Einen Anschauungsunterricht der Sonderklasse zum Thema mangelnde Fehlerkultur lieferten diese Woche Alexander Van der Bellen (G) und Wolfgang Schüssel (ÖVP). Zufällig am selben Tag.
Van der Bellen wollte zwar bei der Ankündigung seines Wechsels vom Nationalrat in den Wiener Gemeinderat das Wort Fehler auch nicht in den Mund nehmen, aber immerhin erkannte er den „Makel“ der Wählertäuschung nach der Wien-Wahl 2010. Damals verweigerte er den Einzug ins Rathaus, obwohl ihn die Wiener Grün-Wähler ganz eindeutig dort sehen wollten. Beobachter wussten schon damals, dass diese Weigerung ein schwerer Fehler in Sachen Glaubwürdigkeit und die wortreichen Erklärungen nichts als eine Ausrede waren.
Ganz anders Wolfgang Schüssel bei einem „Zeitgespräch“ in Salzburg. Der Ex-Bundeskanzler verstieg sich dort laut Medienberichten zur Feststellung, das „FPÖ-Regierungsteam war erstklassig“. Zu hoffen wäre, dass Schüssel dies ironisch gemeint hat. Erstklassig wie Elisabeth Sickl, Michael Krüger, Michael Schmid? Zu fürchten ist allerdings, dass Schüssel das tatsächlich noch immer glaubt, so wie er noch immer glaubt, dass „mein Finanzminister seine Stellung überhaupt nicht missbraucht hat“. Karl-Heinz Grasser als Finanzminister mit einem Koffer und 500.000 bisher ungeklärten Euro über die Grenze – „Stellung überhaupt nicht missbraucht“?
Wie hat der schottische Historiker Thomas Carlyle im 19. Jahrhundert einmal geschrieben? „Der schlimmste aller Fehler ist, sich keines bewusst zu sein.“ Beim Vergleich Van der Bellen – Schüssel, Männer der gleichen Generation, tritt auch zutage, was sonst zu beobachten ist. Viele Politiker rechts der Mitte sind von ihrer einzig wahren „Richtung“ bis zur totalen Verdrängung der Realität überzeugt.
Wenn sie wie der ehemalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff einen „schweren Fehler“ doch zugeben, so trifft das Eingeständnis nicht den Kern. Wulffs Fehler war nicht der Anruf beim Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, sondern sein gesamtes Verhalten nach Auffliegen der Hausfinanzierungsaffäre. Bevor Maria Fekter zugibt, dass ihre unbedachte Äußerung zu Italien ein Fehler war, hält sie sich lieber weiterhin für den „einzigen Mann“ in dieser rot-schwarzen Regierung. Bei Privatsachen erhoffen sich Politiker Vergebung, im Politischen können sie sich aber einfach nicht überwinden, das Richtige zu sagen.
So warten wir noch immer darauf, dass Werner Faymann endlich eingesteht, dass der Kniefallbrief an Hans Dichand 2008 ein schwerer Fehler war. Der „glühende Europäer“, der Faymann jetzt sein will, hätte ihn nie geschrieben. Nicht erwarten werden wir das Geständnis von Verkehrsministerin Doris Bures, wie falsch es war, zukünftige Generationen mit 60 Milliarden Euro für die ÖBB zu belasten. Bei der FPÖ warten wir auf nichts und erwarten auch nichts.
So aber kommen wir nie zu einer ehrlichen Fehleranalyse der Politik der letzten Jahrzehnte, mit der man dem steigenden Unmut der Bürger entgegenwirken könnte. Die Angst, Schwäche zu zeigen, die Furcht vor Hohn in den Medien überwiegen alles. Wie erfrischend und befreiend aber wäre ein Politiker, der unumwunden zugibt: „Wir haben das falsch gemacht.“ Deshalb ein Angebot: Der/die Erste mit diesem Mut zur Verbesserung der Fehlerkultur kann in den Medien auf Lob zählen. Versprochen!
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Zur Autorin:
Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)















