21.05.2013 02:58 Merkliste 0

In der Liebe zur Nebensächlichkeit soll uns niemand übertreffen

20.07.2012 | 18:20 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Angeblich sind die Selbstständigen die neuen Lieblinge der Politik: Leitl lobt sie, die Regierung will sie fördern. In Wahrheit sind sie Melkkühe. Wirklich leichter will ihnen das Leben niemand machen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Gewiss, jedes Thema für sich genommen ist nicht nebensächlich – weder für die Betroffenen noch gesamtgesellschaftlich. Die verbissene Verve, mit der aber zum Beispiel das rot-grüne Parkpickerl-Chaos in der Bundeshauptstadt und die absurde Drohung mit Sanktionen der Bundesländer diskutiert werden, deutet nicht nur auf gepflegtes provinzielles Verhalten, sondern auch auf eine perverse Liebe zur Nebensächlichkeit hin. Oder auf einen untauglichen Versuch, diese Liebe als Mittel zur Ablenkung zu instrumentalisieren.

Ein (Lehr-)Beispiel für die Ablenkungsvariante liefert Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl als Obmann der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA). Er sei stolz, dass es deutlich mehr Vorsorgeuntersuchungen bei den Selbstständigen gebe. Besser geht's nicht!

Die Sache mit der SVA und den Selbstständigen ist nämlich so, wie jeder Steuerberater und viele Mitarbeiter der SVA berichten können:

1. Die SVA-Beiträge treiben – meist im dritten Jahr nach der Gründung – Selbstständige entweder in den Konkurs oder vor das Exekutionsgericht.

2. Es wird von der SVA Geld von Selbstständigen verlangt, für die es absolut keine Gegenleistung gibt. Beispiel: Sozialversicherungsabgaben an die Pensionsversicherungsanstalt oder bei Werkverträgen; Beiträge zur SVA, wenn das Einkommen aus selbstständiger Arbeit einen gewissen Betrag übersteigt. Alles gleichzeitig!

Auf die eher naive Frage, was denn jemand von den tausenden Euro pro Jahr an die SVA hätte, wenn er andernorts ohnehin Sozialversicherung zahle, bricht das große Bedauern aus: „Gar nichts!“ Also könnte man das Geld auch aus dem Fenster werfen? „Na ja, Sie könnten es auch jemandem geben, der in die Armut rutscht.“

Selbstständigen zum Beispiel? Die haben ja laut Leitl so viel „Freude“ an der Arbeit, dass sie weniger oft krank sind – knapp über oder unter dem Existenzminimum. Vielleicht sollte die Wirtschaftskammer im Überschwang von Leitls Freude sich einmal konstruktiv mit jenen Gruppen auseinandersetzen, die sie seit Jahr und Tag auf eine Änderung zugunsten der Selbstständigen drängen. Da sind etwa die erdrückende Sozialbürokratie und das Dickicht des Behördendschungels auf dem Weg in die Selbstständigkeit, auf dem viele ohnehin scheitern.

Wer den SVA-Würgegriff für Selbstständige lockern möchte, dem ergeht es nämlich wie dem berühmten „Buchbinder Wanninger“ des bayerischen Komikers Karl Valentin: Die Wirtschaftskammer gibt sich machtlos und verweist auf den Hauptverband der Sozialversicherungen. Diesem sind angeblich die Hände so lange gebunden, bis das Parlament entsprechende Gesetzesänderungen beschließt. Er verweist daher aufs Hohe Haus am Wiener Ring, wo man auf fehlenden Druck der Wirtschaftskammer verweist, weshalb man leider an der Gesetzeslage nichts ändern könne. Keiner ist zuständig, keiner verantwortlich.

Es gehört schon viel Zynismus dazu, vor diesem Hintergrund den Nachlass von zehn Prozent beim Selbstbehalt für kleine Selbstständige zu loben. Aber die Wirtschaftskammer hat sich um diese noch nie gekümmert – wie auch die Gewerkschaften nicht um die Prekären oder Arbeitslosen. Das zehnte Schuljahr des ÖGB diese Woche ist übrigens auch so eine Nebensächlichkeit. Aus Liebe zur Sozialpartnerschaft?

