Generation Facebook: Die nützlichen Idioten der bärtigen Islamofundis?

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Das wesentlichste Ergebnis des Arabischen Frühlings ist es bisher, dass der Einfluss des Islam und der Islamisten auf die Politik ungewöhnlich stark zugenommen hat. Gratulation!

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Hätten jene hoffnungsvollen jungen Ägypter, die vor zwei Jahren auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Aufstand gegen den Despoten Mubarak begannen, vorher die Geschichte der Russischen Revolution studiert, wäre ihnen vielleicht eine herbe Enttäuschung erspart geblieben.

Denn in bestimmten Aspekten scheint sich derzeit – nicht nur in Ägypten – zu wiederholen, was 1917 in Russland geschah: Nur kurz nach dem Sturz des zaristischen Regimes wurden dort die Anhänger einer parlamentarischen Demokratie („Menschewiki“) von den Befürwortern einer Diktatur des Proletariats („Bolschewiki“) zuerst marginalisiert und 1925 schließlich ganz verboten.

Ähnliches deutet sich nun überall dort an, wo der Arabische Frühling 2011 die bis dahin herrschenden Despoten hinweggefegt hat. Jene Generation Facebook, die für eine Demokratie nach westlichem Vorbild gekämpft hat, driftet in die politische Bedeutungslosigkeit ab, während die Anhänger eines autoritär-islamistischen Staates sukzessive die Macht übernehmen. Dass sich Ägypten gerade eine Verfassung herbeigewählt hat, die eine vorzügliche Grundlage für die Errichtung eines derartigen Regimes abgibt, belegt das leider.

Immer klarer wird dadurch auch, was vermutlich am Ende des sogenannten Arabischen Frühlings stehen wird: nicht liberale Demokratien, wie das naive Intellektuelle im Westen geträumt haben, sondern mehr oder weniger islamistische autoritäre Regime. Für die arabische Generation Facebook hingegen scheint die Geschichte die undankbare Rolle des nützlichen Idioten vorgesehen zu haben, so wie seinerzeit für die Menschewiki.

Man muss kein Zyniker sein, um zu dem Befund zu kommen: Das wesentlichste Ergebnis des Arabischen Frühlings ist bisher, dass der Einfluss der Religion und ihrer selbst ernannten Führer auf die Politik ungleich höher ist als unter den alten Regimes. Als wirklichen Fortschritt kann man das nicht eben verkaufen.

Der Grund dieses Scheiterns der westlichen Illusion von einem Arabischen Frühling wird im Westen gern verdrängt. Aber alle einschlägigen Umfragen ergeben das gleiche Bild: Die große Mehrheit der Bevölkerung in den meisten islamischen Ländern will keine liberale Gesellschaft mit gleichen Rechten für Mann und Frau, der Trennung von Staat und Religion oder etwa dem Schutz sexueller Minderheiten. Die große Mehrheit etwa der Ägypter befürwortet dagegen harte körperliche Strafen für Ehebruch, einen Abfall vom Islam oder homosexuelle Handlungen.

Angesichts dieses Wertefundaments der Mehrheit der Bevölkerung kann es nicht überraschen, dass am Ende islamistische Muslimbrüder und noch islamistischere Salafisten die Mehrheit bilden – und nicht die Vertreter der arabischen Generation Facebook mit ihren für die ägyptische Mehrheitsgesellschaft völlig inakzeptablen Werten.

Die seit Beginn des Arabischen Frühlings heiß diskutierte Frage, ob der Islam mit der Demokratie vereinbar sei, führt deshalb in die Irre. Denn das Problem ist, wie Ägypten zeigt, nicht die (durchaus gegebene) Kompatibilität von Islam und Demokratie. Das Problem ist viel eher, dass der heute in der islamischen Welt praktizierte Islam mit den zentralen Werten der Aufklärung nicht so recht kann, wie das Scheitern des Arabischen Frühlings gerade zeigt.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2012)

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19 Kommentare

Dazu ein paar Anmerkungen:

Facebook u.dgl. sind anonym und daher von einer Minderheit leicht zu manipulieren! Technisch Fortgeschrittene haben außerdem leichteren Zugang als Ungebildete! Facebook hat daher wenig mit demokratischer Meinungsäußerung zu tun, weil diejenigen, die damit nicht umgehen können, gar nicht zu Wort kommen!

