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Nach der größtmöglichen Blamage wieder Chance für Neustart versäumt

11.11.2011 | 18:30 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Schockstarre im Kabinett Faymann I? Ein Rücktritt von Verteidigungsminister Darabos wäre eine gute Gelegenheit gewesen, Schwachstellen zu beseitigen. Zwei Jahre vor der Wahl ein idealer Zeitpunkt.

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Mitglieder des Kabinetts Faymann I – ein Wort sowohl für die Regierung als auch für das Büro des Bundeskanzlers – müssen allesamt von Schockstarre gelähmt sein. Gemeint ist dieses Mal nicht der schon als geflügeltes Wort durch die heimische Politik schwirrende „Stillstand“. Die Rede ist vielmehr von der Tatsache, dass die rot-schwarze Regierung eine weitere Chance auf einen sogenannten jump start, auf einen neuen Anstoß für die verbleibende Regierungszeit also, nicht erkannt und versäumt hat.

Eine bessere Gelegenheit als jene Blamage, die Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) mit der Rückkehr von Generalstabschef Edmund Entacher auf seinen alten Posten erlitt, wird sich so bald nicht bieten. Nur wer im Denken und Tun total gelähmt ist, konnte das nicht erkennen.

Wenn schon Darabos vor Schock so erstarrt war, dass er nicht begriff, was zu tun war – nämlich den Rücktritt einzureichen –, so hätte ihm wenigstens das Kabinett (Ministerkollegen und Faymann-Mitarbeiter) das klarmachen müssen. Nach einer Blamage dieses Ausmaßes müsste ein Rest an Selbstachtung zur Einsicht führen: Absalutieren ist die einzig ehrenvolle Konsequenz!

In jedem Lehrbuch der politischen Technik hätten Werner Faymann und Michael Spindelegger nachlesen können: Mit dem Rückzug eines Ministers kann man jede Neuaufstellung des Teams argumentieren. Zwei Jahre vor dem nächsten regulären Wahltermin wäre dies jetzt auch der ideale Zeitpunkt. Abgesehen davon könnte man Neuanfang und Willen zur Überwindung der Lethargie signalisieren. Der ideale Zeitpunkt ist aber nun verstrichen.

Irgendjemand im Kabinett Faymann I hätte das am Wochenanfang erkennen und den Erstarrten am Ballhausplatz aufrütteln müssen. Dann wären weitere Blamagen der letzten Tage weniger aufgefallen. Zum einen, dass das Bildungsvolksbegehren, bei dem Unterrichtsministerin Claudia Schmidt Aufforderungen an sich selbst unterzeichnete und das von allen relevanten Institutionen des Landes mit großem Werbeaufwand unterstützt worden ist, beinahe gefloppt wäre. Mehr kalte Schulter als Apathie der Zivilbevölkerung.

Zum anderen, dass an zwei österreichischen Spitälern – im Wiener AKH und in der Innsbrucker Kinderklinik – gerade diese Woche die Defizite in der Gesundheitspolitik nicht mehr zu vertuschen waren, während Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) sich um so dringende Themen wie Schönheitsoperationen für unter 14-Jährige kümmert. In Innsbruck geht es um Kinderleben, im AKH um tausende Patienten.

Nach dem erwähnten Lehrbuch hätten Faymann und Spindelegger unter vier Augen besprechen müssen, wie denn ein Darabos-Rücktritt in eine Win-Situation für die Regierung umzuwandeln ist. Mit dem Paukenschlag einer Regierungsumbildung hätte man das Überraschungsmoment auf seiner Seite gehabt, rasches Handeln und den unbändigen Ehrgeiz signalisiert, das letzte Arbeitsjahr doch nützen zu wollen. Handeln wider alle Erwartungen ist politisch und medial ein großer Vorteil.

Wie heißt es: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren. Es muss doch in der derzeitigen Führung auch noch Kämpfer geben. Der Rest ist Überredungskunst, mit der man Erstarrte wachrüttelt.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com


Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer.

