Wer heute mit seiner Bank über die Verzinsung von Spareinlagen verhandeln will, wird gut beraten sein, vorher Antidepressiva in gerade noch nicht letaler Dosierung einzuwerfen. Denn was derzeit unter dem irreführenden Begriff „Zinsen“ offeriert wird, ist von null nur mehr so weit entfernt wie die Vorderseite eines 500-Euro-Scheines von seiner Rückseite. Nach Abzug der Inflation von offiziell knapp drei, gefühlt locker doppelt so viel Prozent verliert jeder Sparer derzeit rund zwei Prozent seines Vermögens – und zwar Jahr für Jahr.
Das klingt jetzt noch nicht so dramatisch, ist aber wahrscheinlich die gewaltigste Vermögensvernichtung, die es seit dem letzten Weltkrieg gegeben hat. Denn angesichts von Spareinlagen in Höhe von etwa 160 Milliarden Euro heißt das ja, dass die Österreicher auf diese Art und Weise mehr als drei Milliarden Euro pro Jahr bezahlen, gleichsam als „Inflationssteuer“.
Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden der Sparer noch viel größer. Denn in ökonomisch normalen Zeiten beträgt die Realverzinsung, also die nominellen Zinsen minus Inflation, rund zwei Prozent (und nicht wie derzeit minus zwei Prozent). Derzeit hieße das also, sorry für ein bisschen Mathematik: über drei Milliarden Realzinsen pro Jahr statt drei Milliarden Verlust – was einen Gesamtschaden von satten sechs Milliarden Euro pro Jahr ausmacht. Oder anders gerechnet: Wer 100.000 Euro auf seinem Sparbuch hat, entrichtet davon derzeit mindestens 4000 Inflationssteuer pro Jahr.
Erstaunlich daran ist vor allem die stoische Gelassenheit, mit der die Österreicher diese doch eher gründliche Schur (Fachbegriff: „Financial Repression“) über sich ergehen lassen: 140 Euro jährlich für das „Parkpickerl“ in Wien scheinen die Volksseele wesentlich mehr zu echauffieren als eine verdeckte Steuer, die mehr kostet, als Tabak-, Mineralöl- und Alkoholsteuern zusammen ergeben.
Den Banken die Schuld für diese epochale Enteignung zuzuweisen wäre freilich nicht korrekt. Sie sind da nur Exekutoren einer ziemlich fragwürdigen staatlichen Politik. Denn im Wesentlichen bestimmt ja die Europäische Zentralbank (EZB) das Zinsniveau, und die hält die Zinsen mit aller Gewalt tief und wird das wohl noch länger so halten. Und zwar aus zwei Gründen: erstens, um die Unternehmen zu Investitionen zu verleiten, damit Wirtschaftswachstum entsteht (was nicht wirklich klappt) und zweitens, um den überschuldeten Staaten die Kosten der aufgetürmten Kreditgebirge erträglicher zu gestalten (was leidlich klappt, aber gleichzeitig natürlich den Reformeifer bremst).
Nun gehört genau genommen zwar weder das künstliche Anfachen unternehmerischer Investitionen noch die Sorge um die vom Finanzminister zu schulternde Zinsenlast zu den Agenden einer wirklich unabhängigen, nur dem Geldwert verpflichteten Notenbank – aber von dergleichen puristischen Haltungen hat sich die EZB unter dem Druck der besonders schuldenaffinen Südstaaten Europas ja schon lange verabschiedet.
Dass sich jeder, der spart und damit die Grundlage für künftigen Wohlstand schaffen will, angesichts dieser Politik des künstlich verbilligten Geldes zum zahlenden Idioten macht, ist der Preis, den die Politik den Bürgern auferlegt. Wenn die dagegen nicht revoltieren dann vermutlich vor allem deswegen, weil ihnen noch gar nicht bewusst ist, wie frech sie gerade enteignet werden.
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Zum Autor:
Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2012)















