25.05.2012 21:16 | Meine Presse Merkliste 0

Statt mit Tricks zu arbeiten, sollten die Bundesländer Steuern selbst einheben

10.02.2012 | 18:37 |  ANNELIESE ROHRER (Die Presse)

Die Landeshauptleute machen es sich – wie immer – beim Budgetpaket wirklich leicht: Einsparungen nur bei mehr Geld vom Bund. Die Verantwortung für neue Belastungen müssen sie nicht übernehmen.

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Den Landeshauptleuten ist jetzt eine neue Definition des Begriffs „Chuzpe“ gelungen: Wir sparen, dafür bekommen wir mehr Geld vom Bund. Nicht anders ist die „Bedingung“ der Bundesländer zu verstehen, die „größte Herausforderung“ der Länder (© Franz Voves) über ihre Anteile an den Steuern, die der Bund einführen oder erhöhen wird, zu finanzieren.

Man könnte auch von Bauernschläue sprechen, aber Chuzpe im gängigen Sinn trifft es besser: Ein Elternmörder verlangt vor Gericht eine Rente, weil er ja jetzt Vollwaise sei. Gleichzeitig mit der Zusage, 5,2 Milliarden Euro bis 2016 einzusparen, deponierte die steirische Finanzreferentin Bettina Vollath die Forderung nach Beteiligung der Ländern am frischen Geld. Das sollte ja eigentlich der Reduzierung des Bundesdefizits dienen und nicht als Sparhilfe für ausgabenfreudige Länder gedacht sein.

Die amtierenden Landeshauptleute haben aber eine gewisse Übung im Verdrehen der Tatsachen. In einer wenig beachteten sechsseitigen „Föderalismuserklärung“ vom 19. Mai 2011 haben sie nämlich eine Reform des Bundesstaates versprochen und diese so interpretiert: Wir wollen mehr Kompetenzen, wofür der Bund das Geld zur Verfügung stellen soll, – und außerdem neue Mitspracherechte bei Bestellungen von den Höchstgerichten bis zur Volksanwaltschaft.

Abgesehen davon, dass von einer Reform des Föderalismus, die ja auch Sparpotenzial hätte, keine Rede mehr ist, hat auch der Mai-Beschluss der Landeshauptleutekonferenz eine Neuinterpretation des Begriffs Föderalismus vorgenommen. Eigentlich versteht man darunter hauptsächlich einen Föderalismus mit Steuergeld, zu dem die Bürger auf Bundesebene verdonnert werden. Zu diesem Thema gibt es den berühmten Spruch eines Ex-Landeshauptmanns aus Oberösterreich in Gegenwart eines Bundespolitikers: „Ihr hebt's ein und ich verteil's.“ Mit anderen Worten: Der Eintreiber von Steuergeld hat die politischen Konsequenzen zu tragen; derjenige, der das Steuergeld ausgibt, übernimmt keine Verantwortung.

Die wirkliche Enttäuschung in der föderalen Tragikomödie rund um das Budgetpaket Faymann/Spindelegger aber ist der steirische Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ).

Monatelang hat man gedacht, wenigstens in der Steiermark hätten SPÖ und ÖVP begriffen, dass es jetzt nur mehr darauf ankommt, das Richtige zu tun; dass es um das nackte politische Überleben und nicht mehr um Popularität geht; dass man, politisch an die Wand gedrängt, das sachlich Richtige tun kann und nicht das parteipolitisch Wichtige. Voves und Hermann Schützenhöfer haben sich mit Lob überschütten lassen. Zu Unrecht!

Als Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz hätte Franz Voves die Position gehabt, seine Kollegen von dem Trick mit Einsparen/Abkassieren abzuhalten. Er hat seine Chance gehabt, für den Gesamtstaat eine Kraftanstrengung zu organisieren – und sie nicht genützt.

Noch sind die Details des Länderbeitrags zum Defizitabbau gar nicht verhandelt. Wer weiß, wie viel Kleingedrucktes ihn noch abschwächen wird. Allerdings könnte man die Zeit noch nützen und Steuerhoheit für die Bundesländern fixieren: Hebt euch eure Steuern doch allein ein! Dann blieben den Bürgern wenigstens Unverschämtheiten wie jetzt erspart.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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7 Kommentare
Gast: zensuriert doch mal wen anderen
15.02.2012 13:31
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gute idee

steuerhoheit für die länder dafür kein finanzausgleich mehr. einzige einschränkung: verfassungsrechtliches verbot der schuldenfinanzierung. dann müssen die länder das was sie ausgeben auch selbst verdienen (viel spass dabei). wenn ein land das nicht schafft steht der bund einmalig für das defizit gerade, das land wird aufgelöst und in die direkte bundesverwaltung übernommen. da dauert es maximal drei jahre und das problem föderalismus hat sich von selbst erledigt.

