Verletzlich aus eigener Schuld: Lehren aus einer Katastrophe

09.11.2012 | 18:38 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Im Wahlkampf hat Präsident Obama den „Aufbau der Nation“ versprochen – und nicht den Irak oder Afghanistan gemeint, sondern das eigene Land. Er kann damit sofort beginnen. Mit der Infrastruktur.

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Die Diskrepanz zwischen Politik und Realität in dieser Woche an der Ostküste der USA lässt sich kaum begreifen, geschweige denn erklären – vernünftig, jedenfalls. Das trifft auch auf den Kontrast zwischen Medien und Wirklichkeit zu.

Auf der einen Seite im Schatten vor und nach der Präsidentschaftswahl am Dienstag das Mantra der Politiker von Barack Obama abwärts, die USA seien das „beste Land der Welt“. Auf der anderen Seite die Wirklichkeit einer aus eigener Schuld so verletzbaren Großmacht; die Wirklichkeit von hunderttausenden Menschen, die eine Woche nach dem Hurrikan „Sandy“ noch immer ohne Stromversorgung und daher bei dem Schneesturm Mitte der Woche ohne Licht, ohne Heizung und ohne Benzin waren.

Die antiamerikanischen Einträge während der Tage der Verwüstung durch den Hurrikan im Internet in Österreich waren zwar völlig jenseitig und zudem aus Anlass einer Naturkatastrophe völlig unangebracht, aber eine Frage ist schon erlaubt: Wieso schafft es das „beste“ Land der Welt nicht, binnen Tagen die Versorgung der Menschen wieder zu gewährleisten, die Stromleitungen zu reparieren, wenigstens eine Notversorgung sicherzustellen? Wieso bricht die Benzinversorgung in den verwüsteten Städten und Dörfern in New Jersey so gänzlich zusammen, dass auch mehr als eine Woche nach dem Sturm Benzin rationiert werden muss und Tankstellen selbst in New York City das große Schild „No gas“ anbringen?

Es kann für die verantwortlichen Politiker doch nicht wirklich eine Überraschung sein, dass viele ihrer Wähler ihre Häuser mit Generatoren beheizen und daher auf Benzin angewiesen sind. Menschen in langen Schlangen mit Kanistern vor den Tankstellen machen sicher nicht das beste Land aus.

Und bei der tagelangen Vorbereitungszeit auf „Sandy“ hätte das beste Land der Welt nicht auf die Tanker angewiesen sein dürfen, die wegen des Sturms die Häfen der Ostküste nicht mehr erreichten. Ein Land, das so sehr von Öl abhängig ist, wird von dieser Situation so überrascht, dass die Miliz geholt werden muss! Oder von einem ebenfalls tagelang angekündigten Schneesturm so sehr, dass der Flughafen JFK nach einigen Stunden keine Flüssigkeit mehr hat, mit der die Flugzeuge enteist werden können?

Die einzig halbwegs einsichtige Erklärung liegt in der vernachlässigten, veralteten Infrastruktur. Jetzt müssen sich Politiker beider Richtungen – als Lehre aus der Katastrophe – zusammensetzen und ein Investitionsprogramm zur Behebung der schlimmsten Mängel ausarbeiten.

Präsident Barack Obama hat im Wahlkampf immer wieder vom „nation building“, vom „Aufbau der Nation“ zu Hause gesprochen. Darauf müssen die Menschen in Staten Island, New Jersey und anderswo warten. Nicht weniger verblüffend war die mediale Behandlung des Wirbelsturms in den Medien. Es scheint, als sei das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom dort weit verbreitet. Sicher, es gab in den USA Millionen Betroffene, aber auch im Osten Kubas drei Millionen und eine zerstörte Stadt (Santiago de Cuba). Der Sturm brachte auch Elend – erneut – für 450.000 Menschen nach Haiti. Das war amerikanischen Medien keine Meldungen wert.

Präsident Obama schloss seine Siegesrede mit den Worten: „Das Beste kommt erst.“ Das Bessere würde es auch tun.


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Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

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3 Kommentare

Grundversorgung und Bürokratie

Wer nur auf die "schlanke Linie" durch Privatisierungen achtet,

wer auf Lieferungen "just in time", da Lagerhaltung einfach nur ein Kostenfaktor ist, setzt,

wer auf Bürokratie verzichtet, also auf Leute die wissen was zu tun ist, wenn etwas passiert,

der darf sich dann nicht wundern, wenn es einmal etwas Unvorhergesehenes passiert, dass es dann eben länger nicht mehr rund läuft.
.

"Wieso schafft es das „beste“ Land der Welt nicht, binnen Tagen die Versorgung der Menschen wieder zu gewährleisten..."

weil es im besten land der welt eine große anzahl von menschen gibt, für die 'vorsorgliches solidarisches verhalten' ein fremdwort ist!

wozu eine funktionierende infrastruktur für alle, wenn bei mir eh kein taifun, twister oder hurrikan vorbeikommt?
wozu eine krankenversicherung, wenn ich mich eh gesund fühle?
wozu....

ein teil der bevölkerung des besten landes der welt zählt nicht zu den besten menschen der welt.
sie zählen nur zu den besten menschen in ihren eigenen 4 wänden.

Andere Länder, andere Sitten …

Aha, bei uns ist nach dem Zusammenbruch des Verbundnetzes nach ein paar Stunden die Stromversorgung wieder hergestellt, weil es bei uns eine große Anzahl von Menschen gibt, für die „vorsorgliches solidarisches Verhalten“ kein Fremdwort ist. Welch Irrtümer doch möglich sind.

Dumm und lästig auch bei uns, wenn Schnee im Oktober am offenen Land die Stromleitungen ruiniert, wenn es dann Tage dauert, bis fleißige Arbeiter mühsam, aber ohne zu murren, die Leitungen wieder herstellen.

Na ja, die funktionierende Infrastruktur stellen bei uns ja auch die freundlichen Nachbarn her, die es offensichtlich so in den USA nicht gibt, weil der Hurrikan ja beim Nachbarn allein abläuft. Welch grandioser Stuß doch möglich ist.

Über die Krankenversicherung reden wir am besten gar nicht, denn bei uns ist das inzwischen ein Moloch geworden, der nicht nur kostspielig, sondern auch undurchschaubar ist.

Für mich kann ich nicht behaupten, ich kenne die USA, aber ich kenne sie erheblich besser, als einer, der noch nicht dort war und vor allem dort keine Freunde hat, mit denen man die unterschiedlichen Lebensweisen in Europa und in Amerika diskutieren kann.

Schöne Häuser in den USA sind aus Holz gebaut, fallen sie einem Wirbelsturm zum Opfer sind sie Spreißelholz. Aber so gut versichert, daß man sie sofort ohne zusätzliche Kosten wieder aufbauen kann für das nächste Spreißelholzerlebnis.

Andere Länder, andere Sitten, das sollte man als Erstes zur Kenntnis nehmen, auch wenn man einiges nicht versteht.

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