Wie man ein Pferd von hinten aufzäumt Neues Dienstrecht für unfähige Lehrer?

Höhere Bezüge, neue Arbeitszeiten, Halbtags- oder Ganztagsarbeit machen aus schlechten Pädagogen keine guten. Ausbildung und Arbeitsplatzsicherheit trotz Unfähigkeit müssen reformiert werden.

Fünf Minuten weniger pro Unterrichtsstunde, zwei Stunden pro Woche Mehrarbeit, sechs Stunden, davon zwei unbezahlt, fünf Wochen Urlaub statt neun, mehr Zeit in der Schule, dafür mehr Geld: In der Schulpolitik ist wieder die Stunde der Sekundenzähler.

Sie verhandeln ein neues Dienstrecht für Lehrer und haben noch immer mit konsequenter Engstirnigkeit den falschen Ansatz: Nicht die Dauer der Dienststunden zählt, sondern, welche Lehrer eigentlich in Österreichs Klassenzimmern stehen. Wie viele davon sind überhaupt für „einen der schönsten Berufe“ (©Christgewerkschafter Paul Kimberger in einer Radiodiskussion) geeignet?

Die jüngste Verhandlungsrunde Regierung/Gewerkschaft zeigt wieder, wie man ein Pferd von hinten aufzäumen kann. Statt zu überlegen, welches Personal man auf Schüler aller Altersstufen loslässt und welche Arbeitsbedingungen man diesem bietet, streiten Politiker und Gewerkschafter lieber um Minuten, Stunden und Euro.

Gewiss, die Einschätzung der Eignung ist mühsam und nicht leicht. Die Vielfalt der Persönlichkeiten und der Gegenstände mit ganz spezifischen pädagogischen Talenten und sachlichen Erfordernissen, lassen sich nicht einheitlich beurteilen. Aber bei nachweisbarer pädagogischer Unfähigkeit muss eine Lehrkraft aus dem Klassenzimmer abgezogen werden. Alles andere ist ein Vergehen an den Schülern.

Es kann schon sein, dass sich das Unvermögen, Lehrstoff zu erklären und zu vermitteln, erst nach einer gewissen Zeit herausstellt, aber dann müssten Konsequenzen möglich sein. Zurzeit reagieren Schulleiter hilf- und machtlos, scheint die pädagogische Eignung in der Ausbildung zweitrangig – und verkommt diese Ausbildung zur Machtfrage zweier Ministerien.

Wem nützt es, wenn verdrossene, weil in ihrer Arbeit unglückliche Lehrkräfte ihre Minuten und Stunden abspulen? Den Schülern nicht, aber auch nicht engagierten Kollegen, weil der Missmut einzelner dem Image aller schadet. Und dieses schlechte Image führt wiederum zur Demotivation noch so bemühter Pädagogen.

Viele von ihnen sind aber auch manchmal überfordert – mit den Änderungen in Gesellschaft und Schule. Gute Investitionen wären daher ein Ausbau der Supervision und eines Coachingsystems, in dem erfahrene Lehrkräfte (eventuell freiwillig im Ruhestand) Kollegen, die weder mit sich noch mit ihrem Stoff noch mit den Schülern zurechtkommen, beraten.

Der Teufelskreis, den eine verfehlte Schulpolitik seit Jahrzehnten rund um die Klassenzimmer zieht, lässt sich am Beispiel der Naturwissenschaften leicht verfolgen: In diesen Fächern sind das größte pädagogische Talent und die größte Begeisterungsfähigkeit vonnöten.

Viel kann davon nicht vorhanden sein, weil Österreichs Schüler – durch Umfragen belegt – mit Naturwissenschaften am wenigsten im Sinn haben. Warum wohl? Das schadet einerseits der wirtschaftlichen Entwicklung und führt andererseits zu einem Mangel an guten Pädagogen in diesen Fächern, worauf die schlechten bleiben – der Rest ist bekannt.

Statt also an einem Dienstrecht zu feilschen, sollte das Problem zuerst bei den Wurzeln gepackt werden: Welche Pädagogen braucht das Land? Welche Arbeitsplätze sind erforderlich? Wie ist das Image zu verbessern? In der Excel-Tabelle einer Bankerin stehen solche Fragen sicher nicht.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an:

debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.