Es würde sich lohnen, in den nächsten ruhigen Tagen einmal über Alternativen zu all dem Negativen der letzten Wochen und Monate nachzudenken und zu reden. Das wäre gar keine so schwere Übung für Politiker, Journalisten und auch Bürger ganz allgemein.
Man kann doch Energie auch anders verwenden: Statt immer neue Belastungen zu erfinden, über konkreten Stimulus für die Wirtschaft reden; statt alles Schreckliche der nahen und fernen Zukunft zu erklären und zu analysieren, spezifische Änderungen vorschlagen; statt sich dauernd Ausreden und Rechtfertigungen für die eigene Apathie auszudenken, konkrete zivilgesellschaftliche Aktivitäten suchen.
Drei Beispiele sollen das veranschaulichen: In letzter Zeit war nur von neuen Steuern oder der Erhöhung vorhandener etwas zu hören und nichts über die Schaffung von Arbeitsplätzen. Statt immer neue Belastungen bis zum Überdruss zu zerreden, kann doch darüber diskutiert werden, wie Innovation, Wirtschaftsbelebung, Arbeitsbeschaffung zu erreichen wären. Dazu kam von der Politik bis jetzt gar nichts, von den zuständigen Experten nur ganz allgemeine Aufforderungen, sich um Wachstum zu kümmern. Konkretes sagen auch sie nicht.
Jeder ist so ständig in der Defensive. Zudem wird eines der Grundübel in Österreich, das ständige Grübeln, warum etwas nicht geht, keinesfalls versucht werden soll und ohnehin nichts bringt, dadurch noch mehr verstärkt. Falls das überhaupt noch möglich ist in einer Nutzt-nix-Gesellschaft. Auch die Medien sollten Wege aus dem Depressionsmodus finden. Jene Energie, die wir Journalisten auf die Analysen der Unfähigkeit der Politik aufwenden, wäre sicher in detaillierte Vorschläge wie etwa zu einer Wahlrechtsänderung und entsprechenden Kampagnen zwecks Druck auf die Politik besser investiert. Es geht nicht darum, Kritik hintanzuhalten, sondern das Kritisierbare in Balance mit Veränderbarem zu halten – als Handlungsanleitung zum Positiven gewissermaßen. Warum nicht Kreativität in das Machbare stecken?
Schließlich der private Bereich: Statt sich in der Ablehnung alles Fremden zu suhlen, jungen Immigranten eine düstere Zukunft vorherzusagen und die erwarteten Probleme zu bejammern, könnte man zwei Stunden der eigenen Zeit pro Woche zur Verfügung stellen.
Lesepaten machen das und wissen: „Ich kann die Welt nicht retten, aber einem Kind auf die Sprünge helfen.“ Einem Kind, das ohne die Hilfe dieser Privatperson mit einer Leseschwäche leben müsste – und irgendwann alle Vorurteile der Gesellschaft aus Frust und Aggression bestätigt. Viele wenden an dieser Stelle ein: „Das bringt doch nichts!“ Sie glauben es zu wissen, ohne je selbst ein paar Stunden fürs Mittun in politiknahen Bereichen „geopfert“ zu haben.
Lesepaten sind glückliche Menschen, erfährt man. Es macht ihnen Freude. Sie bestätigen damit eine Untersuchung in Deutschland, wonach das Engagement den meisten Bürgern wichtiger ist als das Ergebnis ihrer Beteiligung. Die Zufriedenheit liegt in der Überwindung der Hilflosigkeit der Politik gegenüber.
Die letzte Zeit hat gezeigt, dass wir mit der Einstellung „Nix nutzt was, nix bringt was, und alles ist ach so sinnlos“ nichts erreichen und dabei auch noch extrem unfröhlich sind. Wie wäre es mit dem Gegenteil? Das Positive so lange üben, bis es klappt.
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Zur Autorin:
Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer
Ihr neues Buch: „Ende des Gehorsams“ (Verlag
Braumüller).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)















