Wäre Adolf Hitler heute führender Aktivist der Occupy-Bewegung?

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Dass sich die Nationalsozialisten „Sozialisten“ nannten, ist kein Etikettenschwindel, sondern Hinweis auf verwandtschaftliche Verhältnisse, deren Existenz heute wieder sichtbar wird.

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Etwas ungelenk verbreitete die nicht ganz unbedeutende deutsche CDU-Politikerin Erika Steinbach jüngst via Twitter eine historische Kompakt-Analyse: „Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI.“

Seither tobt in Deutschland eine eher heftige Auseinandersetzung, ob die Bundestagsabgeordnete Steinbach bloß eine den heutigen Linken unangenehme Wahrheit im Twitter-Format von maximal 140 Buchstaben zusammengefasst hat – oder ob sie eine üble Revisionistin ist, die den Schrecken der Nazi-Herrschaft relativieren will.

Ob die politische Linke unserer Tage und der Nationalsozialismus des vergangenen Jahrhunderts sich zumindest partiell aus gemeinsamen ideologischen Quellen speisen, ob sie einander also in gewissen Aspekten familiär verbunden sind, ist keine rein historisch-akademische Frage. Dass etwa die Occupy-Bewegung in Österreich 2012 extrem starke Anziehungskraft auf Rechtsextreme und Neonazis ausübt, ist nämlich genauso wenig Zufall wie der Umstand, dass bei Occupy-Events in den USA immer wieder einzelne grob antisemitische Plakate und Parolen (Stichwort „Jüdische Hochfinanz ist unser Unglück“) auftauchen – „Heil Occupy!“, sozusagen.

Eher kein Zufall in diesem Kontext wird auch sein, wenn zeitgenössische linke Kapitalismuskritiker – etwa im Umfeld von Attac – dogmatisch zwischen (guter) Realwirtschaft und (böser) Finanzwirtschaft unterscheiden: Bei den nationalsozialistischen Wirtschaftstheoretikern unterschied man im gedanklichen Gleichklang zwischen „schaffendem“ (gut) und „raffendem“ (böse) Kapital – dass Banken am besten zu verstaatlichen sind, galt und gilt in beiden Milieus als gleich wünschenswert. „Die NSDAP verkörpert die deutsche Linke“, hatte ein gewisser Joseph Goebbels 1931 nicht ganz zu Unrecht postuliert.

Tatsächlich verbindet einiges die beiden vorgeblich antagonistischen Lager: eine Neigung zu Kollektivismus und staatlicher Steuerung der Wirtschaft, einem allmächtigen Staat und der Geringschätzung des Individuums und seiner Rechte. „Wer den ,Befreiungskampf des palästinensischen Volkes‘ gerecht und links findet, wird in der Nazi-Welt Geistesverwandte treffen“, spottet jüngst in der „Frankfurter Rundschau“ der deutsche Historiker Götz Aly, und „...wer den deutschen Mieter- und Kündigungsschutz, das Kindergeld, die Krankenversicherung für Rentner oder den Naturschutz für fortschrittlich hält, sollte bedenken, dass die Gesetze 1937, 1934, 1937, 1941 und 1938 erlassen oder in ihrer Schutzfunktion erheblich gestärkt wurden.“

Es entspricht dieser Analyse durchaus, dass die österreichische Sozialdemokratie bekanntlich noch 1957 einen Wahlkampf mit dem knackigen Slogan „Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf (Schärf, SPÖ-Präsidentschaftskandidat, Anm.) auch in diesem Jahr!“ bestritt; was freilich als Beweis für die völlige Abwesenheit verwandtschaftlicher Verhältnisse zwischen der politischen Linken und dem Nationalsozialismus nur sehr bedingt taugt.

Deutlich eleganter als die twitternde CDU-Politikerin hatte diesen familiären Zusammenhang übrigens der über jeden Verdacht erhabene Historiker und große Hitler-Biograf Joachim Fest schon 2003 diagnostiziert: „Manche gute Gründe sprechen dafür, dass der Nationalsozialismus politisch eher auf die linke als auf die rechte Seite gehört.“


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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114 Kommentare
 
12 3

Ein Grund die Presse nicht zu kaufen!

Solche Artikel, wie dieser von C. Ortner, sind für mich ein Grund die Presse nicht zu kaufen.

Herr Ortner sollte sich die Reichstagsrede Schumachers (23. Februar 1932) genauer durchlesen!

No pasaran!

