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Frische Luft in die Wagenburg Von der Aufwertung des Politischen

24.08.2012 | 18:27 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Wir müssen mit dem politischen System, das wir haben, Probleme lösen und können nicht auf ein System warten, das wir vielleicht erträumen. Wo aber ist das Personal für diese Aufgabe jetzt?

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Sepp Bucher tut es, Heinz-Christian Strache tut es, Eva Glawischnig tut es, Frank Stronach tut es: Anspruch auf ein hohes politisches Amt erheben. Der BZÖ-Mann will Kärntner Landeshauptmann werden, der FPÖ-Chef und der Austrokanadier wollen Bundeskanzler werden, die Grüne peilt den Vize-Posten an.

So weit, so klar! Unklar hingegen bleibt, mit welchem Personal sie dann die weiteren Regierungsämter besetzen wollen. Politik sei ein „beinhartes Geschäft“, das man beherrschen müsse, befand jüngst während der Tage des Kärntner Missvergnügens der Landessprecher der Grünen dort, Frank Frey. Das gilt im Parteien- und Verbändestaat Österreich in ganz besonderem Maß. Und genau hier tut sich ein riesiges Problem auf.

Kaum jemand macht sich die Mühe oder nimmt sich die Zeit, politische Gestaltung zu erlernen – mit dem Ziel, einmal eine hohe Position der Durchsetzung aus eigener Kraft und nicht nur durch den Schubantrieb des Parteiapparats zu erreichen. Kaum jemandem wird in den etablierten Parteien diese Zeit gegönnt. Ausgenommen davon vielleicht die Grünen, weil diese schon so lange im oppositionellen Trockendock üben.

Vor allem die derzeitigen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP geben schon seit Jahrzehnten unruhigen Geistern keine Chance mehr, sich in ihren Reihen politisch zu entfalten. Es ist so, als hätten sie die Sauerstoffzufuhr zu ihren Wagenburgen abgedreht, weshalb es für am Politikmachen Interessierte dort keine Luft mehr gibt. Entweder sie erliegen dann dem Anpassungsdruck oder sie geben auf. Allgemein gilt: je unsicherer eine politische Gruppe, desto undurchlässiger die Wagenburg. Keine Öffnung für neue Talente, Gedanken und Zugangsweisen zum Politischen.

Woher sollen die Politiker, die das Land eigentlich abseits der Apparatschik-Reihen bräuchte, denn kommen? Das ist eine Frage, die von der ganzen Gesellschaft, nicht nur den Parteien, zu beantworten ist. In einer Zeit der krassen Politik- und Politikerverdrossenheit wird kaum jemand – ob jung oder schon mitten im beruflichen Leben – von seinem persönlichen Umfeld ermuntert, sich in das bestehende Parteiensystem einzubringen und sich dafür zu engagieren. So kommt es zur totalen Überbewertung peripherer politischer Neugründungen.

Wer heute die politische Welt in Österreich, wie sie ist, verändern will und nicht von einer Welt träumt, die er gern hätte, muss sich oft von Familie und Freunden die Frage nach seinem Geisteszustand gefallen lassen. Wozu die Zeit verschwenden?

Schlimmer kann es aber nicht mehr werden (hoffentlich). Daher könnte man „out of the box“, also das Ungewöhnliche, denken: Politisches Engagement wird „in“, niemand soll davon abgehalten werden. Auf der anderen Seite öffnen sich die etablierten Parteien für Neues und neues Personal, ohne das eine zu unterdrücken und das andere zu vergraulen. Die Aufwertung des Politischen wäre den Versuch wert.

Auch deshalb war eine Äußerung von Ex-Präsident George W. Bush am 22. Juli so erschreckend wie verwerflich: „Ich bin aus dem Sumpf herausgekrochen, ich werde nicht wieder hineinkriechen.“ Gemeint war die Politik im Allgemeinen. Es sollte sich niemand bestätigt fühlen. Bush hat Kriege mit hunderttausenden Toten zu verantworten. Das Zitat spricht Bände.


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Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)

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5 Kommentare

Und.....

..... das liebe Frau Rohrer ist doch eine Systemfrage. Die vielen Sekretäre, Funktionäre usw. in den Parteien und Sozialparntereinrichtungen wachen mit Argusaugen, damit kein Quereinsteiger für den Posten den sie anpeilen ihnen den Weg versperrt und sollte er, dann wehe....... . In einem fordernden Beruf tätige haben keine Zeit um zu intrigieren, dieses Geschäft erlernen viele Sekretäre auch in den immer umfangreicheren Quartieren von Landeshäuptlingen und sogar in Bezirkssekretariaten. Headquaters sind diese Quartiere offensichtlich nicht!

Gast: machmuss verschiebnix
25.08.2012 19:29
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Stronach's "total überbewertete periphere politische Neugründung" birgt trotz allem, was einen daran stören könnte, eine große Chance für die politische Landschaft Österreichs.


Stronach braucht auf keinen Erfolg zu warten, denn er heuert etablierte
Leute an. Stronach braucht im Grunde auch kein großartiges Programm vorlegen,
denn falls darin die nötigen Reformschritte gelistet wären, dann würde das nur
abschrecken. Außerdem wird er auf Anhieb sowieso nicht in die Position gelangen,
Österreich reformieren zu können.

