04.07.2009 14:11 | Meine Presse Merkliste0

Medizin für Marx-Nostalgiker

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Uwe Tellkamps „Der Turm“ entzaubert die romantischen Vorstellungen vom Sozialismus in der ehemaligen DDR.

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Der Kapitalismus hat zu nichts geführt – wollen wir es mit dem Sozialismus versuchen? Diese Frage kann nur stellen, der nie im Sozialismus gelebt hat!“ – so ein Zitat aus dem „Presse Economist“ über eine Kontroverse in Ungarn. Sie spiegelt präzise die Marx-Nostalgie wider, gespeist vor allem aus zwei Quellen: der romantischen Verklärung der Gesellschaft im real existierenden Sozialismus bis zum Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer in Ungarn, Deutschland, der ?SSR. An zweiter Stelle stehen die Finanzkrise und die zu ihrer Bewältigung eingesetzten staatlichen Hilfspakete. Der vorgeblich gescheiterte Neoliberalismus (mehr privat, weniger Staat) soll durch ein Wirtschaftssystem aus dem Rezeptbuch Marx' ersetzt werden.

In Deutschland haben Sozialforschungen bei der Jugend aus der ehemaligen DDR die vollkommene Unkenntnis des früheren politischen Systems ergeben – an den Unis werden nun überlaufene Vorlesungen darüber gehalten. Viele sind neugierig, wollen mehr wissen über jenen Staat, dessen nostalgische Verteidiger seine Gemütlichkeit ohne Leistungsdruck, ohne Arbeitslosigkeit, seine Spitäler und den Rotkäppchen-Sekt preisen. Stalin wird in Russland zum drittwichtigsten Russen erkoren, im ORF wird in Gedenksendungen in Ö1 eine Woche lang der Machtübernahme Castros vor einem halben Jahrhundert gedacht, mit kaum verhüllter Bewunderung. Ja, natürlich, die fehlende Meinungsfreiheit und die Menschenrechtsverletzungen werden erwähnt, aber dennoch: die Emanzipation von den USA, das Bildungs- und Gesundheitssystem, die Gleichheit im marxistischen Modell! So rechtfertigten manche die Nazi-Verbrechen: „Aber die Autobahnen, die Vollbeschäftigung, der zweiwöchige Urlaub für alle?“

Zu Weihnachten bekam ich ein dickes Buch geschenkt: Uwe Tellkamp, „Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land“ (ich habe eine Schwäche für dicke Bücher – mein Favorit: Doderers „Dämonen“). Auf fast tausend Seiten entfaltet sich ein breites Gemälde der DDR. Im Stil an Doderer erinnernd, mit langen Sätzen, detailgenauen Schilderungen, sorgfältigster Setzung der Satzzeichen fließt die Erzählung in epischer Breite dahin. Der Alltag im Stasi-Staat wird am Schicksal von verflochtenen Menschenschicksalen so drückend gegenwärtig, dass man im Buch versinkt. Gefesselt und bedrückt, deprimiert und dann wieder froh, in eine andere Welt zurückzukehren. Es geht um die Erfahrungen auf der Einheitsoberschule, in der Volksarmee, im Verkehr mit der Staatssicherheit, in einer Uni-Klinik, in einem Verlag und den Umgang mit der Zensurbehörde. Wie bei Doderers „Dämonen“ die Zwischenkriegszeit in Wien, so gewinnt bei Tellkamp der real bestehende Sozialismus in der Endzeit der DDR scharfe Konturen. „Der Turm“ ist allen Nostalgikern von Karl Marx als Medizin empfohlen – nie mehr wieder ein solches Experiment!

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)

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22 Kommentare
Tom93
08.01.2009 11:23

am besten finde ich die letzte zeile

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.

Tom93
08.01.2009 11:23

herr professor khol hat ein buch gelesen!

wer hatte das bei regelmäßiger lektüre dieser kolumne für möglich gehalten?

michaelcollins
08.01.2009 08:21

die deutsche jugend

weiss vor allem nichts von der ddr, weil die linken, linkslinkalternativen lehrer vor allem mit der abwicklung des dritten reiches beschäftigt sind.

mir haben deutsche jugendliche erzählt, in vielen gegenständen wird darüber auf und ab unterrichtet, dass es ihnen schon zum hals herausgehängt ist.

und kein wort über den kommunismus, ausser lobpreisungen.

