25.05.2012 20:57 | Meine Presse Merkliste 0

Hausaufgaben nach der Katastrophe

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Die Finanz- und Wirtschaftskrise, gefolgt von der Eurokrise, haben schonungslos die Mängel im System offengelegt.

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Die Finanz- und Wirtschaftskrise, gefolgt von der Eurokrise, haben schonungslos die Mängel im System offengelegt. Auf dem internationalen Finanzmarkt wütet der schrankenlose Liberalismus; die Gruppe der 20 bedeutendsten Industrienationen wird wohl endlich dem Finanzmarkt einen zwingenden Gesetzesrahmen und den Vorrang der staatlichen Ordnungspolitik auferlegen müssen. Die Eurokrise machte auch grundlegende Mängel in der Währungsunion deutlich. Diese in sich verschränkten Katastrophen haben in nur wenigen Jahren unermesslichen Schaden angerichtet. Welt- und europaweit sind wir aber trotz aller Unkenrufe auf gutem Weg, die Hausaufgaben zu machen. Das gesammelte Wissen und Können der europäischen Regierungen wird die Währungsunion zu einer echten Finanzunion umbauen.

Und Österreich? Österreich ist bis jetzt gut durch die Krisen gekommen. Angesichts der unverständlichen Vorgänge hat die Volksverführung allerdings Hochkonjunktur. Die großen währungspolitischen Entscheidungen fallen nicht im Land, wir wirken daran im europäischen Bereich nur konstruktiv mit. Die erste Hausaufgabe ist erst zur Hälfte gemacht: den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen und das Schuldenmachen zu beenden. Mit dem vom Nationalrat gerade beschlossenen Haushaltsgesetz, das Einnahmen und Ausgaben für die nächsten vier Jahre gesetzlich festlegt, haben wir den halben Weg hinter uns. Eine weitere Hausaufgabe haben viele noch gar nicht erkannt: Was sagt uns die Verdrossenheit über die Entscheidungsvorgänge der letzten Monate zu unserer Demokratie? Milliardenkredite – und Haftungen – werden im Nachhinein im Parlament nachvollzogen: Bedeutet demokratische Mitgestaltung lediglich die Einsicht in das Unvermeidliche?

Keineswegs, und daher müssen die parlamentarischen Instrumente neu gestaltet und geschärft werden. Die Entscheidungen in den europäischen Gremien können nicht im Nationalrat vorbeschlossen werden. Die üblichen Verfahren der Mitgestaltung sind ungeeignet: Plötzlich auftretende Problemlagen erfordern ebenso plötzliche Entscheidungen. Eine einzige Beschlusssitzung auf europäischer Ebene muss oft reichen. Ansatzpunkte für schnellere Verfahren der Mitwirkung des Nationalrats gibt es schon. Nur wenige Stunden vor jedem europäischen Rat informieren Bundeskanzler und Finanzminister den Hauptausschuss des Nationalrats, der u.U. sogar den Regierungsmitgliedern bindende Richtlinien mitgeben könnte. Ein Allparteien-Komitee – das „Feuerwehrkomitee“ – könnte parallel zum Rat tagen und jederzeit von Brüssel her befasst werden. In der bisherigen Praxis graue Theorie: jeder Regierung ein Gräuel, nur eine lästige Hürde. Diese Verfahren noch beweglicher und zwingender zu gestalten und damit alle Parteien einzubinden, die Probleme und die Entscheidungsfindung öffentlich zu machen, ist unabdingbar. Da liegt die Herausforderung für unsere Demokratie – nicht im Wahlrecht und nicht bei mehr Volksabstimmungen.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2010)

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6 Kommentare
Gast: presseleser
02.06.2010 11:13
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kohl hätte schon

längst handeln können. stattdessen ist er auf der seite der pensionisten, die ständig nach mehr fordern. WER schaut auf die jugend, werden wir jemals eine pension bekommen??

herr kohl was ist dem österreich konvent?

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Worin liegt die Herausforderung für unsere Demokratie?

Khol schließt mit dem Gedanken, dass „die Herausforderung für unsere Demokratie“ „nicht im Wahlrecht“ oder „bei mehr Volksabstimmungen“ läge. Damit offenbart er ein einseitiges Demokratieverständnis, das den Schwerpunkt beim Parlamentarismus hat. Für dieses Verständnis sind „Volksabstimmungen“ nur ein Instrument, das mehr oder weniger oft zum Einsatz kommen kann, wobei ein „Mehr“ eben nicht des Rätsels Lösung sei.

