25.05.2012 21:07 | Meine Presse Merkliste 0

Was alles ist faul im Staate Österreich?

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Trotz aller Kritik und vieler berechtigter Klagen: Die Bundesverfassung, die gerade 90 Jahre alt geworden ist, hat sich im Großen und Ganzen bewährt.

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Am 1. Oktober wurde unsere Bundesverfassung 90 Jahre alt. Aus diesem Grunde fand im Parlament ein Symposion statt, manch eine kritische Würdigung wurde veröffentlicht. Ein Autorenkollektiv fand unter dem Buchtitel „Was ist faul in Österreich?“ manch eine Fäulnis. Es knüpfte dabei an jene Dogmatiker an, die unsere Bundesverfassung als Ruine bezeichneten.

Verfassungsästheten beklagen seit Langem die Streulage der Verfassungsgesetze, das Fehlen einer einheitlichen Urkunde. Andere beklagen die Schwerfälligkeit der Verwaltung, die Zentralisten kritisieren den Föderalismus, die Föderalisten den Zentralismus, kurzum: auch viele Verfassungsrechtler und -politiker ergehen sich in der österreichischen Lieblingsbeschäftigung: Lerne Klagen, ohne zu leiden.

Dem möchte ich entgegenhalten: Unsere Bundesverfassung hat sich bewährt. Sie hat es ermöglicht, dass auf ihrer Grundlage durch zahlreiche, alles in allem kluge Verfassungsergänzungen und -veränderungen ein freier, demokratischer, sozial-marktwirtschaftlich geordneter Rechtsstaat gewachsen ist.

Aus einem Staat, der 1918 vom Kaiserreich übrig blieb, blutend, zerrissen, arm, bereit, sich aufzugeben und Deutschland anzuschließen, aus einem „Staat, den keiner wollte“ (H. Andics), wurde ein Staat, den seine Bürger wollen, in dem gut leben ist. Die Verfassung in ihrer Biegsamkeit hat es erlaubt, ganz unterschiedliche Instrumente in den Dienst des österreichischen Wohlstands zu nehmen. Auf ihrem Boden konnten die soziale Marktwirtschaft, die Neutralität, die Mitgliedschaft im Europa der Menschenrechte des Europarats, der Beitritt zur EU und die Sozialpartnerschaft wachsen.

Geburtsfehler konnten bis heute nicht beseitigt werden: Der Föderalismus ist im Widerstreit zwischen Wien und den Bundesländern immer noch in der Verfassung blutleer ausgebildet. Die Aufgabenteilung im Schulwesen, in der Sicherheitsverwaltung, im Gesundheitssystem und im Energiewesen war von Anfang an doppelgleisig und „verhatscht“. Lücken sind spürbar: eine zeitgemäße Verwaltungsgerichtsbarkeit; ein überschaubarer Grundrechtbestand; eine dynamische Zusammenarbeit der Gemeinden; ein zielsicheres Recht für die politischen Parteien.

Ihre Hauptaufgaben hat die Bundesverfassung erfüllt: Republik und Demokratie sind so geordnet, dass die Freiheit der Bürger und ihre Daseinsfürsorge gewährleistet sind. Die Macht ist wirksam verfasst: der friedliche Wechsel der Mächtigen, die Herrschaft auf Zeit, das Gewaltmonopol des Staates und der Schutz von legitimen Minderheiten vor der Mehrheit sind sicher verankert.

Der politische Grundkonsens konnte sich entwickeln und Eingang in die Verfassung finden. Natürlich übersehe ich nicht den weiteren Wachstums- und Änderungsbedarf, unterstreiche den Reformstau, spüre den zeitweisen Stillstand. Aber insgesamt ist unsere Heimat gesund und nicht von Fäulnis befallen.

Mit diesem Kommentar verabschiede ich mich als „Querschreiber“. Fast vier Jahre lang durfte ich hier meine Meinung veröffentlichen. Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut – und ich danke meinen Lesern. Ich verstehe, dass meine ehrenamtliche Tätigkeit als Seniorenvertreter trotz Rückzugs aus dem Nationalrat immer akzentuierter und politischer wurde – und damit unvereinbar mit dem redaktionellen Grundsatz der Presse, unter dieser Rubrik keine Politiker zu Wort kommen zu lassen!


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2010)

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13 Kommentare
Gast: ohneland 2
02.11.2010 18:46
0 0

Ja, der Herr Khol

mit seinen leeren Phrasen! Die vielen "klugen Verfassungsergänzungen" haben bewirkt, dass nichts mehr geht. Gerade im letzten Club 2 hat sich der Seniorenvertreter darüber beschwert, dass viele Reformkonzepte in der Schublade der Regierung liegen, dass sich dafür aber keine zwei Drittel-Mehrheiten finden lassen.
Woran das wohl liegt? Genau daran, dass man alles bis zum Jüngsten Tag einbetonieren wollte!