mfg
mc

Gast: Christdemokrat
07.01.2009 09:30

Gefahr durch Parteiendemokratur

Lieber Herr Dr. Khol! Natürlich ist Ihren Ausführungen zuzustimmen. Da wir Menschen allzu schnell zum Vergessen neigen, müssen die Untaten von Regiemen wie Nationalsozialismus, Kommunismus usw. immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Allerdings, in Österreich hat es schon einige Zeit gedauert ehe die Opfer des Nationalsozialismus als Zeitzeugen agieren durften. Wichtige Vertreter von SPÖ und ÖVP waren an dieser Verzögerung nicht unbeteiligt, aus unterschiedlichsten Gründen. Die Nostalgiewelle in Verbindung mit Kuba - auch Nicaragua ist ein Land für linke "Träumer" - hat offensichtlich eine sehr irrationale Kompotente, nämlich die Erinnerungen karibisches Flair in Verbindung mit einem "leichten" Lebensstil der für viele Menschen eine attraktive Alternative zu unserem schwerer lebbaren Vorsorgestil war und ist. Diesen Lebensstil mit Sozialismus zu verwechseln ist natürlich fatal. Der beste Schutz vor Terrorregiemen ist gelebte Demokratie, also eine Reform der Parteiendemokratur.

Gast: Uriel
05.01.2009 18:54

Zum Nachdenken ..

Wie sagte mein Vater immer ?
.. ich war Zeit meines Lebens Sozialist - eine Zeit lang sogar Nationalsozialist ....
Es passt doch alles zusammen !

Alter.Kämpfer
05.01.2009 16:03

Ostalgie

Ich kann Andreas Khol nur beipflichten!
Im Gegensatz zum NSDAP-Staat oder der stalinistischen UdSSR gibt es für die DDR aber noch die Möglichkeit, selbst Feldforschung zu betreiben. Ich kenne, wie viele andere Österreicher, beruflich einige Menschen verschiedenen Alters, die die DDR miterlebt haben. Sie erzählen zu lassen, ist die beste Lektion in Zeitgeschichte.

Thomas Berger
05.01.2009 13:27

Rotfunk Ö1

Ich gebe Herrn Prof. Khol absolut Recht, was die Berichterstattung in Ö1 über Kuba betrifft. Der Begriff „Rotfunk“ ist da fast schon eine Untertreibung. Es ist unfassbar, wie unkritisch über das autokratisch regierte Kuba im öffentlichen „Qualitätssender“ Ö1 berichtet wird. Leider ist das kein Einzelfall: Was da in den letzten Wochen teilweise in „Journal Panorama“ gesendet wurde, könnte direkt von der KPÖ stammen. Besonders einseitig sind die Sendungen von Frau Weingartner, bei denen ich jedes Mal warte, dass am Ende die Internationale angestimmt wird. Schade, dass man dafür ORF-Zwangsgebühren zahlen muss. Bitte mehr ausgewogenen Journalismus!

Antworten modestus
05.01.2009 16:17

Re: Rotfunk Ö1

...nicht zu vergessen, das heldendenkmal für den massenmörder "CHE".....vom oberfiaker, aus der neogothischen burg, himself eingeweiht.

Gast: Ich wette
05.01.2009 08:09

daß es keine Forschungsförderung

für einen gründlichen wissenschaftlichen Strukturvergleich der realen Gesellschaftssysteme (zB Bonzokratie, Parteibuchwirtschaft) von DDR und Ösistan gibt.

Gast: Südafrikaner
05.01.2009 07:48

Marx-Medizin

Um der Fratze des Sozialismus ins Auge zu sehen empfehle ich "Nineteen Eighty-Four" von George Orwell oder einen Blick auf die Genossen Robert Mugabe oder Kim Jong Il.

Gast: hawkeye
04.01.2009 21:46

Noja, dann kriegen wir halt ...

die Globalisierung, wo Wien in direkter Standortkonkurrenz mit Mumbai steht, das sich den Luxus einer Kanalisation nicht leistet.

Antworten goosenpower
06.01.2009 19:34

Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

oh, die Kommunisten leben - leider - noch ........

Antworten Antworten Gast: hawkeye
08.01.2009 04:36

Re: Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

Von uns beiden sind aber zweifellos Sie es, der im SED-Apparat anstandslos Karriere gemacht hätte.

