09.02.2010 20:05 | Meine Presse Merkliste0

Unter falscher Flagge

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Die Neue Mittelschule ist in Wirklichkeit eine Hauptschulverbesserung zu Lasten des Bundes.

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Gleichheit durch gleiche Bildung für alle Kinder – also Schluss mit dem vielfältigen Schulsystem, in dem es nebeneinander Hauptschulen (HS) und Allgemeinbildende höhere Schulen (AHS) gibt. Eine einzige Schule für alle 10- bis 14-Jährigen, eine Gesamtschule, das war seit Bestehen der Republik das Ziel sozialistischer Bildungspolitik: die klassenlose Schule. Die Gegenposition der Christdemokraten: eine AHS in jedem Bezirk, verbesserte HS mit Übertrittsmöglichkeit in die AHS.

Der Kampf wurde grimmig und hoch ideologisiert geführt. Gleichheit sagten die Linken, Gleichmacherei und Leistungsfeindlichkeit die Rechten. Der Kampf tobte, als Zwischenziel wurde zuerst die Aufnahmeprüfung in die AHS beseitigt – inzwischen gibt es eine andere, wirkungsvollere Einstiegshürde. Bildungspolitik ist zwischen den Parteien heftig umstritten und eine Frage, die auch die Öffentlichkeit bewegt. Alfred Gusenbauer verfehlte auch dieses Ziel. Mit der ÖVP wurde ein Schulversuch vereinbart: die Neue Mittelschule (NMS). Die SP-Ministerin „verkauft“ ihn beharrlich als ersten Schritt zur Gesamtschule. In den HS-Klassen sollte besser unterrichtet werden: mit mehr Lehrern und modernen Methoden (ob sie besser sind als der bewährte Frontalunterricht?). Die hohen Mehrkosten bezahlt der Bund – die HS zahlen ja sonst die Länder. Höchstens 10% der Schulklassen sollten sich freiwillig daran beteiligen.

Zuerst meldeten sich wenig Schulen – ein Fehlschlag? Aber dann kam die Rettung: Vorarlberg will alle HS als NMS führen! Potzblitz! Die schwarz regierten Alemannen plötzlich für die Gleichmacherei?! Großes Triumphgeschrei bei den Linken, Unruhe bei den Rechten. Niemand verstand die neue Liebe für sozialistische Bildungsziele.

Geht man der Sache aber auf den Grund, dann ist die Antwort für die einen ernüchternd, für die anderen erheiternd. Keine neue Liebe, sondern eine alte: zum Geld! Die flächendeckende Verbesserung der HS mit von Wien bezahlten Lehrern und neues Wiener Geld für Landesschulen, die sonst Vorarlberg zahlen müsste, das gefällt jedem Föderalisten! Die Aufwertung der HS neben der AHS war immer schon Programm der ÖVP! Die AHS bleiben ja bei diesem Schulversuch überall weiter bestehen, und damit das vielfältige Schulangebot. Die Vorarlberger haben aber gezeigt, dass die NMS unter falscher Flagge segelt: von einem Schritt zur Gesamtschule keine Spur. In Wirklichkeit ist es eine Hauptschulverbesserung zu Lasten des Bundes. Genauso wenig entspricht die endlich bald Wirklichkeit werdende Zentralmatura sozialistischen Bildungszielen. Ganz im Gegenteil: die vergleichbar hohen Leistungsstandards, eine Kontrolle, was die Lehrer unterrichtet, was die Schüler gelernt haben, und auch ein Ende für die allzu schülerfreundlichen Spezialvorbereitungen. Wenn auch unter falscher Flagge: Mich freuen beide Entwicklungen.

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2009)

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18 Kommentare
Gast: ökono-mist
28.01.2009 04:53
0 0

GroKo - sprachgeregelt...


Frau Schmied gestern abend* (*alte Rechtschreibung) in der ZIB: "Wir sind übereingekommen, die Gesamtschule begrifflich nicht mehr zu verwenden..." (so ist's mir jedenfalls in Erinnerung geblieben - dafür, daß es wortwörtlich übereinstimmt, kann ich allerdings nicht garantieren).

So kann's jetzt jeder seinen Parteigenossen so verkaufen, wie er's gerade braucht: die schwarzen Roten als g'schminkte rote(Gesamtschul-)Leich', und die roten Roten als Einheitsmittelgesamtschule in allerfeinstem Rot.

Hauptsach', es herrscht fauler, pragmatischer Friede durch Sprachregelung in der rot-schwarzen Einheitspartei...