Gast: Gast
29.10.2010 19:31
1 0

Aus der Sicht eines Politikers

hat sich die Verfassung sicherlich bewährt. Schließlich ist zu ihrem Inkrafttreten kein Volksentscheid notwendig. Somit ist sie vor parteipoltischen Machinationen völlig ungeschützt.
Ein Staat, inem die sogenannten Volksvertreter
dem Clubzwang unterworfen sind, ist keine Demokratie, höchstens eine Volksdemokratie.

Gast: ...
29.10.2010 10:16
0 0

GOTT SEI DANK !!!

Mit diesem Kommentar verabschiede ich mich als „Querschreiber“.

Gast: Beobachter im Ausland
22.10.2010 07:25
1 0

Was faul ist?

Hier nur ein kurzer Abriss, der mir ad hoc einfällt:

* Seit Regierung Gusenbauer ist Österreich nicht nur de facto sonder auch de iure eine Kammer-Volksrepublik. Lösung: Kammern abschaffen. Diese können sich bei Bedarf als Vereine neu konstituieren.

* Wie galli leo schon bemerkt hat, gibt es keine Gewaltenteilung. Lösung: Mehrheitswahlrecht mit direkt verantwortlichen Mandataren oder Exekutivpräsidentschaft. Es gibt auch andere Möglichkeiten.

* Trennung von Kirche und Staat. Alle anerkannten Religionen sind heute de facto Staatskirchen, denen Steuergeld sinnfrei (Religionsunterricht etc...) verfüttert wird. Lösung: Staatliche Religionsanerkennung und Konkordat ersatzlos streichen/aufkündigen.

* Bestimmungen, Verbote, Privilegien etc...: zB Ladenöffnungszeiten. Warum sollte der Privatwirtschaft vorgeschrieben werden, wann etwas verkauft werden darf?

* Föderalismusreform: Bundesrat aufwerten (und Mandatare vom Volk direkt wählen lassen) oder ersatzlos streichen. Kompetenzgewirr entflechten zB bei Landeslehrern, die vom Bund bezahlt werden (Einladung zur Steuergeldverschwendung) - Landeslehrer bezahlt aus Steuern die die Länder einheben oder Bundeslehrer bezahlt aus Steuern die der Bund einhebt.

* Beamten: Streichung von Pragmatisierung und Umstellung auf in der Privatwirtschaft übliche Leistungserwartungen und Privilegien.

* Aktuell: Ausstattung des VfGH mit effektiven Mitteln zur Durchsetzung seiner Urteile, zB automatische Absetzung der Regierung bei Verfassungsbruch.

Antworten Gast: Beobachter im Ausland
22.10.2010 20:34
1 0

Re: Was faul ist?

Das Wichtigste habe ich seltsamerweise ad hoc vergessen:

* Nulldefizit in schlechten, Überschuss in guten Jahren. Die Punkte oben sind nicht akut zukunftsgefährdend, das derzeitige Budgetdefizit schon. Ich schlage ein Verfassungsgesetz vor das ein ausgeglichenes Budget vorschreibt, widrigenfalls die Regierung zur Verantwortung gezogen wird.

Heute könnten wir noch leicht 10% in jedem Ressort einsparen und das Budget ausgleichen, in 10 Jahren sieht die Sache anders aus.

ambrosius
07.10.2010 13:54
1 0

Politische Leichen

die sich gern selbst in die Sonne stellen sind mir unsympathisch ... vor allem wenn sie nichts faktiv Geleistes vorzuzeigen haben. Faktum ist das unsere Staatsverwaltung ein unfinanzierbares Monstrum ist, das unsere Justiz im Paragraphendschungel untergeht und keine politische Unabhängigkeit mehr besitzt und das der Parteienstaat die parlamentarische Demokratie zerstört. Danke Kohl.

galli leo
05.10.2010 07:07
0 0

"Die Bundesverfassung, die gerade 90 Jahre alt geworden ist, hat sich im Großen und Ganzen bewährt."


wenn man ein 'großer' ist und bei ihrer anwendung feste mitmischt: vielleicht....

aber hier ein ein beispiel für ein ganz extremes versagen:

in ö gibt es die gewaltenteilung. legislative, exekutive und justiz SOLLTEN getrennt und unabhängig voneinander tätig sein.
doch wie sieht es tatsächlich aus?
die verquickungen von justiz und exekutive sind doch bekannt und werden auch hier immer wieder diskutiert und kritisiert.
ganz schlimm sieht es mit der trennung von exekutive und legislative aus: das wirken dieser beiden erfolgt doch in quasi personalunion. was die regierung dem nationalrat vorlegt, wird dort brav abgenickt.

war die tatsächliche gewaltenteilung jemals aktiv? (über die 1. republik bin ich nicht so gut informiert, doch in der 2. republik war das noch an keinem einzigen tag der fall!)

