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Freibrief zum Frotzeln. Adressat: Die verwirrte Republik

18.01.2013 | 17:29 |  Anneliese Rohrer (DiePresse.com)

So gut wie alle haben bei der Volksbefragung morgen, Sonntag, eine versteckte Agenda. Konfusion unter dem Deckmantel der direkten Demokratie wird so zum zukünftigen neuen Mittel der Politik.

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Das beste Ergebnis der Volksbefragung zu Wehrpflicht/Berufsheer morgen, Sonntag, wäre – wie hier vor zwei Wochen bereits bekundet: eine Mehrheit von ungültigen und daher wertlosen Fragebögen bei einer möglichst niedrigen Anzahl von Antworten.
Dann wäre das Ergebnis unbrauchbar und der Fluchtweg aus der Verantwortung für SPÖ und ÖVP versperrt. Allerdings: Respekt für alle Bürgerinnen und Bürger, die aus lauter Dankbarkeit, überhaupt zu irgendetwas gefragt zu werden, diese Farce in verwertbarer Zahl doch ernst nehmen. Sie sollten nur wissen, dass sie damit Machthabern jeglicher Couleur für alle Zukunft einen Freibrief zum Frotzeln ausstellen.

Auch sollten sie wissen, dass sie entgegen der offiziellen Propaganda weder über irgendetwas „abstimmen“ noch irgendjemanden „wählen“, sondern lediglich auf hingeschluderte Fragen eine Antwort geben. Entgegen allen medialen Verschleierungsbemühungen der vergangenen Tage sollte klar sein, dass es bei einer Volksbefragung von der Natur eines direkt demokratischen Instruments her keine „Gewinner“ und „Verlierer“ in den Zentralen von SPÖ und ÖVP geben kann. Ein politischer Scharlatan, wer ihnen anderes einzureden versucht.

Die nächste Verspottungsaktion, dieses Mal von der Gemeinde Wien, ist bereits in Vorbereitung: die Frotzelfrage, ob sich die Stadt in 15 Jahren um die Austragung der Olympischen Sommerspiele bewerben soll. Wenn das ernst gemeint sein soll, dann hätte man auch gleich am Sonntag fragen können, ob die Wehrpflicht für Frauen in 15 oder 20 Jahren eingeführt werden soll. Die Wiener Spiele 2028 können vom Wissensstand heute aus ungefähr so sachkundig beurteilt werden wie mögliche EU-Gesetze zur Gleichstellung um 2030.
Wer also die demokratiepolitische Augenauswischerei morgen, Sonntag, und im März akzeptiert und auch noch mit einer seriösen Antwort honoriert, darf sich künftig bei ähnlichen Aktionen nicht mehr beklagen. Jammern darüber, wie irre die Politiker ihre Wähler im ersten Drittel 2013 gemacht hätten, geht dann nicht mehr. Jede Wette, der nächste Frotzelversuch kommt bestimmt. Warum auch nicht? Wie es geht, wird sich ja morgen zeigen.

In einem – wahrscheinlich untauglichen – Versuch, etwas Klarheit in die absichtlich erzeugte Verwirrung der letzten Wochen zu bringen, hier noch einmal ein paar Fakten:

1. Morgen ist keine Volksabstimmung über ein Gesetz, das es gar nicht gibt. Und keine Wahl einer Partei.

2. Gleichgültig, wie viele Fragebögen mit welchem Ergebnis ausgefüllt werden, bis zur nächsten Nationalratswahl wird nichts entschieden werden können. Die Abschaffung der Wehrpflicht erfordert eine Zweidrittelmehrheit. Eine Reform des Grundwehrdienstes erfordert mehr Zeit, als bis zur Wahl zur Verfügung steht. Und Verteidigungsminister Norbert Darabos wird allein deshalb im Amt bleiben, weil sich für neun Monate niemand anderer findet.

3. Keine Regierung nach der Nationalratswahl ist an das Ergebnis von morgen gebunden – weder rechtlich noch politisch. Eine Garantie, dass SPÖ und ÖVP dann nicht wieder ihre ursprünglichen Positionen (rotes Nein zum Berufsheer, schwarzes Nein zur Wehrpflicht) einnehmen, gibt es nicht. Viel Vergnügen bei der Dankbarkeit, überhaupt gefragt zu werden.

