Im normalen Leben würde man an dem Punkt, an dem die Bildungsdiskussion jetzt angelangt ist, sagen: „Entweder Sie wollen es nicht verstehen, oder Sie können es nicht.“ Ansprechpersonen wären die beiden Parteichefs Werner Faymann (SPÖ) und Michael Spindelegger (ÖVP), nicht nur die beiden Minister für Bildungschaos, Claudia Schmied und Karlheinz Töchterle.
Was sie offenbar nicht verstehen können: den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung, Wohlstand und Bildungsniveau. Erst diese Woche hat die EU-Kommission Österreich schwere Mängel und Missstände im Bildungsbereich vorgehalten. Sollten die Bürger nicht schlauer werden, wird das Land nicht konkurrenzfähig.
Das anhaltende Chaos in der Schulpolitik – von der schlecht vorbereiteten Zentralmatura bis zu Täuschen und Tarnen bei Neuer Mittelschule und Gymnasien – und die totale Konfusion an den Universitäten bezüglich der Studiengebühren kommen eigentlich einer Misshandlung der Schüler und Studenten gleich.
Für das Herumlavieren entlang ideologischer Gräben in der Schulpolitik ist Schmied verantwortlich, für die entwürdigenden Unsicherheiten an den Universitäten Wissenschaftsminister Töchterle. Viele, auch Medien, wollten ihn so gern als originelles und freundliches Gesicht der ÖVP sehen und schrieben ihm mehr Erfolge zu, als er tatsächlich vorzuweisen hat. Das planlose und wenig durchdachte Abschieben der Studiengebühren in die Verantwortung einzelner Universitäten, das folgende Durcheinander auf Kosten der Jungen und das Warten auf das Höchstgericht sind ein Armutszeugnis für den Wissenschaftler und Politiker Töchterle.
Was sie offenbar nicht verstehen wollen: Eine Regierung, die sich so wenig darum kümmert, dass die nächste Generation zukunftsfit wird, handelt fahrlässig. Aber vielleicht verstehen sie das: Es wird heute als Fehler Wolfgang Schüssels angesehen, dass er Bildungsministerin Elisabeth Gehrer nicht rechtzeitig ausgetauscht hat. Bildungsverantwortliche haben also durchaus das Potenzial, anteilsmäßig Wahlniederlagen zu verursachen. Vielleicht schreckt sie das.
Als wäre der Niveau- und Leistungsverlust durch das Herumpfuschen an den Schulen nicht schon schlimm genug, erwies sich auch die Behandlung des Bildungsvolksbegehrens im Parlament diese Woche als inferior: nicht der Hauch eines politischen Willens, auch nur irgendeine inhaltliche Reform zu verwirklichen. Man muss schon sehr naiv sein, um „eine Reihe von Entschließungsanträgen“ im Nationalrat als Erfolg zu sehen. Solche Anträge sind nämlich genau gar nichts wert. Sie sind so schnell vergessen, wie sie im Plenum beschlossen werden.
Wie die EU-Kommission der Regierung begreiflich machen wollte, geht es aber um die Qualität der Ausbildung. Die setzt exzellente Schulen und Unis voraus. Das haben Schmied, Töchterle und Konsorten aber völlig aus den Augen verloren.
Anfang Mai hat Bundeskanzler Faymann bei einer Tagung der Nationalbank vor einer „verlorenen Generation“ gewarnt. Dieser Begriff bezog sich ursprünglich auf „respektlose und besoffene“ Exilamerikaner wie Ernest Hemingway im Paris der 1920er-Jahre. Das wird Faymann wahrscheinlich nicht wissen. Wie war das mit der Bildung? Schwerer wiegt, dass er für die junge Generation heute nichts tut.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)