Gast: altpräser
04.10.2010 16:20
0 1

oh danke

für die vielen informativen, objektiven und weitblickenden Kommentare, schade, dass er sich nun nur noch um die Sorgen der im wohlverdienten Ruhestand befindelichen MitbürgerInnen kümmern kann. Aber die werden ohnehin immer mehr, immer älter und ... fordernder, das braucht einen erfahrenen Staatsmann an der Spitze, wir als zukünftige "hoffentlich sehr bald Ruheständler" wübnschen Ihnen das Allerbeste!

Gast: desaster
04.10.2010 12:48
1 1

Verfassung

Die Verfassung war, als sie 1920 niedergeschrieben wurde, sicher ein großer Wurf, wie er heute wahrscheinlich nicht mehr gelingen würde. Trotz dem sehr geehrter Herr Kohl, Konservativismus ist gut wenn es um Grundwerte geht, bei Sachfragen und Anpassungen an die heutige Zeit- und sagen Sie nicht in den vergangenen neun Jahrzehnten hätten keine einschneidenden Veränderungen stattgefunden- sollte schon längst zumindest ein Hauch von Modernität einziehen.

Barbara_
04.10.2010 10:01
1 0

Ihr Abschied

Schade, Herr Khol, ich mochte Ihre Kommentare immer sehr gerne!

Gast: Parteiloser
04.10.2010 09:45
2 1

Zum Abschied!

"Unsere Bundesverfassung hat sich bewährt"

"Republik und Demokratie sind so geordnet, dass die Freiheit der Bürger und ihre Daseinsfürsorge gewährleistet sind. Die Macht ist wirksam verfasst: der friedliche Wechsel der Mächtigen, die Herrschaft auf Zeit, das Gewaltmonopol des Staates und der Schutz von legitimen Minderheiten vor der Mehrheit sind sicher verankert".

Das ist ein Sicht durch die Rosarote Brille!

Die Verfassung wurde über Dekaden vom Parlament laufend geändert, sodass der Sionn der Verfassung laufend ausgehoben wurde. Wenn immer ein Wunsch der Parteien (Umverteilung nach Gutdünken) nicht möglich war, wurde sofort die Verfassung geändert.

Diese Gesetzesbeugung der Parteien, welche heute nur noch aus Beamten und Funktionären bestehen, hat die Demokratie unterwandert und zu einer Dominanz der Minderheit über die Mehrheit geführt.

Heute muss man feststellen, dass die demokratischen Grundideen ausgehoben (Klubzwang beachten!) ausgehoben wurden und eine Machtkonzentration bei einer dominierenden Minderheit erfolgte. Auch die extremen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Disbalancen zwischen den geschützten Bereichen und den Menschen aus der Realwirtschaft zeigen das deutlich auf.

Bei diese Tatsachen von sozialer Marktwirtschaft, Neutralität, und Menschenrechten zu sprechen ist eine Verhöhnung der Ö.

Ein Teil der 2,7 Mio. Österreicher, welche mit unter 786.- Euro p.M. leben müssen, können Sie sich selber zuschreiben und zum Nachdenken mitnehmen

Antworten galli leo
05.10.2010 07:19
1 0

"...und eine Machtkonzentration bei einer dominierenden Minderheit erfolgte"


das ist quasi systemimanent und nennt sich "demokratie"!

denn diese ist KEINE herrschaft des volkes sondern das projekt einer elite.

das war schon immer so (schon bei den erfindern rund um perikles),
ist so (selbst in der hochgelobten schweiz haben volksabstimmungen fast grundsätzlich eine beteiligung von unter 50%; meist liegt sie gar nur bei 20-30%),
und wird vermutlich auch immer so sein...

Antworten Gast: Parteilose
04.10.2010 11:15
1 0

Re: Zum Abschied!

ich kann ihnen weitestgehend zustimmen!
Allein, dass die Legislaturperiode um ein Jahr verlängert wurde ohne das Volk zu fragen ist eine verfassungsrechtliche Frechheit!
Dass unter Molterer und Gusenbauer (oder vice versa) die Kammern einen beinahe Verfassungsstatus bekamen etc...
Aber die Berufungspolitik an den österr. Universitäten brachte es mit sich, dass kaum ein Rechtsphilosoph ( wie Verdross, Marcic etc..) aufsteht und dem Wählervolk sagt, was alles schief läuft..

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