Angesichts Abertausender ermorderter Sozialistinnen, Kommunistinnen, Sozialdemokratinnen und Antifaschistinnen ist dieser Artikel eine dermaßene Frechheit, dass sie damit den Vogel abschießen, Herr Ortner.
Nur weil ihnen die neoliberalen Felle davonschwimmen und Europa schön langsam aus der erpressten Agonie erwacht, müssen sie nicht die Geschichte auf den Rücken der Opfer umkehren.
Hinter dem Faschismus steht noch immer das Kapital.
No pasaran, Chrisitan Ortner!

Gast: Fritz Wunderlich
28.03.2012 20:11
2 2

Lernen Sie Geschichte

Und warum haben diese dann die Sozialisten und die Gewerkschaften verboten?
War nicht der erste Ermordete in Dachau Linker und Jude?
So sehr ich Ihre Kommentare bezüglich Israel schätze, aber das tendiert Richtung Geschichtsfälschung.

Re: Lernen Sie Geschichte

Populistische Parteien halten sich nie ganz streng an ihr Ideologien bzw biegen sie sich diese zurecht.
Sie wollten ihre eigene Version von LinksRechts... . Soweit ich von einem SPÖler erfahren habe, war die SPÖ angangs froh, dass die Nazis kommen...

Auf jedenfalls waren die Nazis nicht liberal...
Linke wie Rechtsextreme wollen einen starken Staat. Natürlich gibt es grobe Unterschiede aber zwischenzeitlich werden diese sehr klein... (Lesen sie nach unter UdSSR und Antisemitismus)

Wenn man die Gesetze von damals ein bisschen kennt,

huscht einem immer wieder ein Schmunzeln über das alte Gesicht, weil die heutigen "Linken" manchmal wortgetreu fordern, was damals eh schon Gesetz war.

Gast: TT1
15.02.2012 23:15
3 4

Puuuuhhh, Ortner

Ihre Psyche möcht ich auch nicht haben.... Sehr ermüdend..

Gast: Thomas Schett
15.02.2012 17:09
1 6

Schlechtes Gewissen

Man könnte ja lachen, wenn es nicht so empörend wäre. Die Konservativen, die den Rechtsradikalen in der Geschichte immer die Stange gehalten haben wenn es darum ging, die demokratischen Sozialisten (Sozialdemokraten) zu bekämpfen, und die historisch schuldig geworden sind, Steigbügelhalter dieses Wahnsinns gewesen zu sein, genau diese produzieren jetzt hier solche Thesen.

Es ist so verwerflich, dass man schreien möchte. Schämen sie sich für diesen Kommentar. Entweder haben sie keine Ahnung von Geschichte oder sie sind ein bewusster Lügner und Verdreher. Wenn sie ersteres sind, dann sollten sie einmal ein bisschen Geschichte lernen und weniger medialen Müll produzieren...., wenn sie Zweiteres sind, dann erübrigt sich jede Bewertung.

Schlechtes Gewissen

Was wurde hier verdreht?

Antisemitismus auf Demos der Occupy Wall Street Bewegung - ist ein Fakt!

Es gibt demokratischen Sozialisten und nationale Sozialisten die eine Diktatur haben wollen, das Eine schließt das Andere nicht aus - ist auch Fakt!

Die Nxxxx hat in gewissen Berreichen eine sehr sozialistisches Programm - ist auch Fakt!

Wie wäre es wenn sie mal hier nachlesen würden:
http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/index.html

oder auch auf Wiki
http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialismus#Programmatik

und
http://www.boehlau-verlag.com/download/160203/978-3-8252-3076-0_Leseprobe.pdf

der Link zum Buch:
http://www.boehlau-verlag.com/978-3-8252-3076-0.html

Antworten Antworten Gast: onroda
18.02.2012 19:19
0 1

Re: Schlechtes Gewissen

1. Antisemitismus ist ein gesellschaftliches Problem und kein explizit linkes oder rechtes!

2. Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Sozialismen. Nationalsozialismus beschreibt aber keinen Sozialismus im egalitären Sinne und so ist der Begriff auch historisch zu verstehen! (und bitte hier nicht die Beispiele Sowjetunion oder China nennen, nur weil sich diese Sozialistisch nannten - im Gegenzug müssten dispotische Länder wie bspw. Russland auch als Demokratie verstanden werden, tun wird das hier zu recht niemand).
Die Begriffe Nationalsozialismus und Sozialismus beschreiben völlig konträre Phänomene

Re: Re: Schlechtes Gewissen

Ortner macht das gleiche wie sie. Er macht das NS Regime pauschal zu einem Linken, weil er zurecht linke Aspekte darin erkennt. Un viele Linke machen die UdSSR gerne zu einem rechten Regime, was mind. so abstrus ist.
Lenin war eindeutig links und auch er war schon wenig demokratisch eingestellt. Hierzu gibt es sehr gute Dokus...
Theorie und Praxis sind immer 2 Paar Dinge, nicht nur bei Ideologien...
Und die Banken-Kritik vieler Linker erinnert immer etwas an jene der N... oder nicht?

