25.05.2012 21:39 | Meine Presse Merkliste 0

Muss Europa eine Umerziehungsanstalt werden, damit der Euro überlebt?

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Die Deutschen bleiben Deutsche, die Griechen blieben Griechen – und mir san mir: Aber so wird das Eurobargeld seinen zehnten Geburtstag nicht sehr lange überleben.

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Es war eine eher kluge Entscheidung der EU-Kommission, den zehnten Jahrestag der Einführung des Eurobargeldes am kommenden Sonntag nicht groß zu feiern, sondern diskret zu übergehen. Denn wenn es in diesem Zusammenhang etwas zu feiern gibt, dann höchstens den Umstand, dass der Euro seinen zehnten Geburtstag noch erlebt.

Genau zehn Jahre, nachdem wir am Neujahrsmorgen 2002 die ersten Euroscheine aus den Bankomaten zogen, kann die Einheitswährung leider nicht als wirklich brüllende Erfolgsgeschichte beschrieben werden. Zwar hat der Euro seither gegenüber dem Dollar deutlich an Wert gewonnen und blieb die Geldentwertung in der Eurozone in diesen zehn Jahren im Großen und Ganzen relativ niedrig. Doch diesen Vorteil genossen auch die Nutzer anderer Währungen.

Vor allem aber steht diesem unbestreitbaren Nutzen heute die höchst ungewisse Zukunft der Einheitswährung gegenüber: Ob und in welcher Form der Euro seinen 20. Geburtstag erleben wird, ist ungewiss; und das ist so ungefähr das Bedenklichste, was man über eine Währung sagen kann. Mit dem heutigen Wissen würde der Euro eher nicht oder jedenfalls nicht in dieser Form eingeführt werden.

Die politischen und ökonomischen Ursachen dieses Problems sind relativ gut bekannt: die Abschaffung der D-Mark als Preis für die deutsche Einheit, die betrügerischen Bilanz-Machinationen der Griechen oder die kriminelle Energie, mit der ab 2004 sowohl Frankreich als auch Deutschland die vereinbarten Stabilitätsregeln brachen. Dazu kam noch eine Dosis Größenwahn der wichtigsten politischen Akteure, die schon ihren Platz in den Geschichtsbüchern als Gründerväter eines europäischen Staates greifbar nahe sahen – und sich dabei nicht von irgendwelchen Erbsenzählern und drögen ökonomischen Argumenten bremsen lassen wollten.

Der gravierendste Fehler bei der Einführung des Euro wird freilich bis heute verdrängt: Die unausgesprochene Annahme, bestimmte nationale Charakteristika – südlicher Schlendrian, nördliches Strebertum – würden mit der Zeit verschwinden und einer Art europäischer Identität Platz machen. Es war die Annahme, dass sich die Mentalität spanischer Geschäftsleute, griechischer Finanzbeamter und portugiesischer Politiker früher oder später nicht mehr wesentlich von der ihrer deutschen, belgischen oder niederländischen Kollegen unterscheiden würde.

Das war, wie wir heute wissen, eine etwas naive Annahme. Deutsche und Griechen, Nordeuropäer und Südeuropäer sind in ihrer Mentalität heute so unterschiedlich wie eh und je, und das stellt eine permanente Gefahr für den Euro und letztlich das ganze europäische Projekt dar. Denn wenn diese Unterschiede in den Mentalitäten bleiben, dann werden die Nordeuropäer irgendwann einmal nicht mehr bürgen und zahlen wollen und damit die Union in ihrer heutigen Form sprengen.

Beseitigt werden können diese Unterschiede jedoch nur, wenn die EU zu einer Art Umerziehungsanstalt wird, die aus lebensfrohen Südeuropäern bienenfleißige Mittelmeer-Preußen macht, die pünktlich ihre Steuern zahlen. Was von denen wohl zu Recht als Albtraum empfunden würde. Ob Europa sowohl seine Vielfalt der Mentalitäten als auch seine einheitliche Währung behalten kann, ist deshalb eher fraglich.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2011)

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15 Kommentare
0 1

Europäischer Einheitsbrei?

Es ist nicht richtig, dass alle Länder innerhalb der Eurozone relativ gleich tüchtig sein müssen, damit die Eurozone funktionieren kann.

Jedes Land/Volk soll so untüchtig/wettbewerbsunfähig sein können, wie es möchte. Das ist nicht das Problem. Das Problem entsteht, wenn die weniger tüchtigen/wettbewerbsfähigen den gleichen Lebensstandard haben wollen wie die anderen, und das geht nur, wenn die anderen ihnen dafür das Geld leihen.

Die besondere Stärke Europas ist, unter einem Dach unterschiedliche Kulturen zusammenzubringen. Einheitsbrei funktioniert da nicht; nicht bei Glühbirnen und schon gar nicht bei Menschen!

http://klauskastner.blogspot.com/2012/01/eurozone-strongest-economic-region-of.html

Antworten Gast: nonSense
11.01.2012 15:31
4 0

der Euro ist und bleibt eine Fehlkonstruktion

. . . zurück in die Landeswährung und die Banken samt dem Euro in den Konkurs.

Gast: R. Hood
02.01.2012 16:01
0 3

Finanzadel umerziehen

Alles ist schuld, nur der Finanzadel nicht.
Das was Sie verzapfen, glauben sie hoffentlich selbst nicht mehr. Ihre Auftragsartikel der Finanzlobby sind erbärmlich.

Gast: Hans Werner
30.12.2011 21:06
7 5

EU-Europa

ist längst eine Umerziehungsanstalt geworden: Brav essen, keine Glühbirnen einschrauben, nix rauchen. Jetzt merkt es halt auch der Herr Ortner.

