12.02.2012 02:40 | Meine Presse Merkliste0

Das Abu Ghraib des öffentlichen Dienstes

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

In der Zwei-Klassen-Rezession: Den einen droht der Verlust von Komfort, den anderen von Job und Lohn.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wenn pragmatisierte, aber mangels Arbeit dienstfreigestellte Telekom-Beamte tageweise zum Dienst gebeten werden, so muss sich der Personalvorstand des Konzerns das Delikt des Mobbings vorwerfen und sich darob von seinem Boss öffentlich demütigen lassen: ein typischer Exzess des kalten, menschenverachtenden neoliberalen Systems eben.

Viele jener 302.000 Österreicher, die derzeit arbeitslos sind, würden sich vermutlich mit größtem Vergnügen so grausam mobben lassen. Davon, bis zum Pensionsantritt ein vom Staat garantiertes Gehalt (und danach eine stolze Pension) zu haben, können sie nur träumen. Und dafür sogar tageweise im Büro zu erscheinen würden sie nicht als Zumutung, sondern als Haupttreffer in der Arbeitsmarktlotterie empfinden.

Es ist freilich nicht Privileg der Telekom-Beamten und ihrer selbst ernannten Pflichtverteidiger, so offenkundig jeglichen Bezug zur Wirklichkeit eingebüßt und sich in ein krisenfernes Paralleluniversum gebeamt zu haben. Auch Lehrervertreter, die es als Verstoß gegen die Menschenwürde empfinden, wenn ihnen zugemutet wird, zwei zusätzliche Lehrstunden zu leisten, sind schon längst in dieses Paralleluniversum der Illusionen übersiedelt. (Vielleicht sollten sich die Lehrer mal mit einem der 302.000 Arbeitslosen darüber unterhalten, wie grausam dieses von Ministerin Schmied geplante Abu Ghraib des öffentlichen Dienstes ist).

Wenn der AUA-Vorstand der Belegschaft des nahezu insolventen Unternehmens nur mühsam nahebringen kann, dass nun „das Angebot in der Kantine eingeschränkt“ und das Parken der Mitarbeiterlimousinen in Schwechat teurer wird, deutet auch das darauf hin, dass hier ein Betriebsrat in eine Welt entflohen ist (Business Class, versteht sich), die dem normalsterblichen Arbeitnehmer immer verschlossen bleiben wird.

Eine Rezession ist hierzulande eben eine Zwei-Klassen-Rezession: Die einen verlieren schlimmstenfalls zwei Stunden der Muße, die anderen ihren Job; die einen müssen damit leben, keinen Gratisparkplatz mehr zu haben, die anderen damit, kein Gehalt mehr zu bekommen.

Deshalb wird diese Rezession auch von einem großen Teil der Bevölkerung überhaupt nicht wahrgenommen. Zwei Millionen Pensionisten, eine halbe Million Beamte, alle vom Sozialstaat alimentierten Nicht-Leistungserbringer, ein großer geschützter Bereich von Sozialversicherungen bis (teilweise) ORF – sie alle sind ja jenen existenziellen Risken nicht (oder viel weniger) ausgesetzt, die nun für viele unter Marktbedingungen Arbeitenden schlagend werden.

Den Preis des dramatischen Wirtschaftsabschwungs zahlt jener vergleichsweise kleine Teil der Bevölkerung, der einen erheblichen Teil der Wirtschaftsleistung erbringt. Zum Dank dafür darf diese Minderheit nun auch jene Mehrkosten übernehmen, die Folge der Rezession sind: steigende Aufwendungen für Arbeitslose etwa oder auch die Kosten der Bankensanierung. Über diese Form des Mobbings erregt sich merkwürdigerweise keiner jener Interessenvertreter, die eine zusätzliche Arbeitsstunde in der Schule für unzumutbar halten.

Christian Ortner ist Journalist in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

21 Kommentare
Gast: nonanet
07.03.2009 12:59
0 0

Seltsam das im gesamten Kommentar die Verursacher der jeweiligen Krisen mit keinem Wort genannt werden.

Hatten wir nicht einen Megacrash - das alles die Folgen ?
Verantwortlich: Politiker (direkt und indirekt) und schlechte Politik, Miß-Management (gut abgefertigte "Leistungsträger" - Auch in der Business-Class), monumentale Gier zunehmende Charakterlosigkeit, Verantwortungslosigkeit und totale Abgehobenheit der Herrschenden, Schönschreib-Journalisten die dem allen Tonnen von Jubelmeldungen und Feigenblättern zukommen ließen und immer noch lassen, Ablenkmanöver der Massen medial aufbereiten.

