Wenn pragmatisierte, aber mangels Arbeit dienstfreigestellte Telekom-Beamte tageweise zum Dienst gebeten werden, so muss sich der Personalvorstand des Konzerns das Delikt des Mobbings vorwerfen und sich darob von seinem Boss öffentlich demütigen lassen: ein typischer Exzess des kalten, menschenverachtenden neoliberalen Systems eben.
Viele jener 302.000 Österreicher, die derzeit arbeitslos sind, würden sich vermutlich mit größtem Vergnügen so grausam mobben lassen. Davon, bis zum Pensionsantritt ein vom Staat garantiertes Gehalt (und danach eine stolze Pension) zu haben, können sie nur träumen. Und dafür sogar tageweise im Büro zu erscheinen würden sie nicht als Zumutung, sondern als Haupttreffer in der Arbeitsmarktlotterie empfinden.
Es ist freilich nicht Privileg der Telekom-Beamten und ihrer selbst ernannten Pflichtverteidiger, so offenkundig jeglichen Bezug zur Wirklichkeit eingebüßt und sich in ein krisenfernes Paralleluniversum gebeamt zu haben. Auch Lehrervertreter, die es als Verstoß gegen die Menschenwürde empfinden, wenn ihnen zugemutet wird, zwei zusätzliche Lehrstunden zu leisten, sind schon längst in dieses Paralleluniversum der Illusionen übersiedelt. (Vielleicht sollten sich die Lehrer mal mit einem der 302.000 Arbeitslosen darüber unterhalten, wie grausam dieses von Ministerin Schmied geplante Abu Ghraib des öffentlichen Dienstes ist).
Wenn der AUA-Vorstand der Belegschaft des nahezu insolventen Unternehmens nur mühsam nahebringen kann, dass nun „das Angebot in der Kantine eingeschränkt“ und das Parken der Mitarbeiterlimousinen in Schwechat teurer wird, deutet auch das darauf hin, dass hier ein Betriebsrat in eine Welt entflohen ist (Business Class, versteht sich), die dem normalsterblichen Arbeitnehmer immer verschlossen bleiben wird.
Eine Rezession ist hierzulande eben eine Zwei-Klassen-Rezession: Die einen verlieren schlimmstenfalls zwei Stunden der Muße, die anderen ihren Job; die einen müssen damit leben, keinen Gratisparkplatz mehr zu haben, die anderen damit, kein Gehalt mehr zu bekommen.
Deshalb wird diese Rezession auch von einem großen Teil der Bevölkerung überhaupt nicht wahrgenommen. Zwei Millionen Pensionisten, eine halbe Million Beamte, alle vom Sozialstaat alimentierten Nicht-Leistungserbringer, ein großer geschützter Bereich von Sozialversicherungen bis (teilweise) ORF – sie alle sind ja jenen existenziellen Risken nicht (oder viel weniger) ausgesetzt, die nun für viele unter Marktbedingungen Arbeitenden schlagend werden.
Den Preis des dramatischen Wirtschaftsabschwungs zahlt jener vergleichsweise kleine Teil der Bevölkerung, der einen erheblichen Teil der Wirtschaftsleistung erbringt. Zum Dank dafür darf diese Minderheit nun auch jene Mehrkosten übernehmen, die Folge der Rezession sind: steigende Aufwendungen für Arbeitslose etwa oder auch die Kosten der Bankensanierung. Über diese Form des Mobbings erregt sich merkwürdigerweise keiner jener Interessenvertreter, die eine zusätzliche Arbeitsstunde in der Schule für unzumutbar halten.
Christian Ortner ist Journalist in Wien.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2009)
