Gast: simon
27.01.2009 13:12
0 0

Zukunft: Lehrer mit Parteibuch?

"Ganz im Gegenteil: die vergleichbar hohen Leistungsstandards, eine Kontrolle, was die Lehrer unterrichtet, was die Schüler gelernt haben,"

Also das ist wohl das Ziel der Zentralmatura: Kontrolle der Lehrer, ob sie eh brav die Parteipolitik mit in den Unterricht einfließen lassen.
Noch dazu ist eine Zentralmatura keine Qualität, sondern mindert in allen Schulen diese.
Weiters: Leistung ist individuell verschieden. Genau deshalb kann eine Schule nicht eine komplette Maturaklasse durchfallen lassen, nur weil die Schüler eher leistungsindividuell schwächer waren als andere Jahrgänge. Andererseits: Warum sollen leistungsstarke Klassen eine einfache simplie Matura geschenkt bekommen? Es geht ja darum, jeden individuell an seine Leistungsgrenzen zu bringen, um den Schüler damit weiter zu fördern.

Antworten Gast: Febobo
18.06.2009 15:04
0 0

Re: Zukunft: Lehrer mit Parteibuch?

"Leistung ist individuell unterschiedlich"...
naja, was bedeutet das nun? Sollen wir die Noten abschaffen, weil es ohnehin unmöglich ist, individuelle Leistung in ein vorgegebenes Schema zu pressen? Eine Zentralmatura würde endlich auch einmal unfähige Lehrer unter Zugzwang bringen, die den Schulstoff nicht, oder nur sehr schlecht, vermitteln können.

Gast: pit
27.01.2009 09:53
0 0

Und die

sozialistischen Politiker schicken ihre eigenen Kinder in teure Privatschulen ..

@Ophicus

Damit wir uns richtig verstehen. Ich bin der wirklich festen Überzeugung, dass viele sehr verantwortungsbewusste ÖVP- und SPÖ-Politiker durch ihre gegenseitigen Blockaden und Beissreflexe sowie durch die negativen Auswirkungen der ewig diskutierten aber nie wirklich durchgeführten Verwaltungsreform eine Wählerzutreibung zur FPÖ bewirken. Die Schule ist durch die 2/3 Bestimmung und die aufgeblähte mittelbare Verwaltung - die viel an Finanzmittel für die Schule verschlingt - ist dafür nur ein anschauliches Beispiel, vieles wird auf dem Rücken der Lehrer ausgetragen, die natürlich in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet haben wie sich diese beiden Parteien der Postenbesetzungen in den Schulen bemächtigt haben. Die Wählerin und der Wähler die sich gewöhnlich nicht wirklich in diesem Kompetenzdschungel auskennen und wenn sie nicht persönlich betroffen sind, dies auch gar nicht wollen, sehen nur dass "irgend etwas nicht stimmt", ballen die Fäuste und zeigen es "denen da Oben".

Re: @Ophicus

Darüber hinaus bin ich schon der Meinung: Es gibt auch im Bereich der Politik, sowohl bei den Politikern selbst und oft auch bei Experten so etwas wie Betriebsblindheit, jedenfalls ein Funktionärsverhalten, das den betreffenden Personen für die Wahrnehmungen der Bürgerinnen und Bürger die Sensibilität nimmt. Meine Annahme, nämlich die Wählerzutreibung zur FPÖ durch die beschriebenen Umstände wurde in den vergangenen Jahren immer wieder bestätigt. Dies ist umso bedauerlicher da es sich ja wirklich nicht wirklich um großartige oder besonders verantwortungsbewusste Politikerinnen oder Politiker auf Seiten der FPÖ handelt, wenn man vom "Phänomen Haider" einmal absieht. Es ist wirklich mühsam Funktionäre von SPÖ und ÖVP davon zu überzeugen, dass nicht nur "diese böse Ausländerhetze" die Wahlerfolge der FPÖ ausmacht, sondern auch ihr eigenes Unvermögen hinsichtlich Veränderung unhaltbarer Zustände das manchmal bis hin zur Ignoranz geht, einen erheblichen Beitrag zu diesen Erfolg ausmacht.

Gast: Christian
26.01.2009 23:54
0 0

Das kommt heraus, wenn eine unverheiratete Bankerin ohne eigene Kinder

und einschlägiger Vorbildung nur auf Grund ihrer wahrscheinlich parteipolitisch getrübten Erfahrungen aus dem eigenen Bildungsweg vermeint, das österr. Bildungssystem "reformieren" zu müssen!

