Zugegeben, die Lage ist ernst. Es gibt „in Zeiten wie diesen“ nichts mehr zu lachen. Mark Twain bemerkte einmal, dass „Schlagfertigkeit etwas ist, worauf du erst 24 Stunden später kommst“. Für österreichische Politiker – früher und jetzt – ist diese Frist mit Sicherheit zu kurz. Sie kommen in Tagen, Wochen, Monaten, ja Jahren nicht mehr „darauf“.
Moment! Das ist ungerecht. Schlagfertige gab es schon – ÖVP-Seniorenchef Andreas Khol gehörte dazu, auch Alexander Van der Bellen von den Grünen einmal oder der jüngere Josef Cap von der SPÖ, bevor er begann, Humor mit tiefem Wiener Dialekt zu verwechseln. Aber wann hat man sich zuletzt über den Ausspruch eines Politikers wirklich amüsieren können?
Die zwei Sprüche, die in diesem Zusammenhang spontan einfallen, waren zwar witzig, die Heiterkeit, die sie auslösten, aber eher unpassend. Als der etwas hölzerne Fred Sinowatz im Presseclub Concordia 1986 zur „Kenntnis nahm, dass nicht Kurt Waldheim bei der SA war, sondern sein Pferd“, brach Gelächter aus. Wir Journalisten reagierten unangebracht.
Als Ex-Finanzminister Rudolf Edlinger „lieber seinen Hund auf die Wurst aufpassen“ ließ als die „ÖVP auf das Geld der Steuerzahler“ lachten wir Journalisten wie befreit auf – nach Tagen des verkrampften Hin und Her zwischen SPÖ und ÖVP.
Da rollte die Nostalgiewelle schon. Was hatte doch Bruno Kreisky für einen Wortwitz? Wie konnte man sich über Helmut Zilk amüsieren? Seit der staatstragenden Starre eines Franz Vranitzky aber pendelt die Politik zwischen verbalem Krampf und realer Groteske hin und her.
Es ist bezeichnend, dass die Politiker-„Sager“, die seither in Erinnerung geblieben sind – von Jörg Haider, Wolfgang Schüssel, Michael Häupl oder Heinz-Christian Strache –, in die Kategorie „aggressiver Witz auf Kosten anderer“ fallen. Entweder wurden ganze Gruppen, die jeweils andere Partei oder auch Einzelpersonen der Lächerlichkeit preisgegeben. Mit Finesse hatte das nichts zu tun.
Der raffinierte politische Humor, der geschliffene Wortwitz sind abhandengekommen – und bei den derzeit Agierenden wie Werner Faymann und/oder Michael Spindelegger auch gar nicht mehr vorstellbar. Der ÖVP-Chef könnte bei der Österreich-Rede am Montag das Gegenteil beweisen. Das wäre eine Überraschung.
Bezeichnend ist, dass seit Langem nur mehr unfreiwillige Komik – nein, eher Peinlichkeit – Belustigung hervorruft. Ein ehemaliger Vizekanzler fühlt, dass „the world in Vorarlberg too small“ für ihn ist und trägt den Wunsch nach „consulting and lobbying“ im Juli 2007 auch noch an einen Politiker in London heran (Hubert Gorbach); ein Ex-Finanzminister erklärt im TV, man halte ihn eben „für zu schön, zu intelligent, zu reich“ und verfolge ihn deshalb (Karl-Heinz Grasser); Finanzministerin Maria Fekter ist auf ihre mangelnden Englischkenntnisse auch noch stolz, weil ihr „shortly without von delay“ international bekannt geworden ist.
Mehr zum Weinen als zum Lachen also. Keine Rede, die man mit Vergnügen oder Gewinn verfolgen könnte. Ein österreichischer Kari Schwarzenberg (Tschechiens Außenminister) muss her, der witzig und mit viel Selbstironie über Politisches spricht. Schmunzeln in Zeiten der Ernsthaftigkeit, das hätte schon was. Allein, Esprit hat man – oder nicht.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)















