Der Kapitalismus hat zu nichts geführt – wollen wir es mit dem Sozialismus versuchen? Diese Frage kann nur stellen, der nie im Sozialismus gelebt hat!“ – so ein Zitat aus dem „Presse Economist“ über eine Kontroverse in Ungarn. Sie spiegelt präzise die Marx-Nostalgie wider, gespeist vor allem aus zwei Quellen: der romantischen Verklärung der Gesellschaft im real existierenden Sozialismus bis zum Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer in Ungarn, Deutschland, der ?SSR. An zweiter Stelle stehen die Finanzkrise und die zu ihrer Bewältigung eingesetzten staatlichen Hilfspakete. Der vorgeblich gescheiterte Neoliberalismus (mehr privat, weniger Staat) soll durch ein Wirtschaftssystem aus dem Rezeptbuch Marx' ersetzt werden.
In Deutschland haben Sozialforschungen bei der Jugend aus der ehemaligen DDR die vollkommene Unkenntnis des früheren politischen Systems ergeben – an den Unis werden nun überlaufene Vorlesungen darüber gehalten. Viele sind neugierig, wollen mehr wissen über jenen Staat, dessen nostalgische Verteidiger seine Gemütlichkeit ohne Leistungsdruck, ohne Arbeitslosigkeit, seine Spitäler und den Rotkäppchen-Sekt preisen. Stalin wird in Russland zum drittwichtigsten Russen erkoren, im ORF wird in Gedenksendungen in Ö1 eine Woche lang der Machtübernahme Castros vor einem halben Jahrhundert gedacht, mit kaum verhüllter Bewunderung. Ja, natürlich, die fehlende Meinungsfreiheit und die Menschenrechtsverletzungen werden erwähnt, aber dennoch: die Emanzipation von den USA, das Bildungs- und Gesundheitssystem, die Gleichheit im marxistischen Modell! So rechtfertigten manche die Nazi-Verbrechen: „Aber die Autobahnen, die Vollbeschäftigung, der zweiwöchige Urlaub für alle?“
Zu Weihnachten bekam ich ein dickes Buch geschenkt: Uwe Tellkamp, „Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land“ (ich habe eine Schwäche für dicke Bücher – mein Favorit: Doderers „Dämonen“). Auf fast tausend Seiten entfaltet sich ein breites Gemälde der DDR. Im Stil an Doderer erinnernd, mit langen Sätzen, detailgenauen Schilderungen, sorgfältigster Setzung der Satzzeichen fließt die Erzählung in epischer Breite dahin. Der Alltag im Stasi-Staat wird am Schicksal von verflochtenen Menschenschicksalen so drückend gegenwärtig, dass man im Buch versinkt. Gefesselt und bedrückt, deprimiert und dann wieder froh, in eine andere Welt zurückzukehren. Es geht um die Erfahrungen auf der Einheitsoberschule, in der Volksarmee, im Verkehr mit der Staatssicherheit, in einer Uni-Klinik, in einem Verlag und den Umgang mit der Zensurbehörde. Wie bei Doderers „Dämonen“ die Zwischenkriegszeit in Wien, so gewinnt bei Tellkamp der real bestehende Sozialismus in der Endzeit der DDR scharfe Konturen. „Der Turm“ ist allen Nostalgikern von Karl Marx als Medizin empfohlen – nie mehr wieder ein solches Experiment!
Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)

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