Jetzt hat die Schul-Ministerin sogar noch eins drauf gesetzt: sie will die einheitliche Ausbildung aller Kindergartentanten und Lehrer!! Man stelle sich vor: die wegen der Dringlichkeit der Berufstätigkeit der Mütter tw. noch in den Windeln liegenden Kindergarten-Babies sollen von Akademikern betreut werden! Meist werden das ebenfalls Leute ohne praktische Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern sein! Hauptsache ist, sie kommen bei der Besoldung in das Akademiker-Schema und bekommen vom Staat eine Menge Geld! Dabei würden durchaus mütterliche Frauen mit praktischer Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern genügen, die den so "weggelegten" Kleinkindern endlich ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln können! Das letzte was wir nämlich brauchen ist ein frustrierter und brutalisierter Nachwuchs!

Problemresistenz und lernunwillig

Parteifunktionäre können sehr problemresistent sein woraus der Eindruck von Lernunwilligkeit entsteht, was beim Thema Schule natürlich einen fatalen Eindruck hinterlässt. Nimmt man als Bürger beide Faktoren bei Politikern wahr, die in einer Partei seit Jahrzehnten tätig sind - von 45% Wähleranteil bei nunmehr 25% - fallen dem Beobachter auch andere Eigenschaftswörter ein, die allerdings in einem eklatanten Widerspruch zum vermuteten Intelligenz- und Bildungsniveau dieser Parteifunktionäre stehen. Lieber Herr Dr. Khol, an dieser Stelle will ich zum wiederholten Male daran erinnern, dass es beim Thema Schule nicht um Föderalismus versus Zentralismus oder um „Einheitsbrei“ versus „Vielfalt“, auch nicht um „freie Wahl“ versus „Zwangstagsschule“ geht. Es geht auch nicht darum ob sich die sparsamen „Alemannen“ nun ein Körberlgeld für ihr Budget geholt haben, sondern es geht schlicht und einfach um das Wohl unserer Kinder und gute Arbeitbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer.

Ophicus
26.01.2009 10:08
0 0

Re: Problemresistenz und lernunwillig

Das Wohl unserer Kinder und die Arbeitsbedingungen für Lehrer hängen aber eben genau von so nebensächlichen Punkten wie der Vielfalt der Schulen und dem Geld (um das es bei Zentra- gegen Föderalismus zumeist geht) ab.

Genausogut könnte ich auf die Forderung nach mehr Geld für die Unis behaupten das wäre egal, weils ja nicht um Geld sondern die Zukunft der Studenten geht. Als ob man das tatsächlich trennen könnte.

Re: Re: Problemresistenz und lernunwillig

Dem Kommentar von Dr. Khol entnehme ich den Vorwurf eines "Etikettenschwindels" unter "Missbrauch" der Möglichkeiten des Bundes zum Zwecke der Durchsetzung von Verbesserungen der Bedingungen an einem Schultyp, was von den "sparsamen Alemannen" als Möglichkeiten wahrgenommen wird, sich ein Budgetkörbergeld zu verschaffen. Genau dieses Niveau der Diskussion von Funktionären und Politprofis geht vielen Menschen auf "den Geist", die den Kindern und Jugendlichen bzw. Lehrerinnen und Lehrern nahe stehen. Das Gezerre um die Föderalismus und die Doppelgleisigkeit fressen nämlich gerade im Schulsystem viel von jenen Finanzmitteln auf die eigentlich für den unmittelbaren Einsatz in den Klassen notwendig wären. Prestigeposten für parteihörige Funktionäre verbrauchen jene Finanzmittel die Österreich im OECD - Bericht zwar zugesteht viele Geld für die Schule einzusetzen aber nicht ausreichend effizient zu sein. Kholl und Co. ist die Landeshymne wichtiger als unsere Kinder und Jugendlichen. Europa?

Re: Re: Re: Problemresistenz und lernunwillig

Eine Diskussion die sich um Summen von Millionen u. Milliarden von deren Wirksamkeit wir als Bürgerinnen und Bürger eigentlich keine Vorstellung haben (sozial-kapitalistische Geldorientierung) ist sinnlos. Die inhaltlichen Diskussion in der Schule geht um Fragen wie: Ist es sinnvoll Kinder schon im Alter von 10 Jahren in zwei "Kathegorien" zu teilen? (Volksschule war für das Volk, Hauptschule vormals Bürgerschule war für die Bürger, Gymnasium konnten sich Adelige und reiche Bürger leisten, heute verteidigt eine Volkspartei diese Tradition die kein pädagogisches Konzept war, sondern eine Kathegorisierung nach Ständen). Bringt es nicht ein mehr an Entwicklungsmöglichkeiten und Bildungschancen, wenn unter einem Dach bestimmte Pflicht- und eine große Zahl von Wahl- bzw. Neigungsfächern angeboten wird? Soll die Lehrerausbildung weiter nach der Kathegorie Volks-, Hauptschul und akademisch gebildetem Gymnasialprofessor organisiert sein? Ist nicht ein Ausbildungskonzept das Durchlässigkeit ...

