22.05.2013 23:39 Merkliste 0

Wenn Sparsamkeit zum Laster und der Schuldenexzess zur Tugend wird

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Für die europäischen Staaten wie auch für jeden einzelnen Staatsbürger gilt neuerdings: Wer sich abrackert und wirtschaftlich verantwortungsvoll verhält, ist am Ende der Depp.

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Österreich, so hofft Finanzministerin Maria Fekter, werde schon 2015 keine neuen Schulden mehr machen. Was angesichts der bereits aufgetürmten Verbindlichkeiten des Staates auch allerhöchste Zeit ist. Möglich wird dieses Nulldefizit freilich weniger durch Fekters Genialität, sondern vor allem durch die schier unbegrenzte Leidensfähigkeit der Bevölkerung. Denn sie nimmt, ohne ernsthaft zu murren, eine der schwersten Steuerlasten zwischen Lissabon und Wladiwostok in Kauf.

Das Erreichen eines ausgeglichenen Budgets wäre eine eher gute Nachricht, würden die Staaten der EU nicht gerade zügig daran arbeiten, die Vereinigten Schuldnerstaaten von Europa zu errichten, in denen jeder für die Schulden aller anderen haftet; neuerdings gar mit Genehmigung der deutschen Verfassungsrichter.

In einer solchen Schuldengemeinschaft verhält es sich wie bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch: Wenn vereinbart ist, dass am Ende die Rechnung durch die Anzahl der Esser geteilt wird, ist am Ende derjenige der Depp, der sparsam konsumiert, wohingegen jener profitiert, der Trüffelpasta und betagten Barolo ordert.

Deshalb wird eine vergleichsweise sparsame Gebarung einzelner EU-Staaten künftig vor allem dazu führen, dass diese Staaten in besonders hohem Maß als Bürge und Zahler für die eher schuldenaffinen Krisenländer herangezogen werden können. Muss ja auch so sein, wenn der Rest der Tischgesellschaft grade klamm ist. Mit den überdurchschnittlich hohen Steuern und Abgaben wird also in Zukunft vor allem die Fähigkeit der Republik sichergestellt, auch weiterhin die zum Aufspannen von Rettungsschirmen für Drittstaaten notwendigen Milliarden bereitzustellen.

Das ist zwar nobel, aber vielleicht nicht unbedingt im Interesse des Steuerzahlers. Solange sich noch irgendwo in Europa jemand findet, der den Bürgen und Zahler gibt, ist eigentlich jeder Finanzminister gut beraten, Schulden bis zum Anschlag zu machen. Denn je mehr Schuldengemeinschaft, umso mehr Sicherheit, dass die Rechnung an diese Bürgen und Zahler weitergereicht werden kann.

Wer sich unter solchen Umständen seriös verhält, verstößt gegen die eigenen Interessen. Das gilt übrigens nicht nur für Staaten, sondern auch für jeden Einzelnen. Die deutsche Familienministerin hat gerade ausgerechnet, dass es künftig kaum noch einen nennenswerten Unterschied zwischen der Pension eines Durchschnittsverdieners von 2500 Euro und jener eines notorischen Minderleisters geben wird; auch in Österreich zeichnet sich eine solche Tendenz ab.

Was in der realen Welt heißt: Wer sich abrackert und verantwortlich verhält, ist am Ende der Blöde. Ganz besonders gilt das dank der genialen Geldpolitik der EZB auch für all jene, die für den Ruhestand eisern sparen. Wegen der negativen Realverzinsung, die uns noch länger begleiten wird, werden sie für ihren Konsumverzicht mit Enteignung belohnt, weil ihre Ersparnisse im Laufe der Jahre aufgefressen werden. Am Ende wird der Sparsame nicht viel mehr auf der Seite haben als der konsumaffine Verantwortungsverweigerer.

Überall also das gleiche Bild – vom Milliardenbudget des Staates bis zum Sparbuch des Kleinverdieners: Wer sich verantwortungsvoll verhält, der ist am Ende der Depp. So haben wir uns das Friedensprojekt Europa schon immer vorgestellt.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)

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14 Kommentare

Sozialismus real

"Wer sich verantwortungsvoll verhält, der ist am Ende der Depp."

Gast: Mcoe
15.09.2012 20:28
8 0

Nichtarbeiter

Die Arbeiterpartei wurde zur Nichtarbeiterpartei.
Ist halt die groessere Wählergruppe

Gast: Gast: Leser
15.09.2012 12:05
7 0

KESt

Ortner übersieht da einen ganz entscheidenden Faktor bei der Geldentwertung für die Ersparnisse der Pensionisten: nämlich den gierigen Staat. Wenn schon das Ersparte wegen der durch die Politik der EZB angeheizten Inflation immer weniger wert ist, nimmt der Staat dann auch noch 25% von den ohnedies mehr als mageren Zinsen weg. Erst damit ist dann die tatsächliche Enteignung vollendet.

