Altsein, so scheint es, ist das neue Jungsein. In ganz Europa treiben derzeit Herren in durchaus fortgeschrittenem Alter politische und intellektuelle Debatten mit einem Engagement und Tempo voran, das die meisten Jungen ziemlich alt aussehen lässt: der Ex-Diplomat Stéphane „Empört Euch“ Hessel (94) in Frankreich, Altkanzler Helmut Schmidt in Deutschland (93), aber auch der Autor („Was jetzt“) Hugo Portisch (84) oder der Unternehmer Frank Stronach (79) in Österreich.
So unterschiedlich ihre Ansichten und Einsichten auch sind, so sehr eint sie Gestaltungswillen und Umsetzungslust. Die Herren wollen etwas. Sie bilden damit (unter anderem) einen höchst vitalen Hintergrund, vor dem die seltsam anämische politische und ideologische Antriebslosigkeit der heute jungen Wahlberechtigten besonders deutlich sichtbar wird.
Ausgestattet mit dem politischen Killerinstinkt einer Meerschweinchenfamilie erweckt die junge Generation derzeit den Eindruck, die mit Abstand angepassteste, lammfrommste und folgsamste seit der Erfindung des Ministranten in der Kirche zu sein. Ist ja sehr herzig, wenn als Höhepunkt revolutionären Elans einmal ein Hörsaal an der Uni besetzt wird oder sich mit Todesmut ganze 6000 Seelen bereitfinden, per Mausklick auf „Facebook“ das laue hiesige „Occupy Wall Street“-Phantom zu „liken“.
Mit politischem Engagement hat das freilich so viel zu tun wie der unverbindliche Blick ins Inskriptionsverzeichnis mit einem abgeschlossenen Doktoratsstudium in Teilchenphysik. Was da gelegentlich als hippe „Generation Facebook“ durch die Medien geistert, wäre als früh erschlaffte „Generation Valium“ präziser beschrieben. Das einzige, was diese Generation wirklich aufregt, dürften unzumutbar lange Lieferzeiten beim neuesten iPhone sein.
Das ist insofern nicht unoriginell, als die Jungen ja nun wirklich ausreichend Grund hätten, ziemlich grantig zu werden und diesen Grant auch deutlich sichtbar auszuleben. Denn die Generation ihrer Eltern und Großeltern hat es geschafft, einen Schuldenberg von Himalaja-artigen Dimensionen zu errichten, dessen Spitze dank Finanzkrise nun in seiner ganzen schrecklichen Pracht sichtbar wird. Die heute Jungen werden vor der Alternative stehen, von diesen Schuldengebirgen erschlagen zu werden – oder sie mühsamst abzutragen. Das ist die erste Generation seit Langem, der es möglicherweise einmal schlechter gehen wird als der Generation vor ihr.
Es wäre daher durchaus legitim, wenn sich die Jungen auf durchaus robuste Art und Weise dagegen wehren würden, von ihren Altvorderen weiterhin bestohlen und betrogen zu werden. Eine „Occupy“-Bewegung, die sich dagegen stellen würde, hätte ausreichend lohnende Ziele zu besetzen: das Parlament, wo die Abzocke der Jungen beschlossen wurde, den Ballhausplatz, wo das exekutiert wurde, die Paläste der Sozialpartner, die Zentralen der politischen Parteien oder die Büros der mächtigen Pensionistenlobbys.
Aber die „Generation Valium“ tritt den Angriffen auf ihren künftigen Wohlstand ungefähr so kämpferisch entgegen wie eine Schafherde ihrem Metzger. Wahrscheinlich müssen jene energischen älteren Herren, die heute in Europa auf die Barrikaden steigen, einfach noch so lange weitermachen, bis die „Generation Valium“ endlich die ersehnte Pension antreten kann.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2011)















