Gleichheit durch gleiche Bildung für alle Kinder – also Schluss mit dem vielfältigen Schulsystem, in dem es nebeneinander Hauptschulen (HS) und Allgemeinbildende höhere Schulen (AHS) gibt. Eine einzige Schule für alle 10- bis 14-Jährigen, eine Gesamtschule, das war seit Bestehen der Republik das Ziel sozialistischer Bildungspolitik: die klassenlose Schule. Die Gegenposition der Christdemokraten: eine AHS in jedem Bezirk, verbesserte HS mit Übertrittsmöglichkeit in die AHS.
Der Kampf wurde grimmig und hoch ideologisiert geführt. Gleichheit sagten die Linken, Gleichmacherei und Leistungsfeindlichkeit die Rechten. Der Kampf tobte, als Zwischenziel wurde zuerst die Aufnahmeprüfung in die AHS beseitigt – inzwischen gibt es eine andere, wirkungsvollere Einstiegshürde. Bildungspolitik ist zwischen den Parteien heftig umstritten und eine Frage, die auch die Öffentlichkeit bewegt. Alfred Gusenbauer verfehlte auch dieses Ziel. Mit der ÖVP wurde ein Schulversuch vereinbart: die Neue Mittelschule (NMS). Die SP-Ministerin „verkauft“ ihn beharrlich als ersten Schritt zur Gesamtschule. In den HS-Klassen sollte besser unterrichtet werden: mit mehr Lehrern und modernen Methoden (ob sie besser sind als der bewährte Frontalunterricht?). Die hohen Mehrkosten bezahlt der Bund – die HS zahlen ja sonst die Länder. Höchstens 10% der Schulklassen sollten sich freiwillig daran beteiligen.
Zuerst meldeten sich wenig Schulen – ein Fehlschlag? Aber dann kam die Rettung: Vorarlberg will alle HS als NMS führen! Potzblitz! Die schwarz regierten Alemannen plötzlich für die Gleichmacherei?! Großes Triumphgeschrei bei den Linken, Unruhe bei den Rechten. Niemand verstand die neue Liebe für sozialistische Bildungsziele.
Geht man der Sache aber auf den Grund, dann ist die Antwort für die einen ernüchternd, für die anderen erheiternd. Keine neue Liebe, sondern eine alte: zum Geld! Die flächendeckende Verbesserung der HS mit von Wien bezahlten Lehrern und neues Wiener Geld für Landesschulen, die sonst Vorarlberg zahlen müsste, das gefällt jedem Föderalisten! Die Aufwertung der HS neben der AHS war immer schon Programm der ÖVP! Die AHS bleiben ja bei diesem Schulversuch überall weiter bestehen, und damit das vielfältige Schulangebot. Die Vorarlberger haben aber gezeigt, dass die NMS unter falscher Flagge segelt: von einem Schritt zur Gesamtschule keine Spur. In Wirklichkeit ist es eine Hauptschulverbesserung zu Lasten des Bundes. Genauso wenig entspricht die endlich bald Wirklichkeit werdende Zentralmatura sozialistischen Bildungszielen. Ganz im Gegenteil: die vergleichbar hohen Leistungsstandards, eine Kontrolle, was die Lehrer unterrichtet, was die Schüler gelernt haben, und auch ein Ende für die allzu schülerfreundlichen Spezialvorbereitungen. Wenn auch unter falscher Flagge: Mich freuen beide Entwicklungen.
Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2009)

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google