Wäre ich Chefredakteur würde ich auf solch ärmlichen Kommentar verzichten und das Honorar schon mal einsparen zu Gunsten eines investigativen Journalisten der wohlinformiert sagt was wirklich Sache ist.
Der Kommentator könnte als Arbeitsloser nach einiger Zeit der echten Arbeitslosigkeit sicher wesentlich bessere Kommentare verfassen.
Erweitert den Horizont, weitet das Herz für "Kleine" und deren "lästige" Anliegen wie "Recht auf Anständigkeit". Wäre für ihn gut und gut für die Zeitung.

Antworten ssid
08.03.2009 17:22
0 0

Re: Seltsam das im gesamten Kommentar die Verursacher der jeweiligen Krisen mit keinem Wort genannt werden.

werter Herr nanonet, lesen Sie im Spektrum den Artikel LIQUIDITÄT, dann wissen Sie es! Oder, Sie kaufen das Buch von Krugmans.


Gast: helant
07.03.2009 00:34
0 0

Sozialschmarotzer und andere ...


Gast: DerGast
06.03.2009 12:53
0 0

Die Kunst der Leere

Frage mich wie Herr Ortner von einem Foltergefängnis auf seine Betrachtungen der österreichischen Wirtschaftslage kommt. Aber macht ja nichts: ein fetziger Titel, der mit dem Inhalt nichts zu tun hat, und Hinhauen auf ein paar Bevölkerungsgruppen, das muss schon reichen für das Honorar.
Ich nehme an, Herr Ortner hält sich dafür auch noch für einen "Leistungsträger". Ich glaube aber nicht, dass die Arbeitenden so dumm sind, sich gegeneindander ausspielen zu lassen. Auch wenn das offenbar die Strategie des Autors ist.

Antworten lb15
06.03.2009 18:11
0 0

Re: Die Kunst der Leere

Sie verstehen es als hinhauen. Eigentlich stellt Herr Ortner nur fest, allerdings in pointierten Worten, dass die Umschichtung von 2 Stunden eher erträglich ist als der Verlust des Arbeitsplatzes.
Aber keine Sorge, die Lehrergewerkschaft hat bisher noch jeden Reformversuch vereitelt.

Womit ich allerdings nicht sagen will, dass die Reformen alle gut sind.

Der Krebsschaden ist in der ganzen Schuldebatte, dass nicht gute Lehrer weiter kommen, sondern die, welche gewerkschaftlich und politisch gut vernetzt sind!

Antworten Antworten Gast: nix
07.03.2009 13:07
0 0

Re: Re: Die Kunst der Leere

Gerade das Schulwesen ist ein Paradebeispiel dafür was so alles schief geht in unserem Land. Den Anfang einer Analyse hier http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/sibyllehamann/457545/index.do
aber da gäbe es noch viele, viele zusätzliche Punkte.
Ginge man dem ganzen Phänomen angeblichens "Schulversagen" wirklich auf den Grund würde man auch erkennen was in der Gesellschaft seit Jahrzehnten schief läuft und zwar von rechts wie links und wirtschafts"liberal" (in Wirklichkeit genauso gesellschaftszerstörend wie der Kommunismus).
Viele Probleme des Landes könnte man dadurch endlich mal orten und Lösungen erarbeiten.
Aber man will (noch) nicht. Da muß es erst noch viel mehr weh tun.

Antworten Antworten Antworten lb15
08.03.2009 09:59
0 0

Re: Re: Re: Die Kunst der Leere

Natürlich läuft vieles schief. Würden Sie auch sagen, was?

Gast: Herold
06.03.2009 11:24
0 0

Aufwachen!

Soziale Gerechtigkeit ist Chancengerechtigkeit - nichts sonst - und jeder ist SEINES Glückes Schmied. Wenn eine Demokratie DAS zu leisten vermag ist es mehr als genug.

