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Aktuelle Kulturpolitik – ist da wer? Geldmaschine statt Kreativität

27.07.2012 | 18:27 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Kultur sollte einem Land ein „Gefühl von sich selbst“ geben. Jedem Dorf seine Operette ist das sicher nicht. Politik und Medien ignorieren in unheilvoller Eintracht die notwendigen Rahmenbedingungen.

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So viel journalistischer Luxus muss sein: Kärnten heute nicht kommentieren! Es fällt einem nichts mehr ein. Aus Anlass der Eröffnung der Salzburger Festspiele gestern, Freitag, deshalb heute ein Quiz. Kennen Sie die Kultursprecher der fünf im Parlament vertretenen Parteien? Drei davon wenigstens! Nein?

Das sollte Sie nicht weiter belasten, denn Sonja Ablinger (SPÖ), Silvia Fuhrmann (ÖVP), Heidemarie Unterreiner (FPÖ), Wolfgang Zinggl (Grüne) und Stefan Petzner (BZÖ) füllen ihre Funktion als Kultursprecher hauptsächlich als Nachrufspezialisten aus. Bei jedem Sänger, Schauspieler etc. sind sie alle sofort mit Meldungen „zum Tode von...“ zur Stelle. Hie und da eine Gratulation zu einem Preis geht auch noch. Halt! Fuhrmann hat einmal die Freilassung Ai Weiweis aus der Haft gefordert. Das hat Chinas Führung sicher geschockt.

Inhaltliches zur Kulturpolitik Österreichs sucht man aus dem Munde der Kultursprecher meist vergeblich. Das ist bezeichnend. Und so sieht Kulturpolitik auch aus. Kultur wird in Tourismus-Euro berechnet. Petra Stoiber, Chefin der Österreich-Werbung, bezeichnet sie als „größten touristischen Pull-Faktor“. Zehn Prozent der Touristen kämen nur wegen Kultur.

Allein, was versteht man eigentlich hierzulande darunter? Kultur sollte dem Land ein bestimmtes Selbstgefühl geben oder, um mit Botho Strauss zu sprechen, ein „Gefühl von sich selbst“. Das kann doch nicht nur aus dem totalen „Verjodeln“ des Kulturellen bestehen, nur weil in den Sommermonaten in jeder Burg, in jedem Dorf und an jedem Teich irgendein Festspiel stattfindet. Dagegen ist nichts einzuwenden. Jeder Stadt ihre Operette ist aber kein Gütesiegel für Kulturpolitik.

Ein Gefühl von sich selbst ist nicht mit provinzieller Identität gleichzusetzen. Darauf können Sie jodeln! Es wäre vielmehr die Gewissheit, dass Schöpferisches, Unerwartetes und Überraschendes ermuntert, zugelassen und gefördert wird. Kirchen- oder Ruinenfestivals sind nicht gemeint.

Eine Kulturpolitik, die den Namen verdient, muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Kreative nicht verkommt – und nicht nur Geld flächendeckend verteilen, weil irgendetwas irgendwo eröffnet werden kann.


Die Kulturpolitik, die wir meinen, setzt Kulturelles ein, um Verständigung zu ermöglichen und eine bestimmte Atmosphäre – auch im europäischen Sinn – zu schaffen – und erschöpft sich nicht in Personalentscheidungen, Gewährung oder Streichung von Subventionen, je nachdem. Jedem Intendanten, jedem Museumsdirektor sein „Reich“ zu übergeben und sich sonst keine Gedanken zu machen ist das Gegenteil von Politik im Kulturbereich. Sollte irgendwo etwas Außergewöhnliches auftauchen, dann nicht wegen, sondern trotz der Kulturpolitik.

Verwundern sollte das nicht. Kulturpolitik wird zurzeit ja nicht gerade von einem Klub der Feinsinnigen mit ausgeprägtem Sinn für die Künste verwaltet – von Kulturministerin Claudia Schmied bis zu den genannten Parlamentariern und diversen Landespolitikern. Auch in den meisten Medien hat sie total an Stellenwert verloren. Kaum jemand zerbricht sich den Kopf, worauf wir eigentlich stolz sein sollen, nicht einmal die Kulturschaffenden. Aber warum sollte ausgerechnet dieser Bereich nicht sträflich vernachlässigt werden – außer gerade in Salzburg natürlich? Aus Gründen der Selbstachtung.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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5 Kommentare

Kulturministerin Claudia Schmied

Ein klassisches Oxymoron.

Wobei ganz ehrlich: ich bin irgendwie froh, dass sich die Politiker aus der Kultur halbwegs raushalten. Dann können sie das nicht auch noch ruinieren.

Sachen wie das Sommernachtskonzert kommen prima ohne die "Hochpolitik" aus. Die soll sich von mir aus beim Musikantnstadl tummeln.

Seien Sie nicht so streng!

Kultur soll auf allen Ebenen gefördert werden, im kommunalen Bereich ebenso wie auf Landes- und Bundesebene.

Kulturelle Aktivitäten am Land sollten nicht pauschal als Verjodelung und "provinziell" abqualifiziert werden; das ist ungerecht und arrogant.

Ein Orgelsommer in der Dorfkirche, eine Jazzwoche im Nachbarsstädtchen - was ist daran falsch? Ist oft kreativer als elitäre Hochkultur in Wien oder Salzburg.

Und was die Kritik an der "Geldmaschine" betrifft: Kulturpolitik ist eben auch Subventionierung. Ohne Geld gibt es halt keine Musi...


Gast: tom green
30.07.2012 16:55
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schöpferisch. unerwartet. überraschend.

frau rohrer, was tut sich mit der von ihnen so propagierten wut/mutbürgerbewegung? ich habe darüber schon lange nichts mehr gelesen.
sind die wutbürger noch im flotten kino versammelt? bricht die revolution überraschend aus? sind die einzelnen tagesordnungspunkte schon ausreichend durchdiskutiert?
bebend vor vorfreude warte ich auf den ausbruch der revolution, auf die sie uns im winter/frühjahr so ausgiebig vorbereitet haben...


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Kultur erfordert als Basis Bildung!

Und weil eben Bildung fehlt, gibt es nicht Kultur oder Kulturpolitik sondern Eventpolitik vom Fussball und Feuerwehrfestl angefangen bis hin zur Vermarktung ehem. österreicherischer Kunst und Künstler. Was lässt sich doch nicht alles zu Geld machen. Mozartkugeln, Haydntaler, Klimtpralinen gibt es schon. Jetzt kommen dann noch Nitschponchos und Mühldessous dazu.
Kein Wochenende kann man der neuen Musikkultur in vielen Orten erwehren, ist dorch das Markenzeichen eine unüberhörbare Megaphonetik.

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