Ihr neues Buch: „Ende des Gehorsams“ (Verlag

Braumüller).

Der nächste

Mutbürgerstammtisch findet am

14. November um

17 Uhr im Wiener Burgkino statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)

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28 Kommentare
 
12
Gast: Gast895
14.11.2011 17:53
0 0

Korrektur

...Zum einen, dass das Bildungsvolksbegehren, bei dem Unterrichtsministerin Claudia Schmidt Aufforderungen an sich selbst unterzeichnete und das von allen relevanten Institutionen des Landes mit großem Werbeaufwand unterstützt worden ist, beinahe gefloppt wäre. Mehr kalte Schulter als Apathie der Zivilbevölkerung...

Weder kalte Schulter noch Apathie der Zivilbevölkerung sondern totale Ablehnung der sozialistischen Verblödungsgesamtschule ist der Grund für den Totalflop dieses Volksbegehrens!

Darabos hätte schon längst zurücktreten müssen! Jemand der so dämlich ist, dass er 15 gebrauchte EF zu einem höheren Stückpreis als 18 neue EF kauft, müsste sich auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen lassen!

Antworten Gast: Quest
15.11.2011 11:32
0 1

Re: Korrektur

Sonst nix glernt?

Gast: Lukas
14.11.2011 09:12
5 0

Legislaturperiode wieder auf 4 Jahre verkürzen!

damit das Volk schneller so unfähige Regierungen abwählen kann!

Sorry, ...


Aber was hat Spindelegger damit zu tun?

Roter Mist bleibt rot, wenn er von Roten in Alleinverantwortung gemacht wird.

Dieser Kommentar

unterstellt der Regierung ein Versäumnis.

Nur, er lässt außer acht, was wäre wenn es gar kein Versäumnis gäbe? Wenn also diese Regierung nicht nur einen Neustart gar nicht will, sondern bereits auch (bewußt) auf die Show dafür verzichtet?

Denn das, was uns die derzeitigen Regierungsdarsteller bieten, müsste man eigentlich schon als Apathie bezeichnen. Und in diesem Fall wäre die fehlende Reaktion kein Versäumnis, sondern die "logische" Konsequenz daraus.

Gast: Gast: Leser
13.11.2011 12:38
8 0

Schwachstellen

Die größte Schwachstelle der Regierung ist Faymann, die zweitgrößte Spindelegger. Selbst beseitigen werden sich die zwei wohl nicht, oder?

Re: Schwachstellen


Das haben ausschließlich Feymann und Darabos zu veantworten.
Aber ich denke, ein paar Millionen Euro aus Steuergeldern zwecks Imagekampagne werden das schon geradebiegen.

Spindelegger hätte mit Faymann den Rücktritt von Darabos in "eine Win-Situation für die Regierung " machen sollen?

Einen Gewinn hätten davon nur die Sozialisten gehabt! Da ist Spindelegger doch das Hemd näher als der Rock und er freut sich über jede(n) versagende(n) SPÖ-Minister(in), weil das bei der nächsten Wahl ein mächtiges Argument gegen die SPÖ ist, was die ÖVP dringend braucht!

Antworten Gast: Gast 2011
13.11.2011 13:33
1 0

Re: Spindelegger hätte mit Faymann den Rücktritt von Darabos in "eine Win-Situation für die Regierung " machen sollen?

die armselige ÖVP ist ja selbst derart am Boden, daß sie nicht einmal die katastrophale Situation der SPÖ für sich nutzen kann. Diese SPÖVP-Koalition ist eine Schande für Österreich!

Gast: franz 1
13.11.2011 08:46
3 0

warum


sollt das die ÖVP wirklich wollen ?

Ist der Fall Darabos - Entacher nicht ein geschenktes Wahlzuckerl ?

Re: warum

"Wahlzuckerls"? Eher Nein, die überwiegende Anzahl der tatsächlich noch Wählenden hat ein absolutes Kurzzeitgedächtnis. Detto bestimmen dort immer mehr nur die Wünsche nach Fortsetzung von Zahlungen an die "Netto-Empfänger", von ÖBB über Beamte bis u Pensionisten, und ähnliche Klientelgedanken, das Wahlverhalten.

