Wiens Frauenberger-Juden

Total bizarr: Die Wiener Integrationsstadträtin zieht Parallelen zwischen muslimischen Migranten heute und den Juden vor dem Holocaust.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die Wiener Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) wohl erst jüngst geläufig, als sie angesichts einer eher tollpatschig-busenaffinen Bierwerbung Sexismusalarm auslöste. Doch angesichts des schweren medialen Sarrazin-Bebens dieser Tage dürfte Frau Frauenberger beschlossen haben, den Fokus ihres Wirkens einem weit weniger bedeutenden Thema ihres stadträtlichen Portfolios zuzuwenden: dem gelegentlich etwas unlockeren Zusammenleben von Hiesigen und Zugewanderten.

Die Integrationsfachfrau weiß auch hier Rat. „Ich habe im 15. Bezirk ein Pensionistenwohnhaus besucht... Da kam viel Angst vor dem Fremden hervor – oft suggerierte Ängste. Wenn man diesen Leuten eine Wertschätzung dafür gibt, was sie für diese Stadt getan haben, aber sie gleichzeitig damit konfrontiert, dass es das in Wien schon einmal gegeben hat, dass Leute stigmatisiert und verhetzt wurden, dann halten sie inne und sagen: ,Stimmt eigentlich‘“, gab die Stadträtin zu Protokoll.

Dass die Migranten aus dem muslimischen Kulturkreis sozusagen die neuen Juden sind (Stichwort „stigmatisiert“), suggeriert die SPÖ-Stadträtin aus naheliegenden Gründen. Schließlich leben in Wien ja etwa 200.000 Muslime, und die sollen möglichst Rot wählen. Überlebende des Holocaust werden diesen Vergleich von Judenverfolgung im DrittenReich mit den Integrationsproblemen assimilationsunwilliger Muslime in Wien-Fünfhaus eher wenig unterhaltsam finden – aber auf diese Handvoll Stimmen kann die SPÖ getrost verzichten.

Beeindruckend ist freilich auch, wie Frau Frauenberger der Strache-FPÖ das Wasser abgräbt, indem sie die Unzufriedenheit vieler Bürger als „suggeriert“ bezeichnet. Wenn Eltern unfroh sind, weil ihre Kinder die Einzigen in ihrer Schulklasse sind, die gut Deutsch können, wenn Anrainer in den Gebräuchen fremder Kulturen nicht immer so recht Bereicherung erkennen können oder das vielfach getragene Kopftuch nicht gleich als modisches Accessoir verstanden wird – dann sind das also „suggerierte“ Probleme. Na, da werden der FPÖ aber die Wähler in hellen Scharen davonlaufen, wenn sie erst einmal begreifen, dass es bloß ein „suggeriertes“ Problem ist, wenn der junge Herr aus dem migrantischen Milieu die Frau Lehrerin eine „Hure“ nennt oder wenn im einen oder anderen Gemeindebau Türkisch zum dominierenden Idiom des Bassenatratsches wird.

Wenn ihnen zu Sarrazin gar nichts anderes einfällt, pflegen Politiker in diesen Tagen irgendwas in der Art von „Wir müssen die Ängste der Bürger ernst nehmen“ zu stammeln. Denen stattdessen zu erklären, dass sie halt einfach zu blöd sind zu begreifen, Opfer einer „Suggestion“ geworden zu sein, wird möglicherweise nicht gerade ideal geeignet sein, das Zusammenleben Hiesiger und Zugewanderter zu erleichtern. Vielleicht sollte sich die Integrationsstadträtin doch wieder mehr um ihre Kernkompetenz Sexismus-Aufspüren kümmern, anstatt ihre Wähler zu pflanzen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2010)

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