0 0

Wurde immer beneidet von meinen SchülerInnen

"Ma, haben Sie's fein" waren häufige Kommentare meiner SchülerInnen, wenn sie mir auf ihren Wegen durch das Schulgebäude begegneten und ich gerade während einer 'Freistunde' das Haus verließ. Noch neidvoller begrüßten sie mich, wenn ich erst irgendwann am Vormittag erschien, weil die ersten beiden 'Stunden' für mich unterrichtsfrei waren. Ganz wehmütig blickten sie mir aber nach, wenn ich vorzeitig das Haus verließ: ich hatte keinen Unterricht mehr und ging eben nach Hause - zum Vor- und Nachbereiten, versteht sich, wenn mir nicht gerade etwas Anderes einfiel, zum Beispiel ...... Schließlich verfügte ich ja über freie Zeiteinteilung.
Ja, das war ein schönes Leben, und das bisschen schlechte Gewissen war verflogen, sobald das Schulgebäude außer Sichtweite lag.

Thonet H.
06.03.2009 09:52
0 0

Milchmädchenrechnung

Aus den Kommentaren geht hervor, das oft nur die Meinung anderer oder Lobbyinteressen wiedergegeben werden. Wahr ist doch, dass wenn ein Lehrer statt zwei Stunden zu Hause, zwei Stunden bei den Schülern in der Klasse verbringen soll, eine geringe zusätzliche Belastung entstehen kann, aber in Wirklichkeit nichts Neues vorbereitet werden muss, im Gegenteil der Lehrer mehr Zeit hat den bestehenden Lehrstoff besser den Kindern zu vermitteln, bzw. sich und die Kinder mit ständigen Tests (Korrekturen) zu belasten.
Außerdem ist das Verhältnis zwischen Lehrtätigkeit und Vorbereitung u.dgl. umgekehrt proportional (bis zu einem gewissen Punkt) in Abhängigkeit von der Berufserfahrung. Das heißt z.B. eine Staffelung dieses Verhältnisses von in den ersten 5 Jahren 20:20h bis 26:14h ab 15 Jahren Lehrtätigkeit.
Streik statt Gespräch ist Besitzstandsverteidigung!

Antworten Gast: Zweifler
06.03.2009 10:25
0 0

Re: Milchmädchenrechnung

Sie haben Ministerin Schmied wohl nicht richtig zugehört. Die zwei Stunden werden nicht bei denselben Schülern verbracht, sondern die Lehrer bekommen zusätzliche Klassen zugeteilt.

Zum Vergleich: Wenn ein Hotelier den Zimmerreinigungskräften vorschreibt, daß sie in der zur Verfügung stehenden Zeit um 10% mehr Zimmer zu reinigen haben, dann würde wohl kaum jemand annehmen, daß das die Qualität der Leistung erhöht.

Antworten Antworten lb15
07.03.2009 07:26
0 0

Re: Re: Milchmädchenrechnung

Sie haben nicht richtig zugehört. Die Klassen werden ja kleiner - und sind es schon zum Teil. Um bei Ihrem Vergleich zu bleiben, es sind zwar 10% mehr Zimmer, darin stehen aber bis zu 20% (genauer 16,66%) weniger Betten, Waschbecken etc., welche zu reinigen sind.

Jenseits aller Erbsenzählerei: Eine sinnvolle Diskussion des Lehrerthemas erfordert eine Qualitätsevaluation. Solange Lehrerbeförderungen und Lehrerbezahlung politisch und gewerkschaftlich definiert werden und praktisch NICHTS mit der Qualität des Lehrers zu tun haben, ist jede andere Argumentation hohl und leer - in beiden Richtungen übrigens.

Gast: Gerhard
06.03.2009 09:28
0 0

Das tolle System

Inklusive in Schulung befindlichen Personen waren Ende November 2008 280.500 Personen ohne Job. Gleichzeitig sank die Zahl der beim AMS gemeldeten offenen Stellen um 18 Prozent auf 27.273 Jobs. Diese Ziffern stammen von einem Zeitpunkt, bei dem die Wirtschaftskrise noch nicht wirklich wirksam war. D.h. das neokonservative, in Europa neoliberales System genannt, scheint auch ohne Krise nicht so toll zu sein. Vor allem manuelle industrielle Arbeit geht im tollen globalisierten System dorthin wo sie billig ist. Das drückt die Löhne auch in Europa bis hin zu 1€-Job¿s die dann vom Staat subventioniert werden müssen, damit die Leute leben können. Einfach super.

Antworten freeman
06.03.2009 11:34
0 0

Und die Schwerkraft erst!