Zivildiener

Wie soll ein Minister absalutieren, der nie salutieren gelernt hat ?

Gast: Desaster
12.11.2011 20:20
0 0

Frau Rohrers Kommentar kann ich diesmal voll unterstreichen,

was eher selten vorkommt. Aber nur ideologisch verbildete Menschen werden in diesem Fall dem Kommentar nicht zustimmen können.

Warum es zu diesem Rücktritt samt Regierungsumbildung nicht kam? Nun die Politik ist in letzter Zeit tatsächlich wie gelähmt, reagiert bestenfalls, von zielgerichtetem Agieren keine Spur.

Und noch ein wesentlicher Grund- Politiker sind keine Unternehmer mit nachhaltigem unternehmerischen Denken, denen das Risiko bewusst ist, bei einem Fehler das letzte Hemd zu verlieren.

Politiker erhalten dagegen in der Regel als Belohnung für ihr Versagen einen Versorgungsposten bei einem Staatsnahen Betrieb.

Re: Frau Rohrers Kommentar kann ich diesmal voll unterstreichen,

"Politiker sind keine Unternehmer mit nachhaltigem unternehmerischen Denken, denen das Risiko bewusst ist, bei einem Fehler das letzte Hemd zu verlieren.".

Ich fürchte, Sie beschreiben hier einen der Hauptmißstände. Denn dazu kommt noch, mangelnde Erfahrung mit wirtschaftlichen Vorgängen (event. ausgenommen Werbeeinschaltungen?) und die juristische Herausnahme der eigenen Person von allen, eventuell folgenden Konsequenzen. Sowohl für Handlungen, als auch für unterbliebene Handlungen.

Gast: Lausbub
12.11.2011 19:55
1 0

Aber geh!

Rot/Grün ist nach den Wahlen 2013 ohnehin eine ausgemachte Sache!

Re: Aber geh!

Wie soll denn das gehen?
Um diese Koalition nach der Wahl zu ermöglichen, müssten die Grünen auf etwa 30% kommen und dafür sehe ich keine große Wahrscheinlichkeit.

Gast: TTqq
12.11.2011 19:50
12 0

Faymann ist der schwächste Bundeskanzler der 2. Republik

und hat einen adäquaten Vizekanzler. Wer selbst nichts versteht und nichts kann, hält sich nur schwache Persönlichkeiten an seiner Seite um gefahrenpotenziale auszuschließen. Aber Vorsicht - wer glaubt, aus der Opposition kommt dynamik - dem ist nicht zu helfen. Österreich ist aus demokratiesicht am Ende.

Antworten Gast: Bundesheinzi
14.11.2011 08:31
0 0

Re: Faymann ist der schwächste Bundeskanzler der 2. Republik

Sie haben absolut recht. Das sind leider die traurigen facts.

Antworten Gast: jungunternehmerin
13.11.2011 08:03
4 0

Re: Dickes + für diese pointierte Zusammenfassung


Gast: Markus Trullus
12.11.2011 18:24
5 0

Nix,nix, nix is es!

Wo bitte sind in dieser Regierung Kämpfer? Bis zum Horizont , der vollkommen im Dunkeln liegt und keinerlei Anzeichen eines Silberstreifens zeigt, sehe ich...NIX!
Geht das anderen auch so?

Re: Nix,nix, nix is es!

Und nicht vergessen, diese Regierung hat ihr Nichtstun-Programm gleich von Anfang an um +25% verlängert. Nämlich die Ausweitung der Ligislaturperiode von 4 auf 5 Jahre beschlossen, angeblich weil es so viele, schwierige Aufgaben zu erledigen gibt. LOL.

Zwei Jahre sind viel zuviel

In zwei Jahren verpufft die Anfangserwartung und jeder sieht dann bis zur Wahl, dass die neuen Minister dieselben Lavierer, Nichtszustandebringer und um den heißen Brei Herumreder sind wie die alten. Es berichtigt uns nach Jahrzehnten der Stagnation und des moralischen Verfalls unserer Eliten nichts, auch nur die leiseste Hoffnung auf Änderung zu haben.

