Die Behauptung, dass der Kapitalismus irgendwie genauso gescheitert ist wie der Kommunismus, gehört mittlerweile quer durch alle weltanschaulichen Lager zum Kanon der völlig gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Wer hingegen – wie etwa diese Woche gleich sechs österreichische Ökonomen der neuen Plattform „ProMarkt“ – öffentlich behauptet, der Kapitalismus sei die beste uns bekannte Art und Weise, das Wirtschaftsleben zu organisieren, kann davon ausgehen, im günstigeren Fall als harmloser Spinner und im schlimmeren Fall als eine Art ökonomischer Gewohnheitskrimineller oder gar als Karl-Heinz-Grasser-Büttel denunziert zu werden.
Deshalb verwenden ja auch Politiker aller Couleurs „Kapitalismus“ mittlerweile ausschließlich als Bestandteil des Begriffs „Kapitalismuskritik“. Dass einer das K-Wort je verwendet hätte, ohne sich im gleichen Atemzug pflichtschuldigst davon zu distanzieren, ist nicht überliefert. Kapitalismuskritik, formulierte jüngst der deutsche Feuilletonist Harald Martenstein in der „Zeit“ treffsicher, „ist das neue Yoga“.
Das ist aus zwei Gründen eher bemerkenswert. Erstens, weil sich der Kapitalismus in den letzten 60 Jahren bekanntlich weltweit als die mit Abstand effizienteste Art der Armutsbekämpfung erwiesen hat, was den Damen und Herren Kapitalismuskritkern aber irgendwie wurscht zu sein scheint. Dass nicht etwa Fünfjahrespläne, Verstaatlichung und Sozialismus dazu geführt haben, dass der Anteil der Bedürftigen in China, Indien und vielen anderen einst bettelarmen Ländern massiv zurückgegangen ist, sondern die Ausbreitung des Kapitalismus in diesen Weltgegenden die Armut nachhaltig zurückgedrängt hat, beeindruckt den glaubensfesten Kapitalismuskritiker wenig. Faktenresistenz ist in diesen Milieus ja ein durchaus angesehener Charakterzug.
Noch bemerkenswerter an dieser Modetorheit namens Kapitalismuskritik ist freilich, dass noch keiner der Kritiker auch nur im Entferntesten eine Alternative zum vermeintlich gescheiterten Kapitalismus anzubieten hatte; noch nicht einmal als Skizze oder Grobentwurf. Dabei wird ja jetzt schon ganz schön lange nach einer derartigen Alternative zum Kapitalismus gesucht.
Aber weder die robusten Versuche Lenins oder der nationaleren Sozialisten von Herrn Hitler erwiesen sich bekanntlich als wirklich überzeugend (wobei Hitlers führender Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder übrigens die ja auch unter zeitgenössischen Kapitalismuskritikern beliebte Trennung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital in die Debatte einführte und eine Verstaatlichung der Banken forderte).
Auch spätere Versuche Pol Pots in Kambodscha, Maos in China oder Enver Hoxhas in Albanien führten nicht ganz zum gewünschten Erfolg. Und selbst der jugoslawische „Dritte Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus, lange Zeit eine große Hoffnung westlicher Kapitalismuskritiker, führte am Ende doch nur zu schlecht gelaunten Kellnern und vergammelten Hotels an der Adria.
Dass seit mehr als hundert Jahren ebenso heftig wie erfolglos nach einer halbwegs brauchbaren Alternative zum kapitalistischen Betriebssystem gesucht wird, könnte einen relativ simplen Grund haben: dass nicht der Kapitalismus gescheitert ist, sondern die Kapitalismuskritik.
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Zum Autor:
Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2011)















