25.05.2012 21:03 | Meine Presse Merkliste 0

Wem nützt das Schauspiel?

ANDREAS KHOL (Die Presse)

In Sorge um Demokratie und Rechtsstaat.

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Parteien: durch Bestechungsspenden finanziert! Politiker: alle korrupt! Richter und Staatsanwälte: in den Fängen der Politik! Parlament: untätig! Regierung: Verfassungsbrecher!

Über allen hängt die Unschuldsvermutung. Dieses bedrückende Bild unserer Republik zeichnen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Sie berichten laufend von neuen Verdächtigungen und Beschuldigungen, Sachverhaltsdarstellungen an die Staatsanwaltschaften, von Teilstücken und Ermittlungsergebnissen: Alle betreffen Politiker oder deren Umfeld.

Die Informationslieferanten sind oft Politiker, die andere anschwärzen, Anwälte, die ihren Klienten nützen wollen, Mitarbeiter der Justiz, aus welchen Motiven immer. Im „Sommerloch“ Futter für über Wochen gehende wilde Spekulationen, wirre „Räubersgschichtn“, aber auch einige aufklärungsbedürftige Fakten, Stichwort Beratungsaufträge in Parteinähe. Wer immer seitenlang vorab als Verbrecher dargestellt wird, erhält eine Krone aufgesetzt. „Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung.“ Ein leerer Satz; in Wirklichkeit gilt die Schuldvermutung. Die „Helden“ des heurigen Sommerspektakels um das vorgeblich so korrupte Österreich mögen schuldig sein oder nicht, aber ein „Fair Trial“, also ein gerechtes Verfahren im Sinne der Europäischen Menschenrechtskonvention, erhalten sie in Österreich kaum.

Der Teufelskreis beginnt mit den Verdächtigungen. In wenigen Fällen kann die Behörde die Anschuldigungen sofort zurücklegen. Nein, sie ermittelt in alle Richtungen und das dauert. Die Öffentlichkeit, die Medien wollen Ergebnisse, schnell und im Sinne ihrer Vorverurteilungen: Strafverfahren, U-Haft, Schuldsprüche. Die Staatsanwälte müssen amtsverschwiegen sein, also wird spekuliert, kommen Anwälte zu Wort, dringen – gesetzwidrig – Informationsbrocken in die Zeitungen: Das Schwungrad dreht sich.

In den berühmten Fällen dieses Sommers: Buwog, Hypo Alpe Adria, Politikerbestechung durch ausländische Diktatoren gibt es weder gesicherte Fakten noch Tatsachen, eröffnete Strafverfahren, geschweige denn Anklagen und Urteile gegen Politiker. Alles geht allen zu langsam. Verfahren werden sogar eingestellt. Also schließt man messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Dunkle Mächte sind im Spiel, die Justiz versagt, die Regierung vertuscht, niemand gibt beschleunigende Weisungen. Ein Untersuchungsausschuss muss her – allerdings hat keiner der drei Ausschüsse der letzten vier Jahre irgendein Ergebnis gebracht, außer eine Ansehensminderung für Parlament und Abgeordnete. „Ein eiserner Besen muss her und in Regierung, Justiz, Parlament aufräumen.“ Die Stimmungslage ist präfaschistisch. Wem nützt das Schauspiel?

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2010)

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8 Kommentare
Gast: machmuss verschiebnix
28.08.2010 14:34
0 0

"..Die Stimmungslage ist präfaschistisch .."

Das ist kaum bestreitbar.

Die Ansicht darüber, wer jetzt die größten Faschisten
sind, gehen aber diametral auseinander !

Der FPÖ kan man nicht trauen ? Muß man auch nicht !
Aber man muß auch nicht permanent gegen "diese Faschisten"
hetzen !

Das Vertrauen in die Politik an sich, ist grade deshalb
ins Bodenlose gestürzt, weil vor allem die Linken
ohne Unterlaß ihren neurotischen K(r)ampf gegen den
Faschismus inszenieren. Mittlerweile sind die schon so
paranoid, daß sie sich sogar vor "ihren" links-angehauchten
Staatsanwälten fürchten !!