Leider hat im Zeitalter des Wirtschaftsimperialismus gerade der ölreiche Nahe Osten noch nicht die volle Selbstbestimmung erlangt. Wie wollen Sie aber in einem weitgehend fremdbestimmten Land eine Demokratie einrichten? Etwa mit den Bomben der NATO?

Aufklärung und Demokratie haben christliche Wurzeln. Der Islam muß also noch seinen eigenen Weg dazu finden. Starke soziale Ansätze sind aber im Islam schon vorhanden (Armenfürsorge etc.)!

Durch den "arabischen Flühling" wurden justament die "modernen" Baath-Regime (auf Nasser zurückgehender arabischer und laizistischer Sozialismus mit nationalistischen Einschlag) beseitigt und durch einen fast mittelalterlichen Islamismus (den die 'Baathisten bekämpften) ersetzt!

Also: einen Schritt vor und zwei zurück!

Zustimmung

Ich stimme dem Autor zu, gehe aber noch weiter:

Genau diese "Generation facebook" ist in Ägypten die Wegbereitung, ja wenn nicht sogar die medialen Kraft und der Vorbote der Islamisten, Muslimbrüder, Salafisten etc.

Man kann das auf facebook leicht überprüfen: einfach ein paar dieser Herrschaften eingeben und sich anschauen, was die so schreiben (zur Not auch mit Google Übersetzung).

Die religiösradikalen sind ja auch nicht auf der Nudlsupp'n dahergschwummen - sie haben bemerkt, dass sich die Jungen am leichtesten via facebook manipulieren lassen.

hoffentlich

dauert es nicht wieder 60 jahre bis auch die westliche intelligentsia das kapiert ;)

Nie habe ich begriffen, weshalb die Narren im Westen geglaubt haben, dort würde jetzt die Demokratie ausbrechen!

Die arabischen Aufrührer wollten ihre Spitzenpolitiker, die schon zu lange an der Macht gewesen waren, einfach nicht mehr!
Aber alle sind gläubige Moslems, und Demokratie ist dem Koran genau so zuwider wie das Essen von Schweinefleisch! Da an Demokratie in diesen Ländern zu glauben, war doch immer absurd!

P.S.: Der Vorteil der Demokratie ist nicht, dass dort bessere Politik gemacht wird, sondern dass die Regierung alle paar Jahre friedlich gewechselt wird, was uns solche Revolutionen erspart!

Das wird hoffentlich besser werden.

Es ist hier in Europa auch gelungen, im letzten Jahrhundert die frömmelnden christlichen Herrscher loszuwerden. Zwar unter vielen Opfern und mit Hilfe von außen, aber immerhin.

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Re: Das wird hoffentlich besser werden.

Sie verkennen allerdings den Umstand, dass das Volk diese "frömmelnden Herrscher" loswerden WOLLTE. Das ist dort nicht der Fall!

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Man sagt ja nicht gerne

"man hätte es schon vorher gewußt", aber es gab genügend Personen am Beginn dieser Entwicklung, die sich seit Jahren und Jahrzehnten mit der islamischen Welt beschäftigt haben und die - wie auch Ortner damals - vorausgesagt haben, was jetzt passiert ist. Lediglich westliche Politiker waren und sind derartig verblendet, dass sie Realitäten nicht wahrhaben wollen. Das trifft speziell auf die Einschätzung der Lage in der arabischen Welt zu.

nicht vergessen, die gleichgeschalteten pc medien im deutschprachigen raum


"..die für eine Demokratie nach westlichem Vorbild gekämpft hat"

sie hat den kampf doch eh gewonnen!

der präsident wurde demokratisch gewählt.
über die verfassung wurde demokratisch abgestimmt.
in 2 monaten wird das parlament demokratisch gewählt.

was daran entspricht da nicht dem westlichen vorbild?
höchstens der umstand, dass bei uns wahlen nichts ändern.

Re: "..die für eine Demokratie nach westlichem Vorbild gekämpft hat"

sie haben gerade treffend die krux mit dem westlichen demokratie-export beschrieben. wir sind alle voll dafür, solange bei den wahlen dann das herauskommt, was wir gerne hätten. und sind dann ganz entsetzt, wenn die mehrheit etwas wählt, das wir uns so nicht vorgestellt haben...

