Über jedes einfache Gesetz kann die einfache Mehrhheit eine Volksabstimmung verlangen bzw. beschliessen. Es bedarf also jedesmal eines Gesetzesbeschlusses, erst darüber kann dann ggf. die VA verlangt und durchgeführt werden. Mit einer Volksabstimmung per se kann weder eine Gesetzesänderung, noch eine Verfassungsänderung herbeigeführt werden. Dr. Andreas Khol, 24.07.08

Gast: Rumpelstilzchen
23.07.2008 19:19
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Finde ich gut

hama Sehnsucht nach den Betonverhältnissen der 70iger und 8u0iger Jahre, wo Österreich in ROT und Schwarz aufgeteilt war. Bis hinunter zur letzten Häuselfrau. Und nun? Weinerliche rote Pensionisten, dünkelhafte Schwarze und beide nicht zukunftstauglich. UND DAS IST GUT SO.

Ernst Heim
23.07.2008 15:08
0 0

Fragenkatalog an Spitzenpolitiker

"Nach Ankündigung des Bundespräsidenten und mehrerer Minister, das Mehrheitswahlrecht in der neuen Legislaturperiode zu diskutieren, hat nun die Initiative Mehrheitswahlrecht - um Klarheit über die Position von 15 wesentlichen Spitzenrepräsentanten der österreichischen Parteien zu erhalten - einen Brief mit drei Fragen formuliert, deren Beantwortung Anfang September veröffentlicht wird."
http://www.mehrheitswahl.at/

Neisser, Hösele & Co machen ein wenig Druck auf « Spitzenrepräsentanten ». Ich hätte eine namentliche Umfrage unter den Unterstützern der Initiative dem "Geschwätz auf höherer Ebene" allerdings vorgezogen.

Nach den nächsten Wahlen stellt sich die Frage, wer die voraussichtlich mehr als 1,6 Mio Nichtwähler, Ungültig- bzw. WEISS-Wähler und Wähler von Splitterparteien « repräsentiert ».

Gast: hawkeye
22.07.2008 00:59
0 0

Hilfe, hilfe, ...

unser Parlament wird eine Selbstfindungs-WG!

Antworten Gast: DK
22.07.2008 13:09
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Re: Hilfe, hilfe, ...

Das wäre vielleicht ganz gut, wenn unsere Politiker sich einmal selbst finden ....

Gast: hawkeye
22.07.2008 00:58
0 0

Hilfe, hilfe, ...

unser Parlament wird eine Selbstfindungs-WG!

Gast: DKn
21.07.2008 11:53
0 0

"Staatskrise" Mehrparteiensystem wie im Rest Europas ?

Einem "Khol-Schwarzen" muß die Schwindsucht der ÖVP in der Seele wehtun, aber gleich die Staatskrise auszurufen, nur weil sich in Österreich ein normales Parteiensystem entwickelt wie im Rest von Europa hat schon etwas von parteidienlichem Alarmismus. Aber bitteschön - Wahlkampf ist, und da gehört Panikmache wohl zum Repertoire.

Wenn man dem zitierten Burger folgt, so könnte das Problem auch in der Kompromißunfähigkeit der (ehemaligen?) Großparteien liegen, eine Möglichkeit die Khol konsequent nicht-erwähnt.

Wieso ist die große Koalition gescheitert ? Die ÖVP wollte scheinbar von Anfang an eine Konstellation schaffen, in der sie die Platz-Eins-Position als Stimmenstärkste Partei zurückerobern kann, und den Umfragen zufolge dürfte ihr das auch gelungen sein. Gerade aus Sicht der ÖVP hat diese große Koalition ihren Sinn, den Vorsprung der SPÖ auf die ÖVP in einen Rückstand umzudrehen, ja scheinbar erfüllt. So gesehen hat Khol absolut keinen Grund für Alarmismus .....

Cicero
20.07.2008 20:42
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Aha, wenn die Medien tönen, beide Großen werden verlieren, dann ist das so? Oder was?

Das, was Sie hier verbreiten, Herr Präsident, ist der blanke Defätismus.
Darf ich daran erinnern, Gusenbauer hat die Wahl 2006 nicht gewonnen, er hat weniger verloren als Schüssel und das machte ihn zum Bundeskanzler. Die Vorstellung aber, die er als Bundeskanzler gab und die Tatsache, daß er von der eigenen Partei abmontiert wurde, werden der SPÖ weitere Stimmen kosten. Die Hoffnung, der aalglatte und ideologisch völlig indifferente Faymann könne das Ruder wieder herumreißen, ist völlig illusionär.
Betrachtet man die gesunkene Wahlbeteiligung 2006 und die Wählerstromanalyse, so zeigt sich, 150.000 ÖVP-Wähler von 2002 sind 2006 schlicht zu Hause geblieben, so unter dem Titel, Schüssel gewinnt haushoch, da brauch ich nicht hinzugehen. Die ÖVP blieb mit 75.000 Stimmen hinter der SPÖ zurück.
Jene 150.000 ÖVP-Wähler von 2002 haben aber deutlich gesehen, was sie 2006 angerichtet haben.
Schlußfolgerung, Kohl’scher Defätismus ist völlig fehl am Platz, Herr Präsident!

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