Gast: Luzifer
13.02.2012 16:59
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Ein absurder Vorschlag, der zur Folge hätte,

daß es gleich 9 Finanzverwaltungen geben würde...
Darunter auch welche für das Ländle oder Burgenland. Da würden sich aber wieder die Landeshauptleute freuen, die könnten wieder lukrative Chefposten verteilen!

Und ein nicht zu übersehender Aspekt: zwischen den Finanzverwaltungen gäbe es dann auch noch einen Wettbewerb, wer die niedrigsten Steuern hat...

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Mit anderen Worten: Der Eintreiber von Steuergeld hat die politischen Konsequenzen zu tragen; derjenige, der das Steuergeld ausgibt, übernimmt keine Verantwortung.



leider lässt sich diese behauptung empirisch nicht belegen.
das gegenteil scheint der fall zu sein:
in den letzten jahrzehnten haben sich sehr oft die diversen finanzminister der republik als die lieblinge von medien und wählern erwiesen. die steuereintreiber waren also die stars.

die das steuergeld ausgebenden minister, jene ohne verantwortung also, waren hingegen meist die watschenmänner/frauen....

die von frau rohrer diagnostizierte beliebtheit von landeshauptleuten (innerhalb ihres landes jedenfalls) hat weniger mit (nicht-)eintreiben und (nicht-)verantwortilichkeit zu tun, sondern ist das resultat, wenn künstler auf dem klavier der öffentlichkeitsarbeit spielen.
und viele berufskollegen von rohrer (wohl auch sie selbst) lauschen voll bewunderung jenen süßen klängen und werden ganz aufgeregt, wenn sie sich um ein autogramm des großen künstlers anstellen dürfen...

Gast: Vogel Strauss
11.02.2012 18:37
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Regierung selber schuld

Warum sollten die LH-Leute auf ihre Vorteile verzichten, bei so einer schwachen Regierung? Da wären sie schön blöd ... ausserdem gehört das Verdrehen von Tatsachen zur Stellenbeschreibung für Politiker. Was die Steuerautonomie betrifft: Die Länder sind bei ihren Abgaben ohnehin schon sehr kreativ, Beispiel: Seuchenvorsorge-Abgabe wurde in NÖ klammheimlich mit der Vogelgrippe-Hysterie eingeführt und wird nun Jahr für Jahr eingehoben und auch erhöht - eine Schweinerei sondergleichen, über die sich aber niemand aufgeregt hat!

Gast: Gast: Leser
11.02.2012 13:09
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Beispiel Schweiz

Wenn schon die Bundesländer bestehen bleiben müssen, sollten sie das Steuersystem der Schweizer Kantone übernehmen: die setzen selbst die Steuern fest und heben sie auch ein; wenn jemandem irgendwo die Steuer zu hoch ist, kann er selbstverständlich seinen Wohnsitz in einen andern Kanton verlegen. So werden die Kantone gezwungen, möglichst sparsam zu wirtschaften, sonst laufen ihnen die Menschen weg, wodurch sie dann noch weniger Steuern einnehmen.

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Re: Beispiel Schweiz

die welt ist um vieles kleiner geworden, als sie zur zeit der einführung des schweizer steuersystems war.

wenn HEUTE "jemandem irgendwo die steuer zu hoch ist, kan er selbstverständlich seinen wohnsitz in" ein anderes eu-land verlegen.

eines der eu-grundrechte ist die niederlassungsfreiheit. allen ösis, die immer nur sudern und schimpfen, und denen nichts in diesem land auch nur irgendwie gefällt, ist anzuraten, sich um etwas 'besseres' umzuschauen!

die welt ist nicht im 19. jahrhundert stehen geblieben. sie dreht sich beständig weiter.

Antworten Gast: Vogel Strauss
11.02.2012 18:38
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Re: Beispiel Schweiz

Ösis sind nicht so flexibel, da zieht sicher keiner um, nur weil er in Tirol weniger zahlt als in NÖ ...

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