Verfolgungswahn, Paranoia war auch damals bei der RAF
(Rote Armee Fraktion) die treibende Kraft zu kriminellen
Aktionen.

Aber wem nützt nun das Schauspiel wirklich? Oder schadet
es am Ende nur - und zwar uns allen !!!

Der massive Vertrauens-Verlust schadet immens. Wenn von
allen Seiten mit pre-faschistischer Hetz-Propaganda
aufeinander losgegangen wird - und die Linken geraten
dabei keineswegs ins Hintertreffen - dann steht über
kurz oder lang auch der nächste Akt in diesem Drama
auf dem Plan !!

Was früher mal als "Wahlkampf-Gag" der Altparteien anfing,
nämlich die Ver-NAZI-fizierung der FPÖ, das hat eine
schaurige Eigendynamik entwickelt. Jene die dran glauben
drängen alle anderen - die daher ja NAZIS sein MÜSSEN -
in eine Ecke, wo sie weder hin wollen noch hin passen.

Noch Absurder wird das Ganze, wenn man bedenkt, daß
auf globaler Ebene inzwischen eine Weltherrschaft der
internationalen Hochfinanz entsteht.

loup
23.08.2010 22:15
0 1

Krokodilstränen sind fehl am Platz

Herr Prof. Kohl beklagt, dass dem Ansehen der Politik durch zahlreiche Verdächtigungen - mit Unschuldsvermutung - geschadet wird und macht die Medien, die Opposition, die Anwälte, Justizmitarbeiter usw. für die daraus resultierende präfaschistische Stimmungslage verantwortlich.
Einspruch: Die Politik verschiebt die terminlich in der Verfassung festgeschriebene Budgetrede aus fadenscheinigen Gründen.
Die Politik beschloss früher eine Version des Antikorruptionsgesetzes, in dem die Politiker nicht als Amtsträger galten und somit nicht belangt werden konnten. Die Politik hat es in der Hand, die in der Justiz "verfahrenseinschläfernde" Berichtspflicht bei prominenten Beschuldigten einzudämmen. Ein offensichtlich im vorauseilenden gehorsam agierender Staatsanwalt vergisst eine Anzeige gegen einen Politiker. Im übrigen scheinen sich v.a. im Hypo-Alpe-Adria-Skandal die ursprünglichen medial bekanntgegebenen Verdachtsmomente durch Zeugenaussagen mehr als zu bestätigen.
Die Krokodilstränen eines (Ex-)Politikers sind daher absolut fehl am Platz. Anstatt die Überbringer der schlechten Nachrichten zu brandmarken soll die Politik saubere Lösungen für die o.a. Probleme, die einer mangelhaften Gewaltenteilung entspringen, und auch für die mehr als undurchsichtige Parteienfinanzierung entwickeln. Durch diese Massnahmen, die zum Teil eine Angleichung an europäische Standards bedeuten, wird sie wieder Vertrauen zurückerlangen und der populistischen Politik die Angriffsflächen entziehen.