Zur Autorin:
Anneliese Rohrer ist Journalistin in Wien: Reality Check
http://diepresse. com/

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15 Kommentare

nicht die Republik ist "verwirrt"

Der gestrige Sonntaq hat einmal mehr bewiesen:
"Verwirrt" ist nicht die Republik,
verwirrt sind bestenfalls einige hysterisierte Wiener ZeitungskommentatorInnen.

Re: nicht die Republik ist "verwirrt"

Ihre Kinder und Enkelkinder werden Ihnen wohl weniger zu danken haben. Und wenn sie dann 6 Monate nichts bezahlt bekommen und Linsensuppe essen müssen werden Sie sich hoffentlich in den Arsch beißen.

Re: Re: nicht die Republik ist "verwirrt"

@begrenzt unmöglich:
Bewundernswerte Ausdrucksweise. Sie haben sich wohl in der Zeitung geirrt.
Zu Ihrem Posting:
Ich empfehle, was die Posen der ZeitungskommentatorInnen vor dieser Volksbefragung betrifft, die gestrigen Kommentare von Michael Fleischhacker und Andreas Unterberger.

Bei der Wehrpflicht stimme ich zu...

...bei den Oly. Spielen finde ich es gscheit, zu fragen. Gerade weil es langfristig ist. Aber vll ist da eine im tagespolitischen Geschäft erfahrene Journalistin überfordert?

wo waren sie, frau rohrer?

ich kann mich nicht erinnern, dass sie in der zeit, als direkte demokratie hauptthema war, einen kommentar mit ähnlich großer leidenschaft DAGEGEN geschrieben hätten!
jedoch konnte JEDER mit minimalem hirn im kopf voraussehen, dass es zu diesem ergebnis führen würde.
und wir sind noch lange nicht am ende der fahnenstange angekommen: es geht noch viel grauslicher und unsinniger!
wir haben diesmal nur einen 'kampf' zwischen spö und övp erlebt. diese parteien sind allerdings auch partner und vor allem auf niedrigerer funktionärsebene gibt es noch reste von beisshemmung. warten wir mal ab, wenn die fpö eine ihrer vorstellungen zur abstimmung bringen wird - das wird erst eine schlammschlacht (man erinnere sich zb an die greuelpropaganda in gföhl)!

ich sage nur: viel spass, du vertrotteltes volk, you get what you deserve!

ps: wollen sie sich mit ihrem aufruf zum ungültigwählen lächerlich machen? es weiss doch jedes kind, wie ungültig oder nicht-wählen im endergebnis gewertet wird.

also frau rohrer: ganglien putzen. und sich fragen, warum sie bei der diskussion über direkte demokratie geschlafen haben.

Ist dies nun grob fahrlässige Polit-Krida...

oder steckt gar betrügerische Absicht dahinter, weil man uns bewusst eine Mogelpackung (SPÖ) oder die Katze im Sack (ÖVP) aufschwatzen will?

Und: wie wird dies im Herbst bei den Nationalratswahlen geahndet???

Re: Ist dies nun grob fahrlässige Polit-Krida...

die övp hatte keine katze im sack...der sack ist leer...das procedere muß erst mit dem koalitionspartner ausgehandelt werden...der fluch des verhältniswahlrechts.
hätte die övp ein komplettes programm vorgelegt, so wäre bei der üblichen koalitionsmauschelei etliches wegverhandelt worden. so wie es lief war es doch ehrlicher,,,keine leeren versprechungen..

