11.02.2012 17:47 | Meine Presse Merkliste0

Die letzte Chance?

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Alle ÖH-Funktionäre sind gegen das E-Voting. – Zum eigenen Schaden.

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Wie legitim ist eine Interessenvertretung, wenn nur 28% ihrer Klienten an den Wahlen zu ihren Organen teilnehmen? Die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) hatte schon immer ein Problem, ihre Daseinsberechtigung zu erklären. Wegen der stetig schrumpfenden Wahlbeteiligung wurde sie von den anderen Interessenvertretungen nie ernst genommen, von Kritikern als die Gehschule eines „neokorporatistischen“ Ständestaats gehöhnt. Die Schülervertretungen und die Studentenvertretungen haben allerdings wesentlich zur Heranbildung von demokratisch geformten Führungseliten beigetragen. Das ist verdienstvoll, reicht aber nicht.

„A Ausred' und a Nudelbrett seind allweil guat beim Haus“, eine bewährte alpine Volksweisheit. So redeten sich die ÖH-Funktionäre auf die Ortsgebundenheit der Wahl aus: keine Briefwahl, keine Wahlkarten, hingehen muss man, und das bei den vielen Werk- und Fernkursstudenten, nicht am Hochschulort Ansässigen. Verständlich daher der Brief des Vorsitzenden der ÖH im Jahre 2000 an Regierung und Parlament mit der Bitte um gesetzliche Maßnahmen zur Überwindung dieser Hürde: Die Einführung des „E-Voting“ war ihre zentrale Forderung, also die Stimmabgabe im Internet. Für Studenten von heute ist der eigene Laptop unerlässliches Lernhilfsmittel, jeder hat einen PC. Das Parlament forderte mit einer Entschließung aller Parteien (außer den Grünen) auch die Regierung dazu auf, machte ein Gesetz. Nun ist die elektronische Stimmabgabe bei den Wahlen zur ÖH im Mai erstmals möglich.

„S'war ned Wean, wann ned durt, wo ka Gfrett is, ans wurd!“ Plötzlich sind alle ÖH-Funktionäre dagegen, mit einigen Verfassungsprofessoren als Helfern. Die Funktionäre wollen keine Versuchskaninchen sein – ein leicht durchschaubarer Vorwand: In Wahrheit fürchten sie, keine Ausrede mehr für die schrumpfende Wahlbeteiligung zu haben und ihre Legitimität endgültig zu verlieren. Unverständlich einige „Verfassungsfürsten“: Sie fürchten um die geheime und persönliche Wahl – einer meinte sogar, eine solche Wahl wäre verfassungswidrig, weil sie nicht demokratischen Grundsätzen entspreche. Beim Briefwahlrecht sei das anders, es sei in der Verfassung jetzt vorgesehen... Wäre es sonst vielleicht undemokratisch? Larifari: Viele Länder kennen das Briefwahlrecht, manche auch schon lang die elektronische Stimmabgabe – Manipulationen sind nicht bekannt.

Das geheime und persönliche Wahlrecht ist das subjektive Recht des Wählers, nicht seine objektive Pflicht. Will einer öffentlich wählen und sagen, was er wählt, darf er das! 85% der Studenten begrüßen das E-Voting – so wird die ÖH-Wahl zur echten Nagelprobe und vielleicht letzten Chance: mit dem Wählen am PC die Wahlbeteiligung so zu heben, dass die als Sandkiste für künftige Führungskräfte Verspottete zur repräsentativen Studentenvertretung wird.

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2009)

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11 Kommentare
Gast: D.Knoflach
26.03.2009 15:25
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Seltsame Argumentation, insbesondere für einen Verfassungsjuristen.