Das Problem der Sozialisten ist, dass ihnen irgendwann


das Geld der anderen Leute ausgeht.

"Sozialismus ist mit Abstand die beste Gesellschaftsform um die selbstverschuldete Armut im Land gleichmässig zu verteilen".

http://derstandard.at/1241622449148/Bernd-Marin-Reich-sein-mit-Klasse

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/schweiz-bund-kanton-gemeinde-finanzen-1.15344128

Unsere Pseudosozialisten aus SPÖVFP werden jeden Vergleich mit der Schweiz mit fadenscheinigen Ausreden abwimmeln !!

Warum hat dieses Land so bösartige Politiker u. Funktionäre ??

ok, dann probiern wirs einfach aus...

ab morgen sind wir alle - die finanzminister inklusive - doppelt so sparsam...

was dann kommt, kann sich jeder ausmalen. dafür braucht man nicht vwl studieren...

Re: ok, dann probiern wirs einfach aus...

man kann einmal die Sozialleistungen durchforsten, ich kenne Leute, die in der Gemeindewohnung gemeldet sind, aber in der Villa wohnen.
Nicht was am Gehaltszettel steht ist von Bedeutung, sondern was der Einkommensbescheid zeigt.

auch ausrangierte Politiker brauchen keine Sozialhilfe, egal in welcher form sie gewährt wird.
hier kann man sicher sehr viel einsparen.

Gast: Hansi Hüpfer
14.09.2012 16:45
4 0

Löschungsorgien

Die Löschungsorgien im Forum in letzer Zeit sind beunruhigend.

Wenn man die befugt negativen Kommentare aussiebt und nur das Positive stehen lässt, wird das Forum sehr dünn werden: sieben Beiträge z.B. über den ganzen Tag hinweg ist nichts, worauf man stolz sein könnte.

Gast: CE
14.09.2012 16:10
3 0

Richtig analysiert

Ö täte gut daran einen Schuldenexzess zu veranstalten bis die EZB Fantastilliarden ausspucken muss. Ich persönlich schlage eine Drittelteilung vor: 1/3 an die Bürger zum Verblasen nach Belieben, aufgeteilt Geldsumme durch Anzahl Staatsbürger zu einem gewissen Stichtag (mit Warnhinweis "Regierung rät ihnen zum privaten Kauf von Gold, Silber, Platin für schlechtere Zeiten) 1/3 Kauf von Gold, Silber, Platin, Öl, Klunkern, Erzen und was sonst noch alles glänzt auf der ganzen Welt und Lagerung im tiefsten Alpenbunker den wir in Ö haben als ECHTER Staatschatz 1/3 Kauf von Rüstungsgütern, den besten die es auf der Welt gibt, Ersatzteilelager bis unter die Bunkerdecken, und natürlich die entsprechende Ausbildung unserer Soldaten zur Bedienung des Geräts, sodass sogar die israelische Armee blass vor Neid wird. Ja, und dann abwarten. Irgendwann geht dieses Betrugssystem den Bach runter. Und selber sitzt man dann nicht am Verlierertisch. Ist immer am Besten. Dann soll der Hrn dt. Finanzminister mal ruhig seine Kavallerie gegen ein paar ausgebaute MG-Stellungen schicken.......

14 1

Wieder einmal

Wieder einmal hat Hr. Ortner die Sachlage korrekt analysiert... leider.

15 2

Leider haben Sie 100% Recht, Herr Ortner!

Es ist schmerzhaft für mich als ehemaligen EU-Befürworter, wie eine sinnvolle Idee in immer schnellerem Tempo ad absurdum geführt wird: Verträge wurden x-fach gebrochen, die Geldwertstabilität geopfert, Staats-Krida betrieben, gelogen und betrogen was das Zeug hält.
Das Ergebnis: anstelle der Friedensunion haben wir eine Umverteilungs- Enteignungs- und Gouvernanten-Union bekommen. Danke, nein!

Zeigt die Problematik auf, danke, Herr Ortner.


Gast: machmuss verschiebnix
13.09.2012 20:47
14 0

Wie wahr ! Aber leider trifft es überwiegend solche Zeitgenossen, die so ganz und gar keinen Hang zur Revolution in sich haben (!)


Gast: Tromsöer
13.09.2012 19:26
11 2

Herr Ortner....

es heißt Unfriedensprojekt und nicht ewiggestrig Friedensprojekt.

19 3

Vollkommen Richtig!

Der Euro wird zur Lira, und wir alle werden zu Millionären :-(

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