Direkte Demokratie

Frau Rohrer sollte nicht vergessen, damit auch auf die grundsätzliche Problematik von Volksabstimmungen/-Befragungen hinweisen. Selbst in der Schweiz werden solche „Abstimmungen“ immer wieder politisch „missbraucht“ (abgesehen davon halte ich die ewigen Vergleiche mit schweizerischen Zuständen sowieso für unzulässig).
Helmut Schmid, Kurier 3.3.2010 u.a.:
„Direkte Demokratie zwingt dazu, komplizierte Probleme auf einfache Formeln zu bringen, die man entweder mit Ja oder Nein beantworten muss. Das Leben ist aber nicht so einfach.“
Es gäbe noch weitere namhafte Persönlichkeiten zu zitieren, die gute Argumente für die Vorteile der Meinungsvertretung durch Institutionen der repräsentativen Demokratie gegenüber den viel zu oft verwendeten populistischen Argumenten für Volksentscheide vorbringen.
Aus meiner Sicht zeigt sich hier – unabhängig vom vorliegenden Thema – ganz deutlich diese Problematik. Das Volk entscheidet nicht auf Basis von Fakten oder Fachwissen, sondern nach anderen Kriterien (zB befürchte ich jetzt auch - nach der Möglichkeit des Schneeschaufels durch Präsenzdiener – siehe Baden b Wien) und das wird sich nie ändern!
Ein Argument, weshalb ich trotzdem hingehe (und für die Berufsheervariante stimme) ist dieses, dass in diesem Fall – im Gegensatz zu anderen Abstimmungen – „das Volk“ auch die Konsequenzen mehr oder weniger „direkt“ zu tragen hat!


Re: Direkte Demokratie

dass in diesem Fall – im Gegensatz zu anderen Abstimmungen – „das Volk“ auch die Konsequenzen mehr oder weniger „direkt“ zu tragen hat!
Und genau das ist besonders wichtig. Ich muss nicht wissen, wie komplex ein Auto beim Kauf ist; aber was es kostet, muss ICH ALLEIN berappen!!!!!

Re: Re: Direkte Demokratie

das leben besteht aus 'belohnt' und 'bestraft' werden.

sie haben mMn sehr richtig auf die notwendigkeit hingewiesen, die konsequenzen seiner entscheidung zu tragen (allerdings wird das nicht umgesetzt. siehe währing. eigentlich müssten die leute dort mit hängendem kopf herumlaufen und sich schämen, dass sie so gar nicht nachgedacht haben)

nun zum belohnen:
ein mitarbeiter wird befördert, wenn er seinen bisherigen job gut gemacht hat.
ein kind bekommt größere 'freiheiten', wenn es die bisherigen nicht missbraucht hat.

direkt wählen ist mächtiger als repräsentativ. aber hat der bürger seine bisherigen (wahl)möglichkeiten verantwortungsvoll eingesetzt? was er heute an politik/politikern so gern beklagt, ist das resultat SEINES verhaltens in der wahlzelle.

der bürger hat sich also bisher nicht mit ruhm bekleckert. warum sollten seine kompetenzen ausgeweitet werden???

Re: Fachwissen und Direkte Demokratie


er heißt Helmut Schmidt

Re: Re: Fachwissen und Direkte Demokratie

Gratuliere!
Sie haben einen wesentlichen Beitrag zu dieser Thematik geliefert!
:)

Re: Re: Re: Fachwissen und Direkte Demokratie

gerne, man hilft wo es geht

An die Grande Dame: Danke!

Wie immer ist Ihnen zu danken, Fr. Dr. Rohrer! Die Volksbefragung ist eine Ausnützung und ein Missbrauch der direkten Demokratie. Die gewählten Parteien sollen ein Mal etwas zu Stande bringen. Das sollen sie selbst machen. Ohne dass sich andere einmischen müssen. Etwas nützliches, etwas fortschrittliches. Und das ohne, andauernd Fehlinformationen und Ablenkungen an das Volk zu liefern. Das kann's doch echt nicht sein!

Re: An die Grande Dame: Danke!

ich finde es als falsch, jemand für das ausnutzen von gegebenen möglichkeiten zu schelten.
es gibt steuerschlupflöcher. es gibt leute, die diese ausnutzen. 'böse' leute?
es gibt in verhandlungen situationen, wo sich das gegenüber eine blöße gibt. ist es 'böse', diese auszunutzen?

ergo: das system direkte demokratie hat schwächen, die geradezu rufen: "nutz mich aus!" böse?

das SYSTEM ist fehlerhaft bis mies. das muss geändert werden. nicht die ausnutzer!

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