Diese Verkürzung lenkt vom Wesentlichen ab. Denn genauso, wie sich Andreas Khol überlegt, die Verfahren des Parlamentarismus zu erneuern und zu schärfen, müssen solche Überlegungen auch bei der direkten Demokratie zu ihrem Recht kommen. Ersterer hat sich über 200 Jahre hindurch weiterentwickelt. Bei letzterer wird meist noch ganz im Elementaren einfach von „mehr Volksabstimmungen“ gesprochen. Obwohl auch hier Vorschläge auf dem Tisch liegen, wie die unmittelbare Volksgesetzgebung auf der Höhe der Zeit ausgestaltet werden müsste. (Siehe dazu die Bürgerinitiative: „Erweiterung der Verfassung durch 'Dreistufige Volksgesetzgebung'“, – www.parlinkom.gv.at/PG/DE/XXIII/BI/BI_00018/pmh.shtml)

Vollständiger Kommentar auf:

http://www.zapata33.com/2010/06/01/worin-liegt-die-herausforderung-fur-unsere-demokratie

joquer
31.05.2010 17:46
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halber Weg

Wir haben den halben Weg schon hinter uns? Wovon träumen Sie Herr Khol?! Die Heft für die Hausaufgaben ist noch leer, selbst wohlwollend gesehen hat die Regierung das Heft gerade erst einmal aufgemacht, die Füllfeder aber noch nicht in der Hand. Momentan macht sie gerade Mittagsschlaf, dabei ist es schon 5 vor 12 (nachts)!

Antworten Gast: ernsthaftender
31.05.2010 20:04
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Re: halber Weg

ich würde die unbedarften Äußerungen des obersten Penionshüters nicht allzu .... ernst nehmen...es ist nur ärgerlich, dass diese naive Sichtweise von einem einstmals so mächtigen Berufspolitiker (!) zum "Besten" gegeben werden...

Gast: ET
31.05.2010 17:34
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Wer hat nun wirklich versagt?

Waren es wirklich die "Finanzmärkte" ohne Verantwortung der Politik? Waren es die Entscheidungsfindungsprozesse? Mangelnde Einbindung des NR? Oder vielleicht doch die EU?

Warum haben wir in Österreich nur soviele Schulden?

Die offizielle Staatsschuld liegt schon bei ca. 200 Mrd. Euro und verursacht, bei historisch niedrigen Zinsen, eine Zinsenlast von etwa 8 - 9 Mrd. Euro pro Jahr.

Dann wissen wir noch, dass die Kosten für die Gebietskörperschaften (348.000 Beschäftigte) schon 2008 bei 39 Mrd. Euro gelegen sind. 2010 werden die Kosten bei 42 - 43 Mrd. Euro liegen.

Auch diese Zahlen zeigen den wahren Horror noch nicht. Nach der Statistik Austria hatten wir 2008 nicht 348.000 öff. Bedienstete, wie vom BKA dargestellt, sondern 230.852 Beamte und 303.096 Vertragsbedienstete (= 533.948). Die Höhe der Kosten für die zusätzlichen 185.000 öff. Beschäftigten kennen wir nicht, ich nehme Gesamtkosten von min. 8 Mrd. Euro an.

Dann haben wir noch eine unbekannte Zahl von Ruhegenießern, welche den Genuss nur zu 20% selber decken, der Rest muss aus Steuermitteln kommen. Auch hier können wir nur hochrechnen, weil die Details nicht veröffentlicht werden. 300.000 Genießer x 3.500.- Euro x 14 x 80% = 11,7 Mrd. Euro.

Jetzt können wir für 2010 rechnen:
Steuereinnahmen:....+57 Mrd.
Aktiver Dienst1:.........-42 Mrd.
Aktiver Dienst2:...........-8 Mrd.
Ruhegenüsse:........-11,7 Mrd.
Zinsen:........................-8 Mrd.

Österreicher rauben Österreicher aus!

Gast: sprö
31.05.2010 13:35
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oh danke

ES tut so gut, von diesem kompetenten "Insider" immer wieder mit fundierten Ratschlägen versorgt zu werden....
wie viele Gesetze durch "speed kills" unter seiner aktiven Teilnahme hingepfuscht wurden und damit Rechtsunsicherheit und enorme Kosten (durch Sanierung und unnötige Rechtsmittel) verursacht haben, wird geflissentlich verschwiegen!

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