In Europa wird Kalifornien ja ganz gern als eine Art besseres Griechenland auf amerikanisch beschrieben: zwar viel Sonne, aber dauernd pleite, wirtschaftlich am Boden und mit einer Infrastruktur versehen, die hauptsächlich aus Schlaglöchern, Stromausfällen und streikenden Beamten besteht, die schon monatelang keine Löhne mehr bekommen haben.
Viel weniger wird vom moralischen Sozialstaatshochsitz der meisten Europäer aus eine andere Wirklichkeit wahrgenommen: Während es die 17 Staaten der Eurozone mit 333 Millionen Einwohnern in der Zeit seit 1975 geschafft haben, genau ein Unternehmen hervorzubringen, das heute zu den 500 größten der Welt zählt, sind in Kalifornien (40 Millionen Menschen) im gleichen Zeitraum genau 28 Konzerne dieser Größe entstanden (Quelle: „Economist“). Anders gerechnet: Beim Gebären von global führenden Unternehmen war und ist der US-Bundesstaat pro Einwohner etwa 200-mal so erfolgreich wie das zumindest in der Eigenbeschau attraktivste sozioökonomische System der Welt, nämlich der europäische Wohlfahrtsstaat.
Man kann diesen Rückstand auch in Österreich besichtigen: Die Gründung des vorerst letzten wirklich global tätigen und erfolgreichen Weltkonzerns – „Red Bull“ – liegt mehr als ein Vierteljahrhundert zurück.
Dabei geht es nicht um eine Art albernen ökonomischen Schwanzlängenvergleich zwischen den USA und Europa, sondern schlicht und ergreifend um den künftigen Wohlstand der Bevölkerung. Denn zwar ist das Entstehen von derartigen Global Players theoretisch für Wachstum und Prosperität nicht zwingend notwendig – aber es hilft in der Praxis schon ungemein.
Es ist daher etwas befremdlich, dass Europas Staatenlenker sich derzeit zwar ganz furchtbar den Kopf darüber zerbrechen, wie sie wieder kreditwürdig werden (sprich endlich wieder neue Schulden aufnehmen können), aber in viel geringerem Maß darüber, wie die EU etwas kalifornischer werden könnte. Denn wüchsen die Konzerne in der Alten Welt so munter wie zwischen San Francisco und San Diego, wären ziemlich viele Probleme gelöst. Allein Apple – nur einer jener 28 neu entstandenen Weltkonzerne – hat in den USA etwa 500.000 Jobs geschaffen, und das, obwohl hauptsächlich in China produziert wird.
Man kann sich gut vorstellen, welcher Wachstums- und Beschäftigungsboom in Europa losbräche, entstünden ein paar Euro-Apples. Zu befürchten ist das freilich derzeit überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. In Frankreich motiviert die sozialistische Regierung gallische Steve-Jobs-Epigonen gerade mit dem ungemein attraktiven Versprechen, ihren allfällig hohen Unternehmerlohn zu 75 Prozent zu konfiszieren, in Deutschland wird ernsthaft darüber diskutiert, erfolgreiche Nachwuchsunternehmer ab einem geradezu obszönen Privatvermögen von 250.000 Euro zur Zeichnung von einer Art Kriegsanleihe mit dubioser Rückzahlungswahrscheinlichkeit zu zwingen – und in Österreich gibt es Politiker, die das hierzulande am liebsten auch gern einführen würden.
Der Verdacht liegt nahe: Das mit dem Entstehen von Millionen Jobs in neuen Global Players zwingend verbundene Entstehen neuer Vermögen führt im europäischen Wohlfahrtsstaat zu einer kräftigen Abstoßungsreaktion des gesellschaftlichen Immunsystems. Neue Jobs und Wachstum entstehen trotzdem: halt in Kalifornien, wo zehntausende europäische Entrepreneurs-Exilanten ihr Glück versuchen.
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Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)















