Wäre Adolf Hitler heute führender Aktivist der Occupy-Bewegung?

Dass sich die Nationalsozialisten „Sozialisten“ nannten, ist kein Etikettenschwindel, sondern Hinweis auf verwandtschaftliche Verhältnisse, deren Existenz heute wieder sichtbar wird.

Etwas ungelenk verbreitete die nicht ganz unbedeutende deutsche CDU-Politikerin Erika Steinbach jüngst via Twitter eine historische Kompakt-Analyse: „Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI.“

Seither tobt in Deutschland eine eher heftige Auseinandersetzung, ob die Bundestagsabgeordnete Steinbach bloß eine den heutigen Linken unangenehme Wahrheit im Twitter-Format von maximal 140 Buchstaben zusammengefasst hat – oder ob sie eine üble Revisionistin ist, die den Schrecken der Nazi-Herrschaft relativieren will.

Ob die politische Linke unserer Tage und der Nationalsozialismus des vergangenen Jahrhunderts sich zumindest partiell aus gemeinsamen ideologischen Quellen speisen, ob sie einander also in gewissen Aspekten familiär verbunden sind, ist keine rein historisch-akademische Frage. Dass etwa die Occupy-Bewegung in Österreich 2012 extrem starke Anziehungskraft auf Rechtsextreme und Neonazis ausübt, ist nämlich genauso wenig Zufall wie der Umstand, dass bei Occupy-Events in den USA immer wieder einzelne grob antisemitische Plakate und Parolen (Stichwort „Jüdische Hochfinanz ist unser Unglück“) auftauchen – „Heil Occupy!“, sozusagen.

Eher kein Zufall in diesem Kontext wird auch sein, wenn zeitgenössische linke Kapitalismuskritiker – etwa im Umfeld von Attac – dogmatisch zwischen (guter) Realwirtschaft und (böser) Finanzwirtschaft unterscheiden: Bei den nationalsozialistischen Wirtschaftstheoretikern unterschied man im gedanklichen Gleichklang zwischen „schaffendem“ (gut) und „raffendem“ (böse) Kapital – dass Banken am besten zu verstaatlichen sind, galt und gilt in beiden Milieus als gleich wünschenswert. „Die NSDAP verkörpert die deutsche Linke“, hatte ein gewisser Joseph Goebbels 1931 nicht ganz zu Unrecht postuliert.

Tatsächlich verbindet einiges die beiden vorgeblich antagonistischen Lager: eine Neigung zu Kollektivismus und staatlicher Steuerung der Wirtschaft, einem allmächtigen Staat und der Geringschätzung des Individuums und seiner Rechte. „Wer den ,Befreiungskampf des palästinensischen Volkes‘ gerecht und links findet, wird in der Nazi-Welt Geistesverwandte treffen“, spottet jüngst in der „Frankfurter Rundschau“ der deutsche Historiker Götz Aly, und „...wer den deutschen Mieter- und Kündigungsschutz, das Kindergeld, die Krankenversicherung für Rentner oder den Naturschutz für fortschrittlich hält, sollte bedenken, dass die Gesetze 1937, 1934, 1937, 1941 und 1938 erlassen oder in ihrer Schutzfunktion erheblich gestärkt wurden.“

Es entspricht dieser Analyse durchaus, dass die österreichische Sozialdemokratie bekanntlich noch 1957 einen Wahlkampf mit dem knackigen Slogan „Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf (Schärf, SPÖ-Präsidentschaftskandidat, Anm.) auch in diesem Jahr!“ bestritt; was freilich als Beweis für die völlige Abwesenheit verwandtschaftlicher Verhältnisse zwischen der politischen Linken und dem Nationalsozialismus nur sehr bedingt taugt.

Deutlich eleganter als die twitternde CDU-Politikerin hatte diesen familiären Zusammenhang übrigens der über jeden Verdacht erhabene Historiker und große Hitler-Biograf Joachim Fest schon 2003 diagnostiziert: „Manche gute Gründe sprechen dafür, dass der Nationalsozialismus politisch eher auf die linke als auf die rechte Seite gehört.“


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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