(Verfassungs)Rechtliche Bedenken einfach beiseite zu wischen, mit dem Argument, 85% (hauptsächlich Nicht-Juristen und Nicht-Informatiker) seien angeblich für E-Voting, ist eines Verfassungsrechtlers einfach unwürdig. Aber in der ÖVP zählt anscheinend nur die Parteidienlichkeit, und da können verfassungsrechtliche Bedenken scheinbar schon einmal beiseite geschoben werden, wenn die Hoffnung besteht, man könne so mehr "wahlmüde Bürgerliche" an die Urnen treiben.
Was wäre denn so schlimm daran, wenn die ÖH ihre Legitimität (endgültig) verlöre ? In Wirklichkeit ist die ÖH so gesehen durch die niedrige Wahlbeteiligung bereits delegitimiert, und selbst falls die Wahlbeteiligung durch E-Voting steigerbar wäre, so würde das am Legitimationsproblem so gut wie nichts ändern.
Nach einer ähnlichen Logik müßte Khol die EU als delegitimiert ansehen, denn bei der letzten EU-Wahl lag die Wahlbeteiligung ähnlich niedrig wie bei der ÖH. Aber das darf eine "Europapartei" wohl nicht einmal denken.

Antworten Gast: hobbit
27.03.2009 13:07
0 0

Re: Seltsame Argumentation, insbesondere für einen Verfassungsjuristen.

Gar nichts wäre schlimm daran, verlöre die ÖH ihre Legitimität. Sie ist ohnedies nur auf Fachschaftsebene zu gebrauchen, da ist sie ein guter Dienstleister. Die Organisationsebenen darüber sind mit ihrem politisch-ideologischen Schattenboxen für Spätpubertierende ohnedies nur ein rezeptfreies Brechmittel. Aber das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, daß etwas noch nicht deshalb verfassungswidrig ist, nur weil ein oder mehrere Professoren das sagen. Wenn es verfassungswidrig ist, soll man es vor dem VfGH bekämpfen. Warum aber etwas verfassungswidrig sein soll, das den Wähler näher zur Abstimmung bringt, bleibt ein Geheimnis der Theoretiker in den akademischen Elfenbeintürmen.

Dass angeblich 85% der Studenten für das E-Voting sind, während die ÖH Führung es ablehnt, ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie weit diese Funktionäre von der Lebenswelt "ihrer" Basis entfernt sind.

Antworten Antworten Gast: dk
27.03.2009 15:26
0 0

Re: Re: Seltsame Argumentation, insbesondere für einen Verfassungsjuristen.

Als normaler Bürger ist es gar nicht so einfach (de facto unmöglich), Wahlen oder Wahlordnungen beim VfGH anzufechten. Und es geht um weit mehr, als nur darum, den Wählern das Gefühl zu geben, sie hätten gewählt. Es geht darum, Wahlen so abzuwickeln, daß alle Wahlrechts-Grundsätze (gleich, geheim, etc.) gewährleistet sind.

Zu argumentieren: "was kümmert uns, ob die Wahl korrekt ablief, ob die Stimmen manipuliert wurden, ob die Stimmabgabe geheim blieb; Hauptsache, eine undurchschaubare Wahlmaschine spuckt am Ende irgendein Ergebnis aus, am liebsten mit gestiegener Wahlbeteiligung", ist genau die verkommene Rechtsstaatlichkeit, die so charakteristisch für Österreich ist.

Da wäre es einfacher, die Parteien beschliessen im Parlament irgendein ihnen genehmes Wahlergebnis und machen ohne Wähler so weiter wie bisher ....
(was sie bei der Listenerstellung, die den Wähler entmündigt, ja ohnehin schon lange tun)

Murray
24.03.2009 14:11
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ÖH-Wahlen sind so oder so manipuliert

Die Wahlbeteiligung bei der ÖH-Wahl ist zwar im Keller, aber eigentlich auch nicht niedriger als bei der AK-Wahl oder anderen Kammerwahlen. Der Vergleich mit der Beteiligung zu Nationalratswahlen fällt schlecht aus, ist aber nicht angebracht.
ÖH Wahlen sind wegen der mehrfachen Stimmabgabe (falls mehrere Studien gewählt wurden) ohnehin sehr manipulationsanfällig - jeder Wahlkommissionsvorsitzende kann da sehr eindeutige Angaben machen...
Und natürlich ist die ÖH ein sanfter Anklang an den Ständestaat - und damit eine echt österreichische Institution, da unsere Bananenrepublik eine dialektische Synthese zwischen Ständestaat und Rätediktatur darstellt.