Antworten JuliaSchoenwiese
05.01.2009 15:03

Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

Was wollen Sie uns mit diesem sinnfreien Posting mitteilen? Dass Wien noch nicht mit Indien konkurriert? Das die jahrzehntelange sozialistische Abschottung der Inder dazu geführt hat, dass sie noch nicht unser Wohlstandsniveau haben? Oder möchten Sie nur ein paar linke Plattitüden nachplappern?

Junge Inder und Chinesen haben heute deutlich mehr verstanden als unsere linke, wohlstandsverwahrloste, in öffentlichen Schulen und Universitäten indoktrinierte Sozijugend. Eure Rechnung wird folgen (und folgt bereits).

Antworten Antworten Gast: hawkeye
08.01.2009 04:22

Re: Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

Es wird uns also allen übel ergehen, im besten möglichen System ... hm.

Antworten Antworten Antworten JuliaSchoenwiese
08.01.2009 18:07

Re: Re: Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

"uns" nicht. Nur euch. Und das völlig zurecht.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: hawkeye
11.01.2009 10:40

Re: Re: Re: Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

Es ist ein bißchen naiv, anzunehmen, daß das Eine ohne das Andere geht.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten JuliaSchoenwiese
11.01.2009 23:33

Re: Re: Re: Re: Re: Noja, dann kriegen wir halt ...

ein bißchen naiv anzunehmen, meine Qualifikation wäre mit ihrer vergleichbar. Armut für Sozialisten - das ist sozial gerecht.

JuliaSchoenwiese
04.01.2009 18:42

Fidel Khol

Lesen Sies erneut aufmerksam. Vielleicht beugt es ihrem nächsten sozialistischen Ausfall vor. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Bis heute haben Sie trotz erklecklicher Anzahl an Lenzen nicht verstanden, was einst mit "sozialer Marktwirtschaft" bezeichnet wurde. Wenn sie fertig sind, legen Sie bitte mit Ludwig Erhard nach, dessen Andenken sie ein ums andere Mal schänden.

"Nichts ist in der Regel unsozialer als der sogenannte Wohlfahrtsstaat. Solche Wohltaten muß das Volk immer teuer bezahlen, weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat - und dann noch abzüglich der Kosten einer zwangsläufig immer mehr zum Selbstzweck ausartenden Sozialbürokratie. Ein beziehungsloser Individualismus muß zwangsläufig die Folge sein. Traditionelle Sozialpolitik drängt zurück, was an menschlicher Beziehung, an sozialer Wärme, an den Gefühlen der Brüderlichkeit und der Solidarität im menschlichen Sinn vorhanden ist."

(Ludwig Erhard)

Antworten Ophicus
05.01.2009 09:44

Re: Fidel Khol

Der Grundgedanke ist durchaus logisch - immerhin beruhten sämtliche solidarische Systeme immer auf dem (heute verteufelten) Gruppendenken. Man war abgesichert, weil man Mitglied einer bestimmten Familie, Gemeinde, Zunft oder Volksgruppe war. War man das nicht oder war die jeweilige Gruppe als ganzes in Not geraten, denn fiel man durch den Rost. Das wollte der Staat ändern, indem er die Gruppe größer gemacht hat - es sind jetzt alle Bürger umfasst.
Allerdings ist es schwer bei einer so großen Gruppe ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln - insbesondere wenn jeder der das tut dafür als Nationalist beschimpft wird.
Damit wird die Solidarität recht schwer. Die Leute denen man hilft kennt man nicht und kann sich kaum mit ihnen identifizieren. Außerdem gibt man das Geld ja nicht denen, sondern dem Staat. Womit man statt Solidarität ein recht egoistisches System bekommt, in dem jeder dem Staat möglichst wenig geben und dafür möglichst viel bekommen will. Solidarität geht anders.

Antworten typhon typhoon
04.01.2009 19:35

Re: Fidel Khol

Zitat:..Solche Wohltaten muß das Volk immer teuer bezahlen, weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat.
Na und? Wär dem nicht so, dann bräuchten doch all die schönen Sachen, die unser Leben so schön machen, nicht durch Umverteilung vergeben werden, sonder irgendein himmlisches Wesen würde uns das ales einfach auf den Kopf vom Himmel herab sch**ßen.
Nur Umverteilung kann nur dann funktionieren wenn sie Arbeit, Energie und Material zu Waren und Dienstleistungen umsetzt oder hast Du einstweilen das Perpetuum Mobile erfunden?

Antworten Antworten JuliaSchoenwiese
04.01.2009 19:50

Re: Re: Fidel Khol

Kein Wort verstanden. Geh zum Standard.

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