Es gibt Momente der existenziellen Unsicherheit: Wer spinnt jetzt? Ich oder die andere(n)? Ein solcher war erreicht, als in Frankreich die derzeitige Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn, Ann Sinclair, zur „Frau des Jahres“ gekürt wurde. Kein Scherz, obwohl man diese Kür eigentlich für einen solchen halten möchte und im Zeitalter der Cyber-Falschmeldungen nichts mehr auszuschließen ist.
Entschließen wir uns – unwillig, aber doch –, das Ganze ernst zu nehmen. Wie soll man dann die Begründung der Wahl verstehen? Die französische Journalistin habe die „vergangenen zwölf Monate besonders beeinflusst“, hieß es da. Durch eine besondere Leistung? Durch eine besondere Wohltat? Durch besonderen Mut?
Mitnichten: durch das Hinterlegen der Kaution, um Strauss-Kahn nach dem Vorwurf der Vergewaltigung eines Zimmermädchens aus der New Yorker Haft freizubekommen, durch das Anmieten eines Luxushauses in Manhattan für die Zeit seines Hausarrests; vielleicht auch durch das Organisieren politischen Drucks, damit die Anklage gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds fallen gelassen wird.
Frauen, so hieß es in der Begründung weiter, identifizierten sich mit ihr, hielten sie für mutig. Und nirgends ist ein Schuss Ironie zu entdecken. Das einzig Mutige aber kann nur Sinclairs Leidensfähigkeit sein, denn den schnellen Hotelsex hat Strauss-Kahn ja nicht einmal bestritten.
Was aber ist für eine Frau daran mutig, eine andere als Täterin darzustellen? Die spinnen, die Franzosen! Wahl und Begründung sind ein Rückschlag für die Sache der Frau, wie man ihn nicht mehr für möglich gehalten hätte – jedenfalls nicht in Europa.
Selbst in den USA, wo ein derart demütiges Verhalten von Frauen eine für Europäer unverständliche Tradition hat, zeichnete sich in den letzten Jahren schon ein Umdenken ab. Als der viel gefeierte Gouverneur des Staates New York, Eliot Spitzer, wegen des Skandals um eine Prostituierte zurücktreten musste, fanden viele die bedrückende Anwesenheit der Frau an seiner Seite bei der Pressekonferenz ganz entwürdigend. Ebenso wie das Schweigen der inzwischen verstorbenen Frau des Präsidentschaftskandidaten John Edwards und vieler anderer Frauen, die mit versteinertem Gesicht bei den öffentlichen Beichten ihrer Gouverneur-, Abgeordneten- und Prediger-Männer anwesend sind.
Auch wenn der Zwang für Frauen, im wahrsten Sinn des Wortes, das Gesicht zu wahren, geringer wird, zeigen die Geschichten von Sinclair & Co. in Wahrheit nur eines: Eigentlich können Frauen in der Öffentlichkeit nie gewinnen. Entweder haben sie keine Selbstachtung, wenn sie an „seiner Seite“ bleiben, oder sie lassen ihre Ehemänner im Stich; entweder sind sie berechnend, weil sie sozial von seiner Machtstellung weiterhin profitieren, oder sie sind schuld am Ende der Männerkarriere.
Ganz offensichtlich herrscht bei diesem Thema auch in der (ver)öffentlich(t)en Meinung Verwirrung: Einmal werden Frauen ausgezeichnet, weil sie sich getrennt haben, dann wieder, weil sie bleiben. Solche Entscheidungen sollten ausschließlich Sache der betreffenden Frauen sein. In den wenigsten Fällen sind sie von irgendeiner übergeordneten Bedeutung. Auch Frankreich wird im neuen Jahr andere Probleme haben.
Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com
Zur Autorin:
Anneliese Rohrer ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse.com/blog/rohrer
Der nächste Mutbürger-Stammtisch findet am 16.Jänner 2012 um 17 Uhr im Burgkino in Wien statt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2012)