Gast: irving fisher
30.12.2011 14:18
6 4

analyse a la ortner

südlicher Schlendrian, nördliches Strebertum -

darauf laufen also die ökonomischen analysen des herrn ortner hinaus. und der wundert sich auch noch, dass ihm niemand bei wichtigen entscheidungen zuhören will...

Gast: commonSense
30.12.2011 13:59
9 2

wie wär's, wenn man nebst dem Euro die jeweilige Landeswährung zur verbindlichen machte?

. . . so wär' die DM gleich dem Euro die Leitwährung. Ebenso sollten die starken Wirtschaften ihre Währung an den Euro binden, während die schwachen Länder tunlichst ihr Haus in Ordnung bringen.

Gast: Na ja...
30.12.2011 11:36
0 1

Dumme Überschrift...

Das Problem sind nicht unterschiedliche Mentalitäten, sondern offene und verdeckte Feindschaften innerhalb der Union.

Der II. WK ist schon bald 70 Jahre her, noch immer leidet Europa unter seinen Folgen. Allen voran spüren das die Deutschen. Je mehr Geld sie in die EU buttern, umso unbeliebter sind sie.

Antworten Gast: Dumme Überschrift...
11.01.2012 15:51
3 0

raus aus dem Euro,

. . . rein in die Landeswährung und die Welt hätte die beste Leitwährung, die DM!

Gast: Na ja...
30.12.2011 11:36
0 1

Dumme Überschrift...

Das Problem sind nicht unterschiedliche Mentalitäten, sondern offene und verdeckte Feindschaften innerhalb der Union.

Der II. WK ist schon bald 70 Jahre her, noch immer leidet Europa unter seinen Folgen. Allen voran spüren das die Deutschen. Je mehr Geld sie in die EU buttern, umso unbeliebter sind sie.

10 1

Der UMVERTEILUNGswahn ist kaum heilbar !

Das Virus (morbus Griechenlandensis) ist 40 Jahre lang tief in die Gehirne der europ. Pseudosozialisten eingedrungen !

MEHR UMVERTEILUNG, mehr STAAT u. somit mehr SCHULDEN ist ihre Devise !

Der EURO kann mit diesen Voraussetzungen nie überleben.

Antworten Herman
01.01.2012 13:33
1 0

Re: Der UMVERTEILUNGswahn ist kaum heilbar !

. . . zugunsten der Privilegien and Pfründe und damit die Verschuldung.

5 2

Warum gegen den EURO polemisieren?

Christian Ortners Kommentare zählen ganz allgemein zu den erfrischendsten und treffendsen. Seine Frage, ob Europa eine Umerziehungsanstalt werden muss, trifft die Sache jedoch nur halb. Doch der Reihe nach. Schuld an der Euro-Misere war die Vorgabe, Staatsanleihen nicht mit Sicherheiten zu hinterlegen. Die Banken hätten schon vor 5 Jahren keine griechischen (spanischen, irischen,...) Papiere gekauft und die Griechen hätten einfach kein Geld mehr für Autos, Schiffe etc. gehabt; sie wären in der Realität angekommen. Mit dem Ankauf dieser Schrottpapiere durch die EZB wurde der verkehrte Weg nur fortgesetzt.
Andererseits hätten Lieferanten ihre Politik überdenken müssen. Wenn Griechen die glieferten VWs, BMWs, Mercedes etc. nicht mehr bezahlen können, schrumpft halt der Umsatz auch in Deutschland.
Zu den Defiizitsündern Deutschland und Frankreich sei angemerkt, dass dies unter Schröder/Mitterand passierte, bekanntlich 2 Sozialisten, ebenso wie der "erfolgreiche" Erweiterungskommissar Verheugen. Es bleibt nur, immer wieder darauf hinzuweisen: Die jetzige Krise ist den Sozialisten zuzuschreiben. Dies gilt auch für die "Zuständ" in Österreich.
Zuletzt: Politische Krisen - und die europäische, ja weltweite Finanzkrise ist eine politische - werden vielfach herbeigeschrieben. Frei nach der Bibel: Am (Im) Anfang war das Wort.

Gast: Der Notar
30.12.2011 06:37
6 2

Ich hab´s

was wir brauchen ist der NEUE MENSCH. Man müßte die EU-Unwilligen irgendwo konzentrieren und umerziehen. Und wenn das nichts nutzt, dann muss man leider....

Grüffelo
30.12.2011 06:12
1 0

"keiner ist so toll wie wir"

ob allerdings portugiesen, spanier oder griechen auch vom "südlichen schlendrian" sprechen würden sei bezweifelt. für einen liberalen bedient ortner hier schon eine menge dummer klischees und vorurteile... berechtigt scheint jedoch eine erwähnung unterschiedlicher steuermoral - hieran gilts zu arbeiten, allerdings auch in österreich!

Antworten Gast: rüffeltier
30.12.2011 09:53
0 2

Re: "keiner ist so toll wie wir"

Da haben Sie ganz recht, die agressive und oft einseitige Polemisierei von CO ist wie immer vorhersehbar und im Grunde langweilig... ich finde auch, dass WIR hier nicht die Moralapostel spielen sollten, die Steuerhinterziehung (bis ganz oben!!!), Ausbeutung von Arbeitskräften, Pfuscherei ist in Österreich ein ebenso großes Problem, viele sind sich der eigenen Handlungen diesbezüglich gar nicht bewußt, typisches österreichisches Verdrängungsverhalten!

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