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Wenn die Grenzen zwischen Realität und Theater verschwinden

16.12.2011 | 18:39 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Die Bürger würden Sicherheit, Klarheit und das Wissen, was auf sie zukommen wird, brauchen. Nichts davon bekommen sie von den Regierungsparteien. Kein Wunder, dass sie sich manipulieren lassen.

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Es geht nicht tiefer. Das hört man oft in Diskussionen über innenpolitische Ereignisse oder Auftritte. Es geht. Das bewies erst jüngst Innenministerin Johanna Mikl-Leitner mit ihrem „Her mit dem Zaster“-Urschrei beim ÖAAB-Bundestag.

Es geht nicht konfuser, heißt es auch oft. Es geht. Niemand weiß im Moment, was wer in der ÖVP über welche neuen Steuern denkt. Oder wer was in der SPÖ von welchen Varianten der Studiengebühren hält.

Vorläufiger Höhepunkt der Verwirrung ist die Aufregung um den Wutbürger-Aufschrei des Kabarettisten Roland Düringer. Die Grenzen zwischen Realität und Theater, zwischen Politik und Kabarett werden ohnehin auf der politischen Bühne dauernd verwischt. Düringer legte noch eins drauf und zwar auf eine unangenehme und äußerst bedenkliche Art.

Am Bedenklichen ist Düringer selbst schuld. In einem Interview mit dem „Standard“ meinte er nämlich, seine Hyperventilation als Systemtrottel habe nach einer Parodie über einen Wutbürger-Kongress eingesetzt. Dann war logischerweise auch sein Kabarett-Teil eine Persiflage. Aber nein, nach dem Hype in den Social Media behauptete er, es ernst gemeint zu haben und er verkündete das „Ende des Systems“. Was jetzt? Zuerst als leicht alkoholisierter Wutbürger parodieren, dann plötzlich ein ernstes politisches Statement zum selben Thema? Wie hätte das Publikum den Unterschied erkennen sollen?

Womit man beim Unangenehmen angelangt wäre. Bei den im Internet kursierenden Ausschnitten kann man nicht erkennen, ob das Publikum von der ORF-Regie angewiesen worden war, aufzustehen und kollektiv „Wir sind wütend“ zu brüllen oder nicht. Einerlei. Selbst wenn, hätten die Zuseher die Aktion verweigern müssen.

Denn in Wahrheit waren sie nicht mehr als der nachträgliche Beweis eines Experiments an einer kalifornischen High School vor 44 Jahren. Seither ist es als „The Third Wave“ oder „Welle“ bekannt. Damals hat sich ein Lehrer durch die selbstsichere Überzeugung seiner Schüler, ein Verhalten der Menschen wie in der NS-Zeit sei in ihren Kreisen unmöglich, herausgefordert gefühlt. Er teilte Rollen zu und legte Verhaltensweisen fest. Bald wurde der Beweis geliefert, mit welcher Leichtigkeit Menschen sich vereinnahmen und manipulieren lassen.

Beim Anblick der Zuseher, die im Kabarett von den Stühlen springen und – Regie hin oder her – zu schreien beginnen, kommt ein ganz ungutes Gefühl auf. Kennen sie die Grenze zwischen Parodie und Politik? Heute schreien sie auf Aufforderung im Theater – und morgen?

Auch keine neue Erkenntnis: Nichts hat ein demokratisches System so sehr zu fürchten wie manipulierte Reflexe der Massen. Außerdem wirft der Hype um Düringers Auftritt die Frage auf: Hat Österreich keine anderen Sorgen? Was denkt sich wohl jemand, der gerade jetzt ein Kündigungsschreiben seiner Firma in der Hand hält, weil solche traditionell gerne vor Weihnachten ausgehändigt werden? Kann eine eben arbeitslos gewordene Angestellte ihre Ängste auf YouTube verbreiten?

Notwendig für die Menschen wären jetzt Sicherheit, Klarheit und das Wissen, was auf sie zukommt. In einer Zeit, in der sie nichts davon von den beiden Regierungsparteien bekommen (siehe oben), sind verwirrte Kabarettaktionen so unnötig wie der berühmte Kropf.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2011)

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5 Kommentare
Gast: Karl Schlosser
21.12.2011 16:44
0 0

Halts (besser) die Goschn ?

Disskutieren kann man über einen ernstgemeinten Vorschlag wie über eine Regierungsvorlage, die man vebessern kann.
Wenn aber monatelang jeden Tag ein anderer Selbstdarsteller einen anderen Vorschalg macht, dann hört man sich diesen Scheiss in den Medien nicht mehr an, die ja auch nicht vor dem Unfug mit einem "Halts (besser) die Goschn" warnen. Also sind nur mehr ein paar Goscherte politisch interessiert und aktiv und bremsen so die Normalen aus.

Gast: Systemtrottel
19.12.2011 13:35
1 0

Interessant

Ist ja witzig, wie die Presse versucht, das Ganze kleinzureden. Scheint aber nicht zu funktionieren, so ein Pech.

Fetter Minuspunkt für den misslungenen NS-/"Die Welle"-Vergleich.
Bei einer Diktatur darf man natürlich aufschreien und Leute lynchen, das sind die Bösen. Aber sobald man in einer heiligen Scheindemokratie etwas gegen das System sagt, kommt die Nazi-Keule.
Das hätte ich in einem Stammtischforum erwartet aber nicht bei der Presse.

Auch keine neue Erkenntnis: Nichts hat ein demokratisches System so sehr zu fürchten wie manipulierende Medien.
Und Scheindemokratien und Diktaturen fürchten sich am meisten davor, dass die dumme Masse plötzlich aufhört, dumm zu sein.

Ach ja, ich vergaß: die Angestellte mit dem Kündigungsschreiben. Dann lasst uns lieber warten, bis alle Menschen im Land sicher, glücklich und zufrieden leben; erst danach dürfen wir Kritik üben... auch wenn diese dann so unnötig wie ein Kropf wäre.

Krankarl
18.12.2011 20:33
1 0

Raus aus der EU und Neuwahlen

unsere Regierung arbeitet nur gegen die Österreicher. Das sieht man auch am Atomstrom.
Reine Augenauswischerei.
Was Kanada gemacht hat um Strafzahlungen zu entgehen, kann sich unser herr Minister nicht vorstellen. Aber wenn Deutschland das macht, sofort.
Eigene Vorstellungen oder Pläne haben die Herren und Damen unserer Regierung nicht. Alles muß man von den Nachbarn nachmachen. Auch wenn es ein Blödsinn ist.
UNSERE REGIERUNG IST UNFÄHIG: WEG MIT DEN VERSAGERN

3 0

„The Third Wave“ oder „Welle“ ist ein sehr gutes beispiel!

aber nicht zu ungunsten von düringer: denn diese unterstellte beeinflussung von massen wurde auch in diesem experiment nichts bewirkt durch eine einmalige kurze ansprache des lehrers. eine langfristige 'kampagne' war es!

diese sehe ich im bereich der informationen und veröffentlichten meinung in den massenmedien ganz, ganz deutlich: only bad news are good news.

information (im ureigensten sinn: informierend) wird seit vielen jahren kleingeschrieben. meinung und meinungsmanipulation dominieren eindeutig!

ein Widerspruch

Frau Rohrer sie sind doch diejenige die sich wünscht, dass die Bürger mit ihrer Unzufriedenheit endlich vom raunzen zum Handeln kommen. Wenn Düringer mit seinem Auftritt einen Beitrag dazu leistet, sollte ihnen das doch hochwillkommen sein, oder?

Ich finde wir könnten mehr davon brauchen.

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