Re: "..die für eine Demokratie nach westlichem Vorbild gekämpft hat"

Ein seltsames Verständnis von Demokratie haben sie.
Demokratie ist doch nur dort, wo die Mehrheit die Rechte der Minderheit achtet.
Und da happerts in arabischen Welt gewaltig.
Es ist keinen islamisch dominierten Staat in dem die Rechte, insbes. der religiösen Minderheiten geachtet würden. Die Scharia kennt die minority-rights nicht.

Und da happerts in arabischen Welt gewaltig.

im arabischen raum ?

schon mal von elisabeth sabaditsch-wolff gehört ? schon mal zeitung delesen ? susanne winter ? nix ?

das alles sind beispiele dafür, dass auch im seligen europa die ansprüche von minderheiten (sofern sie nicht exoeuropäer sind) mit beiden beinen getreten werden.

Re: Und da happerts in arabischen Welt gewaltig.

Die angeführten Damen sind Einzelpersonen und sind keine offiziellen Repräsentanten des Staates Österreich - sie haben damit nichts damit zu tun, ob in Österreich die Rechte von Minderheiten gewahrt werden oder nicht.

Wo ist das Problem?

"Die große Mehrheit etwa der Ägypter befürwortet dagegen harte körperliche Strafen für Ehebruch, einen Abfall vom Islam oder homosexuelle Handlungen."

Auch wenn es für uns höchst unangenehm sein mag, aber: wo ist das Problem? Wenn es DAS ist, was die Ägypter als Souverän wollen, dann haben wir das gefälligst zu akzeptieren. Ein Eingriff in die Souveränität ist - wenn überhaupt - nur bei Verstoß gegen zwingendes Völkerrecht gestattet, also etwa bei massiven Menschenrechtsverstößen (Kosovo lässt grüßen, und selbst da streiten sich nach wie vor die Völkerrechtler).

Bei uns mag das ja auf Unverständnis stoßen, aber wenn die große Mehrheit nach der Sharia leben WILL haben wir nicht das Recht, ihnen das zu verbieten. Wir können (sollten und müssten) jene aufnehmen, die deshalb verfolgt werden - das gebietet die Menschlichkeit. Wir haben aber deshalb noch lange nicht das Recht, der Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung vorzuschreiben, wie sie ihren Staat zu gestalten haben. Das ist zwar wahrscheinlich eine unangenehme Wahrheit, anderen unsere Werte zu oktroyieren wäre aber dennoch völlig inakzeptabel.

Wenn es DAS ist, was die Ägypter als Souverän wollen, dann haben wir das gefälligst zu akzeptieren.

da stimme ich ihnen zu. allerdings steht das ein bisschen im widerspruch zu dem was sie darunter schreiben:

" Wir können (sollten und müssten) jene aufnehmen, die deshalb verfolgt werden"

wenn wir das als souverän nicht wollen, haben das die linken kulturzersetzer gefälligst zu akzeptieren ;)

Re: Wo ist das Problem?

Menschenrechte sind eine noch sehr junge Erfindung der Europäer. In anderen Erdteilen versteht man gar nicht, was die damit wollen.
Deshalb geben uns auch Menschenrechtsverstöße kein Recht, anderen unseren Willen aufzuzwingen!

Re: Wo ist das Problem?

Damit, dass wenn in Ägypten die Scharia eingeführt wird, es wieder Flüchtlingsströme gibt, die wir dann aufnehme sollen haben sie sich entlarvt!
aber im Unterschied von anderen arabischen Ländern, wo bald der arabische Winter eintreten wird, werden sich die Ägypter wundern, wenn der Tourismus in ihrem Land sich auf 0 reduzeirt. Vieelicht jage sie dann erst die Islamisten zum Teufel!

Re: Wo ist das Problem?

Das Problem ist, das es Menschen sind, die gesteinigt, ausgepeitscht oder sonstwie "hart koerperlich bestraft" werden.
Ausserdem neigen solche Regimes dazu, ihr System exportieren zu wollen.

Re: Re: Wo ist das Problem?

Zu ihrem letzten Satz:
Die USA und Europa neigen genauso, wenn nicht sogar stärker dazu, ihr System exportieren zu wollen. Insofern taugt dieser Faktor nicht wirklich zur Bewertung von irgendwas.
Wenn wir als Europäer so ein Regime nicht bei uns wollen, ist das eine andere Sache und es liegt jedenfalls in unserer Verantwortung dies zu verhindern.

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