Wie schön wäre die Welt, wenn diese ein bisschen geringer wäre - handelsübliche Waagen würden weniger anzeigen, Flugzeuge kämen leichter in die Luft, Hochsprungrekorde würden purzeln.
Ich sage es ja immer: Dieses System mit dieser Erdbeschleunigung ist zum Scheitern verurteilt.
5m/s² sind genug!
Eine andere Welt ist möglich!

Antworten Antworten LePenseur
07.03.2009 17:59
0 0

Ob Gast "Gerhard"

... Ihre Ironie versteht? Ich bezweifle es ....

Ophicus
06.03.2009 04:25
0 0

Richtig

Wieso sollte man also einem Industriearbeiter oder etwa einem Journalisten keine zusätzliche unbezahlte Arbeitszeit zumuten können, wenn sie doch dafür ihren Job behalten dürfen? Arbeitslose würden sich freuen mit ihnen zu tauschen.
Immerhin verlieren sie nichts weiter als ein paar Stunden der Muße und darüber kann sich ja nun wirklich keiner beschweren.

Wie? Die Argumentation gilt nur für Lehrer? Na dann...

Gast: hawkeye
05.03.2009 23:24
0 0

Es sind zwar insgesamt nicht sehr viele, ...

statistisch gesehen, aber der Vollständigkeit halber seien noch die erwähnt, die durch die Rezession eine Schmälerung des Portefeuilles ihrer Stiftungen hinnehmen müssen.

Wenn schon einmal von Klassen die Rede ist.

Gast: Grummelbart
05.03.2009 22:38
0 0

Tja...

..freut mich, dass sich noch jemand zum Lehrer-Bashing eingefunden hat.

Was aber bei den Lehrern gern übersehen wird, ist, dass diese zwei Stunden auch vorbereitet werden müssen - und das wiederum daheim passiert. Wenn man von 20 Stunden Unterricht ausgeht, und für jede Unterrichtsstunde eine Stunde Vorbereitung (was noch vorsichtig kalkuliert ist) errrechnet, kommt man auf 40 Stunden. Mit 22 Unterrichtsstunden auf 44. Also nicht nur zwei Stunden mehr, sondern 4. dazu kommt, dass Lehrer heute gerne die Allzwecksündenböcke der Gesellschaft sind. Sie sind für Erziehung, Wissensvermittlung, Aufklärung, Ethik und vieles mehr zuständig, haben aber gleichzeitig immer weniger Handhabe, um gegen störende Schüler vorzugehen.
Jeder, der sich über die Ferien, den "Halbtagsjob" etc aufregt, sollte sich mal selber in eine Klasse voller Halbstarker (tlw. mit Migrationshintergrund) stellen, und schauen, wie weit er kommt...

mfg
Grummel

Antworten Gast: TomJ
06.03.2009 08:58
0 0

Re: Tja...

Für JEDE Unterrichtsstunde wird mindestens EINE Vorbereitungsstunde benötigt? JEDES Jahr? Das glauben Sie ja selbst nicht...

Daß die ArbeitsBEDINGUNGEN der Lehrer nicht so toll sind wie zB die der Supermarktkassiererin, na gut - aber darum geht es in diesem Fall ja nicht, oder?

Antworten Antworten Gast: simplex
08.03.2009 20:08
0 0

Re: Re: Tja...

Nach der Lektüre hunderter lehrerkritischer Postings stoße ich immer wieder auf diese zweifelnde, meist höhnisch gemeinte Frage. Vielleicht gelingt mir eine Klarstellung: Unterschiedliche Lehrfächer (nur mal am Beispiel AHS) erfordern unterschiedliche "Hausarbeit". Am Beispiel Sprachfächer: Vorbereitung heißt großenteils Nachbereitung, d.h. Korrekturarbeit (Lernzielkontrollen, Schularbeiten, Hausübungen) und die ist für einen erfahrenen Lehrer nicht schneller zu bewältigen als für den jungen. Laien können sich auch nicht vorstellen, wie oft die Lehrpläne geändert und neue Lehrbücher eingeführt werden. 2 Stunden plus bedeuten außerdem für den Sprachlehrer mindestens 3 Stunden plus (es gibt kein 2-Stunden-Sprachfach), da sind ca. 80 Schüler mehr zu betreuen - nur die berüchtigten Minderleister unter den Lehrern schaffen diesen Anspruch locker, bestraft werden die Engagierten, die jetzt schon alles geben.

0 0

Genial

Da werden die Gewerschafts-Gutmenschen aber aufheulen. Ha,ha

Mehr Quergeschrieben:

Top-News