Nein, keine Angst, das wird nicht noch eine Kolumne zur Frage, ob Juden und Muslimen gestattet sein soll, ihren Buben an delikater Stelle ein Stück Haut wegzuschnipseln oder nicht.
Diese Frage ist nämlich keine, die dringend publizistischer – oder gar juristischer – Erörterung bedarf: Denn wir haben es hier mit einem klaren Fall von einer Lösung auf der Suche nach einem Problem zu tun. So sehr um nichts wie in dieser höchst virtuellen Debatte ist es in dieser an virtuellen Debatten nicht gerade armen Epoche schon lange nicht gegangen: Was, bitte, geht Nichtjuden und Nichtmuslime an, welchen mehr oder weniger nachvollziehbaren Bräuchen diese zu huldigen wünschen? Werden wir als Nächstes die möglicherweise ungünstigen haptischen Auswirkungen von Knaben-Krachledernen im Ausseerland auf das Gemächt der dortigen Buben nach öffentlicher Debatte einer gesetzlichen Regelung unterziehen?
Auszuschließen ist das freilich nicht mehr völlig, angesichts einer seit vielen Jahren eskalierenden Sucht dieser Gesellschaft, alles zu regulieren und zu reglementieren, was sich nicht rechtzeitig auf einen Baum retten kann (was jüdischen und muslimischen Vorhäuten bedauerlicherweise nicht gelungen zu sein scheint). Eigentlich erstaunlich ist dabei bloß, dass sich die Europäische Union noch nicht der Problematik angenommen und eine EU-Vorhaut-Verordnung erlassen hat: Die Lösung der Pimmelfrage auf europäischer Ebene scheint ja irgendwie überfällig zu sein. Dass in irgendeinem beliebigen Kontext absolut kein Regulierungsbedarf besteht, spornt diese Gesellschaft geradezu an, unverzüglich regulatorisch einzugreifen. Wir haben es hier offenbar mit einer Art von Horror Vacui zu tun, diesfalls also dem Zwang, jede allenfalls noch unregulierte Zone des Lebens unverzüglich der Regulierung zuzuführen. (Ein Wunder, dass es keine Helmpflicht für Fußgänger gibt.)
Vermutlich haben wir es mit einer Nebenwirkung des vorsorglichen Sozialstaates zu tun, der seinen Insassen so lange erfolgreich eingeredet hat, für jedes Problem – einschließlich nicht existierender – eine Lösung auf Lager zu haben, bis diese Insassen selbst glauben, dass dieser Staat besser als sie selbst wissen, was gut für sie ist.
Und so fügt der paternalistische Staat in der Gewissheit, seine Untertanen laufend vor sich selbst beschützen zu müssen, mit unerbittlicher Sanftheit eine Erziehungsmaßnahme an die andere, von der Auswahl politisch korrekter Leuchtkörper über das Ausmerzen von Lastern aller Art – Tabak! Ungesundes Essen! – bis zur Kampagne „'tschuldigen ist nie verkehrt“, mit der Wiens Verkehrsteilnehmer zu freundlichem Verhalten umprogrammiert werden sollten. Dass diese öffentlichen Hände eines Tages nach der Vorhaut greifen werden, wie das in Deutschland nun der Fall ist, war zu erwarten. Wäre ja auch verantwortungslos, den Juden und Muslimen ihre Geschlechtsteile zu überlassen, als könnten die so einfach selbst darüber verfügen.
Dass der fürsorgliche Sozialstaat sich als eine Art Besserungsanstalt für seine mit oder ohne Vorhaut permanent zu unartigem Benehmen neigenden Insassen versteht, hat natürlich ein permanentes Beschneiden zur Folge: ein Beschneiden der Freiheit jedes Einzelnen, ohne Behelligung durch diesen Vormund zu leben, wie er mag. Und diese Beschneidung schmerzt tatsächlich gewaltig.
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Zum Autor:
Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)