Schockstarr kann nur jemand werden.....

....der aus einigermaßem festem Material ist.

rohrer kratzt an der oberfläche und glaubt der lack sei der werkstoff...

@darabos-entacher:
hier geht es nicht um eine poltitshow, die durch auswechseln eines schauspielers ein happy-end findet!
hier geht es um beamte, die als politiker agieren. um ein beamtendienstrecht, das aus der steinzeit stammt. beides hat mit darabos genau überhaupt nichts zu tun. und sein 'unglückliches' agieren ist sogar ein segen: durch ein glücklicheres händchen würde dieser misthaufen noch jahrzehntelang wenig beachtet aber teuer vor sich hinstinken.

auch bei den anderen beispielen muss ich den kopf schütteln:
die apathie der bevölkerung in zusammenhang mit dem bildungsvolksbegehren wollen sie durch eine regierungsumbildung lösen/bestrafen??? schon wieder eine show statt echter aktionen? SIE schreiben jede woche eine kolumne, SIE werden öffentlich mehr gehört als viele andere: knallen SIE doch den wahren schuldigen, der teilnahmslosen, fettgefressenen und weichgesoffenen bevölkerung eine vor den latz anstatt ihr honig ums maul zu schmieren!

und leider durchschauen sie offenbar auch nicht die probleme in innsbruck und im akh: das hat nichts mit einem einzelnen minister zu tun, dort tritt österreich zutage: jeder ist zuständig, keiner ist verantwortlich und änderungen gibt es NUR über die leichen von allen. diese probleme könnten nur dauerhaft gelöst werden, wenn sich ganz österreich ändern würde, aber nicht wenn "the show must go on" ein ministerbild ausgetauscht würde!

3 0

Re: rohrer kratzt an der oberfläche und glaubt der lack sei der werkstoff...

Sehe geehrter Herr Oberst,
als Gemüselaibchen haben Sie ja schon ganz schön Karriere gemacht ! Zu mehr dürfte es aber kaum reichen. Auch Kollege Athos war schon immer eine blasse Gestalt. Ohne die Eleganz von D`artagnan und die Kraft von Porthos konnte er nie so recht überzeugen.
Schwache Verteidiger eines noch viel schwächeren Ministers.
Ich kann Frau Dr. Rohrer in diesem Falle nur Recht geben, aber auch eine Hoffnung zerstören.Es ist nicht Schockstarre, dass Faymännchen und Spindelegger die "Chance" nicht wahrnahmen. Die Tragödie besteht darin, dass sie es beide ganz einfach nicht draufhaben. Von D. will ich gar nicht reden. Da ist jedes Wort überflüssig.

Antworten Gast: Markus Trullus
12.11.2011 18:35
2 0

Re: rohrer kratzt an der oberfläche und glaubt der lack sei der werkstoff...

Muss ihnen widersprechen. Stimmt, wir haben einen unmotivierten Bürger, der wahrscheinlcih immer "falsch" wählt und dem Politik sonst schei.. egal ist .Aber von einem Politiker verlange ich etwas mehr. Darabosch ist ein eitler Geck, dem ein echter Dialog, ein Gespräch mit Entacher- das vor einem Jahr hätte passieren können - zu mühsam war; er wollte für sich unbedingt "gewinnen" , wuscht, was Sache ist/war. Blöd, dass der von der gleichen Farbe ist und er damit den Koalitionspartner nicht ankleckern konnte.
Und der Scherbenhaufen in der Öffentlichkeit, peinlich. Noch peinlicher ist Faymanns Rolle. Die Vermittlung zwischen beiden Standpunkten ist, bei unüberbrückbaren Gegensätzen, seine Aufgabe. Aber da hat er wieder mal weggeschaut. Toll....
Alles in Allem: Unfähigkeit zur dritten Potenz!

 
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