Es geht nicht tiefer. Das hört man oft in Diskussionen über innenpolitische Ereignisse oder Auftritte. Es geht. Das bewies erst jüngst Innenministerin Johanna Mikl-Leitner mit ihrem „Her mit dem Zaster“-Urschrei beim ÖAAB-Bundestag.
Es geht nicht konfuser, heißt es auch oft. Es geht. Niemand weiß im Moment, was wer in der ÖVP über welche neuen Steuern denkt. Oder wer was in der SPÖ von welchen Varianten der Studiengebühren hält.
Vorläufiger Höhepunkt der Verwirrung ist die Aufregung um den Wutbürger-Aufschrei des Kabarettisten Roland Düringer. Die Grenzen zwischen Realität und Theater, zwischen Politik und Kabarett werden ohnehin auf der politischen Bühne dauernd verwischt. Düringer legte noch eins drauf und zwar auf eine unangenehme und äußerst bedenkliche Art.
Am Bedenklichen ist Düringer selbst schuld. In einem Interview mit dem „Standard“ meinte er nämlich, seine Hyperventilation als Systemtrottel habe nach einer Parodie über einen Wutbürger-Kongress eingesetzt. Dann war logischerweise auch sein Kabarett-Teil eine Persiflage. Aber nein, nach dem Hype in den Social Media behauptete er, es ernst gemeint zu haben und er verkündete das „Ende des Systems“. Was jetzt? Zuerst als leicht alkoholisierter Wutbürger parodieren, dann plötzlich ein ernstes politisches Statement zum selben Thema? Wie hätte das Publikum den Unterschied erkennen sollen?
Womit man beim Unangenehmen angelangt wäre. Bei den im Internet kursierenden Ausschnitten kann man nicht erkennen, ob das Publikum von der ORF-Regie angewiesen worden war, aufzustehen und kollektiv „Wir sind wütend“ zu brüllen oder nicht. Einerlei. Selbst wenn, hätten die Zuseher die Aktion verweigern müssen.
Denn in Wahrheit waren sie nicht mehr als der nachträgliche Beweis eines Experiments an einer kalifornischen High School vor 44 Jahren. Seither ist es als „The Third Wave“ oder „Welle“ bekannt. Damals hat sich ein Lehrer durch die selbstsichere Überzeugung seiner Schüler, ein Verhalten der Menschen wie in der NS-Zeit sei in ihren Kreisen unmöglich, herausgefordert gefühlt. Er teilte Rollen zu und legte Verhaltensweisen fest. Bald wurde der Beweis geliefert, mit welcher Leichtigkeit Menschen sich vereinnahmen und manipulieren lassen.
Beim Anblick der Zuseher, die im Kabarett von den Stühlen springen und – Regie hin oder her – zu schreien beginnen, kommt ein ganz ungutes Gefühl auf. Kennen sie die Grenze zwischen Parodie und Politik? Heute schreien sie auf Aufforderung im Theater – und morgen?
Auch keine neue Erkenntnis: Nichts hat ein demokratisches System so sehr zu fürchten wie manipulierte Reflexe der Massen. Außerdem wirft der Hype um Düringers Auftritt die Frage auf: Hat Österreich keine anderen Sorgen? Was denkt sich wohl jemand, der gerade jetzt ein Kündigungsschreiben seiner Firma in der Hand hält, weil solche traditionell gerne vor Weihnachten ausgehändigt werden? Kann eine eben arbeitslos gewordene Angestellte ihre Ängste auf YouTube verbreiten?
Notwendig für die Menschen wären jetzt Sicherheit, Klarheit und das Wissen, was auf sie zukommt. In einer Zeit, in der sie nichts davon von den beiden Regierungsparteien bekommen (siehe oben), sind verwirrte Kabarettaktionen so unnötig wie der berühmte Kropf.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2011)