Kein Schaupspiel, sondern auch massives Politikversagen

Kein Wort über die mangelhafte Heranführung von Politikfunktionären durch vorwiegendes Training auf reflexhafte Abwehr von Vorschlägen politischer Mitbewerber. Training in Händeschütteln und Grüßen und dem medienwirksamen Auftritt. Fühlt man Abgeordneten etwas „auf den Zahn“ merkt man die inhaltliche Leere und das fehlende Fundament. Hier ist etwas passiert, werter Herr Khol. Ein Kommentar der die nunmehr auftretenden Eiterbeulen ausschließlich auf ein Mediennirvana reduzieren will, knappert auch an Ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit. Die Menschen sehen wie sehr Politik und Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten sich aus der juristischen Trickkiste bedient hat. Reflexion tut Not, Herr Khol. Gerade Sie und Ihr Kollege Karl Blecha haben in den vergangenen Jahrzehnten das politische Leben an sehr maßgeblichen Positionen mitbestimmt. Leider ist mein Vertrauen an die Reflexionsfähigkeit von Politikfunktionären eher begrenzt. Das wird wahrscheinlich am hohem Level an mentaler Stärke in Sachen Training auf Abwehr von Gedanken die Nachdenklichkeit hinsichtlich eigener Verirrungen im Politkompetenzdschungel, den wir in Österreich zweifellos haben. Nach Jahren Diskussion um Verwaltungsreform streiten sich die Landeshauptleute mit der Bundesregierung um die Kompetenz für die Lehrereinstellungen, das ist kein Nachweis für Lösungskompetenz. Allerdings nur ein Beispiel dafür wie sehr sich SPÖ und ÖVP, Länder und Bund und diverse Länder untereinander.

Thonet H.
23.08.2010 16:38
0 0

Was soll den der Klüngel

zwischen Politik, Wirtschaft und Banken zu Tage fördern und sich selbst ins Knie schießen!

0 1

Das ist kein Schauspiel,

sondern ein Trauerspiel und es zeigt klar, dass es im Volk zurecht Unruhe über den unerträglichen Sumpf bei Parteien, der Justiz und einem upperclass-Klüngel gibt. Diese Unruhe alarmiert natürlich die genannten Gruppen, geht es doch um ihre Pfründe.

Da sich der Filz aber seit Jahrzehnten so verdichtet hat und sich durch alle Schichten zieht, sehe ich kaum eine rasche Chance auf Besserung.

Man kann tatsächlich in Sorge um Demokratie und vor allem den Rechtsstaat geraten, aber anders, als Sie es oben ausdrücken, Herr Dr. Khol!

0 0

Und was sagt Karl Blecha dazu?

Ich glaube der ist mehr Experte als Kohl in Sachen Unschuldsvermutung

Gast: AlterKämpfer
22.08.2010 21:00
1 0

Danke!

Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Professor!

Gast: Parteiloser
22.08.2010 19:08
1 1

Keine Ansehensminderung möglich, eine Reinigung aber notwendig!

Parteien: durch Bestechungsspenden finanziert! Politiker: alle korrupt! Richter und Staatsanwälte: in den Fängen der Politik! Parlament: untätig! Regierung: Verfassungsbrecher!

Die Demokratie wurde von den Parteibonzen kaputt gemacht, weil diese den Wählerauftrag nur noch Recht zum Abkassieren gesehen haben, die damit verbundene Verantwortung gegenüber Österreich und den Österreichern aber nicht mehr.

Dieses Abkassieren ist wahrscheinlich auch weniger durch illegale Aktionen erfolgt, vielmehr durch die Legalisierung der grausamen Umverteilung im Parlament. Diese Legalisierung erfolgte durch Beamten und Funktionäre der geschützten Bereiche im Parlament, welche die Gesetzesvorlagen gar nicht gelesen haben! Dann noch der unerträgliche Klubzwang, mit welchem die Parteien die Demokratie endgültig kaputt gemacht haben. Waren Sie, Hr. Kohl, da nicht voll dabei?

Das beste Beispiel ist die legalisierte Umverteilung von 15 Mrd. an Zwangsabgaben an die Parteifreunde und Genossen, nur um den Einfluss der Partei auch aufrecht erhalten zu können.

Die genannten Skandale sind doch nur einige Spielsachen, die echten, und großen, Abkassierereien finden im Parlament statt.

Wie weit auch die ÖVP im legalisierten Sumpf der Umverteilung drinnen hängt, zeigte auch dei Ernennung des 2. NR Präsi deutlich auf.

Es geht nicht um Verdächtigungen oder auch der Presse, das Kernproblem sind degenerierte Parteibonzen, welche die 2. Rep. kaputt gemacht haben.

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