Gast: Politicus1
23.03.2009 14:16
0 0

Aber, Herr Professor!!

Ist das eine wissenschaftliche Argumentation:
"Larifari: Viele Länder kennen das Briefwahlrecht, manche auch schon lang die elektronische Stimmabgabe – Manipulationen sind nicht bekannt."??
Auch wenn viele die Unwahrheit sagen, wird es trotzdem nicht wahr!
Keine Manipulationen? Florida und Bush schon vergessen??
Und noch eines:
welches Interesse hat der Seniorenchef am e-voting der ÖH-Wahl wirklich, dass er sich schon wie ein Lobbyst einer voting-Maschinen Fabrik geriert...??

Gast: Renate
23.03.2009 13:50
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Bürgerliche Freiheiten gehen verloren

ich teile die vorbehalte der studierenden, denn hat man uns nicht auch versprochen ebanking sei sicher- und siehe da bankdaten können manipuliert werden. das geheime wahlrecht ist nicht geheim im cyberspace mit seinen unkontrollierbaren einflüssen. wir geben bürgerliche freiheiten leichtfertig auf, weil wir bisher den staat nur als freundlich erlebt haben- wer sagt uns, dass dies so bleibt ?
wenn gesundheitsdaten, bankdaten, wahlverhalten,kontakte per telefon und mail verfügbar sind, sind wir komplett kontrollierbar. Von wem- bleibt offen!!! auch ich habe nichts zu verbergen- aber ich will kein gläserner mensch sein. ich sitze auch nicht nackt im glaskasten. Mir wird bereits kalt wenn ich nur daran denke

Gast: hawkeye
22.03.2009 23:49
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Manipulationen sind nicht bekannt?

Mir schon. USA, Ukraine ... Beide wählen elektronisch, in beiden Fällen gab es eine Diskrepanz zwischen den "exit polls" und den ausgezählten Ergebnissen; freilich hat unsere sog. Öffentlichkeit nur in einem der beiden Fälle laut "Fälschung" geschrieen, in dem anderen die Geschichte umständlich wegerklärt. (Die Republikanische Partei war weniger zimperlich, und hat Schlägertrupps ausgeschickt, um die Nachzählung zu verhindern.)

Meine These ist die: Bei der Administration einer Wahl hat eine private Firma nichts verloren. Punkt.

Ophicus
22.03.2009 23:13
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Larifari

Viele Länder kennen Briefwahl- und e-Voting und von Manipulationen ist nichts bekannt.
Das beruhigt doch enorm. Denn wie wir alle wissen geht es nicht darum Manipulationen zu vermeiden, sondern nur sie nicht bekannt werden zu lassen.

Gast: Iustinian
22.03.2009 18:21
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"Manipulationen sind nicht bekannt."

Um Grundrechte und Verfassungsprinzipien hat sich dieser Kohl auch als Politiker ja nie geschert!

Gast: heinz
22.03.2009 18:21
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manipulationen sind nicht bekannt

gut, wenn herr khol nur österreichische tageszeitungen liest... aber hätte er einmal nach amerika geschaut...

Gast: Studiosa
22.03.2009 18:20
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Wozu die ÖH wählen?

Ich bin gewissenhafte Wählerin, wenn es um Nationalrat, Gemeinderat, EU und Präsidentschaft geht. Aber den Sinn einer ÖH-Wahl habe ich in 7 Jahren Studium noch nicht durchschaut.

Das Problem ist, dass ich mich als Studentin von der ÖH nicht vertreten fühle, egal von welcher Gruppierung. Am täglichen Studienleben würde sich nichts ändern, wenn es die Truppe nicht gäbe. Nein, Moment, ich hätte heute kein Gratisjoghurt von den Kommunisten bekommen. Ein Grund, wählen zu gehen?

Die ÖH-Wahlen werden keine bessere Wahlbeteiligung bekommen, solange die ÖH keine wichtigere Rolle für die Studenten spielt. Im Moment ist der Verein keine Interessensvertretung sondern ein nettes kleines Netzwerk für zukünftige Politiker.


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