Die viel diskutierte Frage, ob der ORF just den jungen Pelinka als Büroleiter des Generaldirektors braucht, ist ja durchaus berechtigt und verfügt über manch amüsante Facette. Wesentlich berechtigter und dringlicher erscheint angesichts des höchst bresthaften Gesamtzustandes der nicht nur baulich ziemlich verkommenen Anstalt allerdings mittlerweile die Frage, ob Österreich eigentlich den ORF noch braucht. Oder ob es nicht viel vernünftiger wäre, den ganzen Laden umständehalber einfach dichtzumachen und das staatliche Fernsehen in Österreich schlicht und ergreifend zu liquidieren wie einst den „Konsum“ oder die „AZ“.
Die wesentliche Daseinsberechtigung des ORF liegt – zumindest in der Theorie – ja bekanntlich darin, gleichsam eine öffentliche Infrastruktur für den demokratischen Meinungsbildungsprozess bereitzustellen; und zwar durch die Aufbereitung möglichst umfassender und umfangreicher Information, durch pluralistisch angelegte öffentliche Debatten und das Widerspiegeln unterschiedlichster politischer Standpunkte. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk soll dem Wähler ermöglichen, informierte demokratische Entscheidungen zu treffen.
Der real existierende öffentlich-rechtliche Rundfunk ermöglicht seinen geschundenen Konsumenten jedoch höchstens, in tiefen Protestschlaf zu verfallen angesichts der meist überaus tristen TV- Darbietungen der von der Parteipolitik durchseuchten Anstalt. Wer sich je bis ans Ende einer der gefühlten tausend TV-Debatten der Klubobleute am Sonntagabend durchgekämpft hat, weiß, wie weit der ORF von der Erfüllung seines öffentlich-rechtlichen Auftrages entfernt ist. Der Beitrag der Anstalt zur demokratischen Ertüchtigung des Landes ist etwa so groß wie der von McDonald's zur Verbesserung der Volksgesundheit. Tendenz eher noch sinkend.
Damit hat der ORF seine zentrale Existenzgrundlage entsorgt. Wer Lust auf trashiges Privatfernsehen hat, braucht dazu angesichts Dutzender Gratiskanäle den ORF nicht; wer hingegen hochwertige Information und politische Debatte will, kann dazu den den ORF mangels einschlägiger Angebote erst recht nicht gebrauchen.
Wirklich gebraucht wird der ORF trotzdem noch: Freilich nur noch von ein paar hundert Politikern, die dort regelmäßig ihr Gesicht raushalten dürfen, und den Mitarbeitern, deren komfortable Jahresgage von durchschnittlich 75.000Euro eine relativ hohe Leidensprämie inkludieren dürfte.
Mittlerweile ist diese Anstalt fast ausschließlich eine Anstalt zur Befriedigung der legitimen Bedürfnisse ihrer Angestellten und der weniger legitimen Bedürfnisse ihrer politischen Verfügungsberechtigten geworden, eine symbiotische Verstrickung von Politik und Politikunterworfenen mit dramatisch sinkender Relevanz für die Außenwelt.
Den Österreichern weiterhin Jahr für Jahr mehr als 500Millionen Euro wegzunehmen, um diese Bedürfnisanstalt zu betreiben, scheint angesichts der knappen Kassen daher wenig sinnvoll. Staatsfernsehen dieser Art könnten die jungen Medienstars der SPÖ, qualifiziert durch den brillanten Facebook-Auftritt des Kanzlers und das souveräne Handling der Büroleiter-Causa, sicher aus einem Studio am Ballhausplatz mit Standleitung in die Löwelstraße etwas preisgünstiger betreiben. Der ORF hingegen bräuchte eine letzte Reform: die Auflösung der obsolet gewordenen Anstalt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2012)