Ophicus
26.01.2009 17:32
0 0

Re: Re: Re: Re: Problemresistenz und lernunwillig

Ah gut.
Da Professor Kohl im Prinzip auch nichts anderes sagt als Sie - nämlich dass die eigentlich wichtige Diskussion über Inhalte verdrängt werden - sind wir wohl wieder bei dem üblichen Thema: "wer nicht MEINE Ansicht teilt was die richtige Bildungspolitik wäre, dem ist offensichtlich das Wohl der Kinder egal".

Re: Re: Re: Re: Re: Problemresistenz und lernunwillig

Selbstverständlich nehme ich nicht an, dass Herrn Dr. Khol die Kinder und Jugendlichen egal sind (ich weiss: er selbst hat 6 Kinder). Was über die Jahre welche sich die Schuldiskussion schon hinzieht ist: Diese nicht endenwollenden Kompetenzfragen die einerseits das Verhältnis zwischen dem zuständigen Bundesminstern und den Ländern und andererseits der gegenseitigen Blockaden durch die notwendige 2/3 Mehrheit auf Bundesebene gehen besonders jene die auf der Innenseite der Schule betroffen, sind wirklich "auf den Geist". Dieser Kommentar war natürlich wieder dieser Frage gewidmet und Herr Dr. A. Khol ist immerhin ein wichtiger Exponent der ÖVP der durch seine Mitarbeit an zahlreichen Kommissionen betreffend die Verwaltungsreform mitgearbeitet hat und daher ein hohes Maß an Mitverantwortung trägt. Es ist nun einmal so, dass die Länder - besonders viel Entscheidungsmacht für sich beanspruchen - hinsichtlich Steueraufkommen aber gerne auf das "Absingen der Landeshymne verzichten".

europa
26.01.2009 09:29
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Re: Problemresistenz und lernunwillig

und was ist die schlußfolgerung aus dieser aneinanderreihung von potentiellen no-na aussagen?

Re: Re: Problemresistenz und lernunwillig

Siehe oben und FURCHE Nr. 4 v. 23. Jänner 2009. Thema Schule!!!

Paige
25.01.2009 20:48
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Genau so ist es

Sage das auch schon länger - die NMS ersetzt die HS und wertet diese ev. auf, weil sich die Absolventen nun Mittelschüler nennen dürfen und vor allem wegen des Geldes; nicht nur, dass das Geld vom Bund kommt, sondern es wird für den Schulversuch auch MEHR bezahlt als für die HS. Neben der NMS verbleibt allerdings die AHS wie gehabt. Am Land werden zudem die AHS nicht so häufig besucht wie in der Stadt, da sie zu weit entfernt liegen - die Kinder müssten dann ins Internat. So verbleiben auch Begabte in der HS. So richtig lustig wirds darum erst in Wien werden...

Antworten Gast: Christian
26.01.2009 00:30
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Re: Die Frage bleibt, ob die NMS eine höhere Repetitenten-Quote haben wird!

In der Schule wird den Schüler das Wissen schrittweise und stufenweise beigebracht. Es ist nur ausnahmsweise möglich eine Klasse zu überspringen. Wenn nun, wie etwa in Wien, der in der "Unterstufe" vermittelte Stoff nicht ausreicht, um in der Oberstufe "mitzukommen"? Vor der "Zentral-Matura" wäre das einfach gewesen - man hätte einfach das Matura-Niveau senken bzw. die Matura-Klasse entsprechend "präparieren" können! So werden aber für die 12.Schulstufe Mindeststandards eingeführt! Man kann also neugierig sein, was bei diesem "Schulversuch" herauskommt! Wahrscheinlich die Abschaffung der Zentralmatura!

europa
26.01.2009 09:31
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Re: Re: Die Frage bleibt, ob die NMS eine höhere Repetitenten-Quote haben wird!

bevor die roten die zentralmatura wieder abschaffen, wird sie sicher öfterns nach unten nivelliert - wette gilt!

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