Es war ein wunderschöner klarer Herbsttag, an dem in New York nicht nur alle Züge, U-Bahnen, der ganze Verkehr stillstand – auch die Zeit. Der Himmel über den beiden Türmen des World Trade Center zeigte ein sattes Blau, fast wolkenlos, bevor die Flugzeuge hinein- und dann die Menschen wie Puppen aus den Stockwerken in die Tiefe stürzten. 911 ist die Nummer des Notrufs überall in den USA. 9/11, der Tag, der seither die Welt in Atem hält.
„Das ist Krieg“, schlagzeilten manche New Yorker Zeitungen am Tag danach. Als Europäer dachte man an den Dritten Weltkrieg. Der eisige Hauch der Geschichte in Stunden der totalen Unsicherheit. Über dem unteren Teil von Manhattan blieben Rauch und Schutt tagelang in der Luft hängen. Krieg? Hier und jetzt?
Heute weiß man, dass erst dieser Tag aus einem untermittelmäßigen Ex-Gouverneur einen amerikanischen Präsidenten gemacht hat. Was wäre George W. Bush ohne diese Herausforderung, ohne die Möglichkeit, dem Terror den permanenten „Krieg“ zu erklären, geblieben? In den neun Monaten zuvor hatte Bush keine politische Stimme; nichts, das diesen Präsidenten wirklich ausmachte. Da lässt sich darüber spekulieren, ob sich ohne entsprechendes Drama, ohne existenzielle Krisen – sie müssen ja nicht immer die monströse Dimension von 9/11 haben – Politik wirklich gestalten lässt? Braucht Mittelmäßigkeit zu ihrer Überwindung eine XXL-Herausforderung?
In einem 2009 erschienenen Buch beschreibt der langjährige Korrespondent der „New York Times“ in Washington, David E. Sanger, detailreich die Konsequenzen der Stunden von 8.10 Uhr bis 10.30 Uhr am 11. September 2001 und auch welches „Erbe“ (Titel des Buches) Bush Barack Obama hinterlassen hat. Am Ende des Tages sei die Hinterlassenschaft ein Produkt aus Arroganz, Inkompetenz, Ahnungslosigkeit und ideologischem Furor gewesen. Der 9/11 ausgerufene Krieg gegen den Terror habe sich hervorragend als Begründung für jeden ungedeckten Scheck geeignet, den Bush ausgestellt habe, und den Obama nun einlösen müsse.
Daran sollten jetzt vor allem europäische Kritiker Obamas denken, die den 44.Präsidenten der USA bereits sein Scheitern vorhersagen, nur weil er ihre hoch gesteckten Erwartungen in den ersten Monaten nicht erfüllt hat. Ein interessanter Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Medien: Während in den USA von den Enttäuschten Obamas konkrete Handlungen, sein Zögern, seine Abgehobenheit, kritisiert wird, verurteilen jene in Europa ihn völlig undifferenziert.
Vielleicht wäre es heute, neun Jahre nach 9/11, an der Zeit festzustellen: An der „Betroffenheit“, der sich damals die meisten Staaten hingegeben haben, hat sich bis heute nichts geändert. Wenn es Obama nicht gelingt, das Erbe zu bewältigen, werden alle betroffen sein.
Anneliese Rohrer ist Journalistin in Wien.
anneliese.rohrer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2010)
















