Österreicher, die EU will euch eure wertvollen Lebenssäfte rauben!

Die irrationale kollektive Angst vor Gen, Atom und Wasserräubern deutet darauf hin, dass Österreich tatsächlich zu einem „Epizentrum des Obskurantismus“ geworden ist.

Wenn der sozialistische Klubobmann Josef Cap, wie dieser Tage geschehen, im Parlament hyperventilierend den angeblich drohenden Ausverkauf österreichischen Wassers herbeifantasiert, erinnert er ein wenig an jenen fiktiven US-General Jack D. Ripper aus Stanley Kubricks cineastischem Meisterwerk „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben“ (1964), der von der hartnäckigen Wahnvorstellung geplagt wird, die Sowjetkommunisten wollten den Amerikanern „ihre wertvollen Lebenssäfte rauben“.

Zwar ist Caps Sorge vor einer Machtergreifung ausländischer Konzerne und ihrer hiesigen neoliberalen Schergen in den Quellgebieten des Wiener Wassers ungefähr so faktenbasiert wie General Rippers Sorge um die Lebenssäfte der Einwohner der USA. Geteilt wird diese eher abseitige Sorge trotzdem von einer ziemlich großen Mehrheit der Österreicher und Österreicherinnen – und das ist ein wesentlich größeres Problem als die vermeintliche Wasserprivatisierung.

Denn jene politische und mediale Massenpsychose, die in den vergangenen Tagen um dieses Nichtthema entstanden ist, beweist nicht nur die Unfähigkeit und/oder Unwilligkeit dieser ziemlich großen Mehrheit der grundlos Wasserbesorgten, sich mit relativ einfachen politischen und ökonomischen Tatsachen vertraut zu machen (niemand, auch die EU nicht, will die Privatisierung von Wasser erzwingen. Punkt).

Dieser emotionale Tsunami bizarrer Ängste passt darüber hinaus, als wär das nicht schon problematisch genug, vorzüglich ins Bild eines Landes, das sich auch in anderen vergleichbaren wichtigen Sachfragen wie der Gentechnik oder der Nuklearenergie den dubiosen Luxus leistet, auf äußerst komplexe Fakten mit äußerst simplen Gefühlen zu antworten.

Die meisten Österreicher sind – anders als etwa Schweizer, Schweden oder Franzosen – ganz grundsätzlich „gegen Gene“ und „gegen Atom“, nicht etwa im Zweifel und als Ergebnis eines abwägenden Erkenntnisprozesses, sondern aus einer ebenso tiefen wie unfundierten Emotion heraus.

„Österreich ist heute das Epizentrum des Obskurantismus, es ist die Avantgarde des antiwissenschaftlichen Umweltschutzes und Umweltbewusstseins“, hat der britische Autor und Umwelt-Aktivist Mark Lynas diese Befindlichkeit kürzlich in einem lesenswerten „Profil“-Interview präzise auf den Punkt gebracht.

Solange Österreich noch nicht vollständig in einen von jeder industriellen oder gewerblichen Tätigkeit gesäuberten „Sound of Music“-Erlebnispark für wohlhabende chinesische Touristen umgebaut worden ist, ist es jedoch keine so tolle Idee, Europas „Epizentrum des Obskurantismus“ zu sein, das sich hauptsächlich mit der Angst um seine wertvollen Lebenssäfte beschäftigt.

Will Österreich seinen teils erarbeiteten, teils bloß von den nächsten Generationen ausgeborgten Wohlstand auch nur erhalten, braucht das Land ziemlich dringend einen etwas erwachseneren Umgang mit seinen kollektiven Ängsten vor Gen, Atom und Wasserraub. Denn wer Standort für jene Industrien des 21. Jahrhunderts sein will, die allein diesen Wohlstand erhalten können – das geht nämlich nicht, indem man sich gegenseitig die Haare schneidet –, ist nicht wirklich gut beraten, sich als Avantgarde antiwissenschaftlicher Gefühlspolitik zu verstehen.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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