Stronach braucht lediglich all jene Protestwähler "einzusammeln", denen die
Strache-Partie inzwischen zu stark geworden ist, als daß man da auch noch
mit Protest-Stimmen nachfeuern möchte. Zudem hätte ein weiteres erstarken
der FPÖ den negativen Effekt, daß sich die gesamte Linke Meute dann zusammen
rotten und evtl. sogar als Minderheits-Regierung antreten würde !

Nur Stronach kann es gelingen, den Prozent-Anteil der Altparteien insgesamt
soweit runter zu drücken, daß die nicht mehr von der Wahl-Arithmetik
profitieren und auch keine GroKo mehr bilden können.

Erst dann kann in Österreich wieder eine gesunde demokratische Entwicklung
Platz greifen, dann können die etablierten Parteien nicht mehr (treffender
Ausdruck) "unruhigen Geistern den Sauerstoff abdrehen", oder mit dem
medialen Bollwerk das Hochkommen neuer Parteien (BZÖ) unterdrücken.

Stronach kann auch nicht von den roten Medien "geschnitten" werden, denn
er hat reichlich Möglichkeiten via ausländische Medien zu punkten.

Und mal ehrlich - bei allem, was dieses 80-jährige Energiebündel schon für
Österreich getan hat - da hat er sich unser aller Stimmen redlich verdient !!!

Antworten Gast: Niederösterreicher
25.08.2012 23:39
0 0

Re: Stronach's "total überbewertete periphere politische Neugründung" birgt trotz allem, was einen daran stören könnte, eine große Chance für die politische Landschaft Österreichs.

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

Natürlich sollen in der Politik "tausend Blumen blühen", also ein ungehinderter Wettbewerb an Ideen ungehindert stattfinden. NUR - noch vor einem Jahr hätte die "Vereinte Linke" kaum mehr als 40 % der Wählerstimmen auf sich vereinigten können und keine Chance gehabt, eine links-linke Regierungsmannschaft zu stellen.

Dank fleißiger "Aufdeckungsarbeit" der Herren Pilz und co haben die Grünen um rd. 4 % Wählerzustimmung aufgeholt und die SPÖ konnte ihren Stimmanteil immerhin halten. Die Zahl der freiheitlichen Sympathisanten ist dramatisch um etwa 5 - 6 % abgesackt. Nach derzeitigen Stand genügt es, wenn Rot und Grün das BZÖ mit ins Boot holen, um eine Regierungsmehrheit zu haben. Blau und Schwarz hingegen würde sich - wenigstens als Druckmittel - nicht ausgehen. In dieser Situation "fischt" Stronach im rechten Wählerpotential und schwächt die "Rechtsgesinnten"! Faymann ist also nach den nächsten Wahlen noch viel besser in der Lage, einem schwarzen Koalitionspartner eine stärker links ausgerichtete Regierungspolitik aufzudrängen - wenn es nicht überhaupt wie erwähnt zu einer rot-grünen Linksregierung kommt.

Wer also Stronach wählt, weil er das gegenwärtige zu sozialistische Programm der rot-schwarzen Koalition ablehnt, bewirkt - wie erwähnt - genau das Gegenteil! Die Position der wirtschaftsliberalen Schwarzen wird noch schwächer und Faymann kann sich endlich mit seiner sozialist. Gesellschaftspolitik durchsetzen!!

Antworten Antworten Gast: machmuss verschiebnix
26.08.2012 09:04
0 1

Re: Re: Stronach's "total überbewertete periphere politische Neugründung" birgt trotz allem, was einen daran stören könnte, eine große Chance für die politische Landschaft Österreichs.



Ein sozialistisches Programm ist für die Sozialisten zugeschnitten, ein
soziales Programm wäre für Alle da, aber darum geht es nicht primär.

Selbst wenn sich Ihr Wunschdenken (rot/grün) erfüllen würde, dann wäre erst
recht der Grundstein dafür gelegt, daß die Wähler endlich behirnen, was für
ein weltfremder, ideologiebehafteter Haufen das ist und wie armselig die alle
dastehen, wenn sie keinem "Bremser" mehr die Schuld zuweisen können !!!

Ein Rot/Grün Ergebnis wäre vergleichsweise die Todes-Spritze für einen
Koma-Patienten - und genau das ist unser Polit-System ja auch, deshalb
gibt's da auch Nichts zu bedenken (auch wenn NÖ von den Lateinern besetzt ist :) )

Was wirklich zählt, die GROKO muß verunmöglicht werden und (meine) Schwarzen
müssen dazu gezwungen werden, endlich das Hirn wieder einzuschalten, statt
auf Zurufe aus Gewerkschaft und Löwelstraße zu parieren.

Antworten Antworten Antworten Gast: Niederösterreicher
26.08.2012 17:09
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Re: Re: Re: Stronach's "total überbewertete periphere politische Neugründung" birgt trotz allem, was einen daran stören könnte, eine große Chance für die politische Landschaft Österreichs.

Kleines Mißverständnis: Wollte nur warnen zu glauben, daß man mithilfe von Stronach die ÖVP zu einen stärker antisozialistisch ausgerichteten Kurs zwingen könne! Das Gegenteil ist der Fall: bei allf. Koalitionsverhandlungen würde die Position der schwarzen nur weiter geschwächt!

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