 

Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

9 Kommentare
Gast: Franzia
27.07.2012 22:18
0 0

bei einigen Mieten

in Wien die noch den Friedenszins angepasst sind bei Häuser wo ZB solche die für 70m² Wohnfläche und 150m² Garten satte 280,- -300,- €uro Miete zahlen. Wo Menschen behaupten sie haben bis Heute alles im stande gesetzt. Das müssen andere auch. Ist ja ganz Normal. Wnn ich dort wohne will ich es schön haben. Wenn sie aus einer Wohnung ausziehen zahlt Ihnen Niemand was. Andere müssen für die selbe größe mit Garten bis zu 80.000,- euro hinblättern dann noch 900,- €uro im Monat. Das ist noch kein Eigentum. Da gehört in ganz Österreich durchgegriffen alle Mieten auf den Jetzt stand gestellt. Jemand der sichs wirklich nicht leisten kann. Dem kann man ja eine Unterstützung anbieten. Alles andere ist unfär gegenüber anderen Mietern der Genossenschafft die mehrere Tausend €uro angezahlt haben und trotz alldem 800,- -900,- €uro Miete bezahlen.

KILL BEFORE IT MULTIPLIES

Das ist das gemeinsame Motto der SVA, WKO, des Finanz- und Wirtschaftsministeriums den Selbständigen gegenüber. Ein durch und durch dummes Motto, denn: wer Grossunternehmen haben will muss die Klenunternehmen pflegen.

Ach ja

Wenn ich das alles lese freue ich mich immer wieder dass ich vor vielen Jahren meine Firma nicht in Österreich gegründet hatte. Obwohl es mir kurz in den Sinn kam. Aber Gott sei Dank hatte sich die Vernunft wieder meiner bewältigt.

Ich bin weg und bleib weg.

ich kann nur sagen: selbst schuld!

(ausnahme: soeben erst selbständig gewordene)

denn die kammermitglieder haben ALLE dasselbe wahlrecht: ein mitglied, eine stimme.

die von der aktuellen sva-regelung schwer benachteiltigten, die kleinen EPUs also, stellen mehr als 50% der kammermitglieder.

doch bei den im 4jahres-rhytmus stattfindenden kammerwahlen gehen sie entweder gar nicht wählen, oder sie wählen vertreter, die ganz andere vertreten.

wie nennt man eine gruppe von leuten, die eine bequeme mehrheit darstellt, die die möglichkeit hat bei wahlen zu ihren gunsten änderungen herbeizuführen, diese aber nicht nutzt sondern lieber sudert und jammert?
ich bin fast versucht zu sagen: echte österreicher!

Re: ich kann nur sagen: selbst schuld!

Dasselbe könnte man auch über die Politik sagen "selbst Schuld an Faymann und Spindelegger, wir haben ja alle ein Wahlrecht"

Sehen Sie den Fehler?

Re: Re: ich kann nur sagen: selbst schuld!

dabei handelt es sich mMn um die wahl des geringstmöglichen übels.
bei der kammer, aus sicht eines EPU jedenfalls, um das größtmögliche übel.

Das Parkpickerl ist nicht "nebensächlich"! Es betrifft ja nicht nur die Wiener, sondern auch alle, die nach Wien müssen oder wollen!

Da ist die SVA, von der die meisten gar nicht wissen, was das ist, viel eher Nebensache!

Gast: ökono-mist
21.07.2012 02:54
8 0

Jo, derf'ns denn dös? (Selbständig sein)


Wer nicht in lizensierter Form ein staatlich dekretiertes Bedürfnis befriedigt, ist in Österreich unsichtbar - und wird mangels Lobby auch nicht gehört. Den/die gibt's schlichtweg nicht.

Sein (ihr) Geld nimmt man jedoch gerne. Besonders dann, wenn man HINTENNACH sagen kann: "Jaja, selbstverständlich bestand Beitragspflicht, aber Leistung - nein, Leistung bekommst du aus diesem und jenem Grund keine."

(Unausgesprochener Vorwurf: "Wärst doch in den Staatsdienst gegangen - dort kann keiner in Konkurs gehen." (Anm.: außer dem unflexiblen Staat - womöglich...)

P. S.: Eigentlich sollten alle ("kleinen") Selbständigen aus Protest Komiker werden. Aber dafür gäb's wohl bestimmt keine staatliche
(Kämmerer-)Lizenz. Denn es fehlt ja eine entsprechende Eintragung ins taxativ aufzählende "Berufs-Lizensierungs-Register" - und eine dementsprechende Komiker-Innung...

P. P. S.: Die haben ja leicht lachen (die Kämmerer). Denn sie hievte man, die Gunst der rotschwarzen Wiedervereinigungsstunde nutzend, aus unerforschbaren Gründen sogar in den Verfassungsrang...

1 0

Re: Jo, derf'ns denn dös? (Selbständig sein)

Sie haben vollkommen recht!!! Und genau deshalb wird man als kleiner Selbständiger richtig in die Schwarzarbeit gedrängt - und das ist bei diesem Staat mit seinen Zwangsbeiträgen zumeist ohne Gegenleistung die einzige Chance Gewinn zu machen!

Mehr Quergeschrieben:

Top-News