Ich gratuliere der Presse zu diesem Artikel - Herr Ortner hat einen sehr wunden Punkt bei den Linken getroffen!

Die hysterischen Linken auf Standard und Presse sind der beste Beweis, autsch muss jenes wehtun, oder schmeckt den Linken ihre eigene Medizin nicht?

Die Linken haben scheinbar einen schönen Erklärungsnotstand, sie bringen keine Fakten, sie versuchen nicht einmal die Argumente zu wiederlegen, die Argumente von den Historikern Götz Aly und Joachim Fest werden komplett ignoriert und so getan als nur Herr Ortner jenes behauptet.

Was machen die Linken hier sie schimpfen, unterstellen, erniedrigen und beleidigen, genau jenes wenn Menschen keine Argumente haben. Tja, es gibt die Übereinstimmungen und diese können nicht wegdiskutiert werden. Wenn die Linken diese bei der FPÖ sehen, dann wissen wir was sie schreien und wie laut sie schreien können!

Es genügt den Linken nur das Wort neue Juden und Reichskristallnacht und schon gibt es einen Skandal in Österreich! Die Linken dürfen jeden in dieses Eck stellen weh dem der sie auch in dieses Eck stellt und jenes auch noch mit Fakten, da werden ja die kleinen ganz unleidlich....

Antworten Gast: Aristodemos
15.02.2012 17:28
0 4

Re: Ich gratuliere der Presse zu diesem Artikel - Herr Ortner hat einen sehr wunden Punkt bei den Linken getroffen!

Ach ja, nur weil zwei Historiker irgendwelche Übereinstimmungen postulieren, würde ein Hitler sich heute für die SPÖ als Bundeskanzlerkandidat zur Verfügung stellen, weswegen die ja insgesamt und überhaupt so drauf sein müssen... Danke, dass Sie mir die Augen geöffnet haben!

Re: Re: Ich gratuliere der Presse zu diesem Artikel - Herr Ortner hat einen sehr wunden Punkt bei den Linken getroffen!

na dann fangen sie mal an Wiki umzuschreiben und Wiki ist eher Links!

http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialismus#Programmatik

und mal dieses lesen

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/nsdap25/

MFG

Antworten Antworten Antworten Gast: Aristodemos
16.02.2012 10:07
0 1

Re: Re: Re: Ich gratuliere der Presse zu diesem Artikel - Herr Ortner hat einen sehr wunden Punkt bei den Linken getroffen!

Der Schaum vor Ihrem Mund scheint schon Ihre Sicht und somit Lesefähigkeit einzuschränken...

Re: Re: Re: Re: Ich gratuliere der Presse zu diesem Artikel - Herr Ortner hat einen sehr wunden Punkt bei den Linken getroffen!

Hysterie statt Argumente?!

Gast: Schrottpresse
15.02.2012 13:21
1 7

...

Es waren die Rechten, die Kleinbürger, die Industrie, also alles feine Herrschaften, die die Nazis in die Regierung geholt haben. Geschichtsverdrehung übelster Sorte, aber das kennt man ja von der Presse.

8 1

Wie immer trifft Herr Ortner den Nagel auf dem Kopf!

Brilliant argumentiert und analysiert!

Gast: werner hofer
15.02.2012 12:07
1 8

Herr Ortner????

Was für ein Schwachsinn!!! Erstens sind die politischen Begriffe links und rechts bei weitem nicht nur wirtschaftspolitisch, sondern vor allem auch gesellschaftspolitisch defniert, und da trennen die heutigen Linke von den Nazis mehr als nur Welten, und zweitens hat niemand die Arbeit so sehr als Instrument der Ausbeutung angesehen wie die Nazis: Zwangsarbeit und zu Tode schuften sind wohl keine Forderungen der heutigen Linken, waren aber unter den Nazis mehr als nur üblich. Außerdem vergisst der Herr Kommentator geflissentlich, dass unter den Nazis einige Unternehmen und Banken eben über Zwangsarbeit und Ausbeutung zu einem Reichtum gelangt sind, von dem sie zum Teil heute noch zehren. Kapitalistischer geht's wohl kaum. Die Schaffung eines Mieterschutzgesetzes macht noch lange keine Arbeiterfreundlichkeit aus, vielmehr haben die Nazis damit genau das gemacht, was sie auch sonst getan haben, nämlich die Leute geblendet.

Re: Herr Ortner????

na dann lesen sie einmal:

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/nsdap25/

MFG

Gast: Heinrich Hinkel
15.02.2012 11:20
1 0

Parallelen!

Das menschenverachtende an den Nazis war also die Einführung des Mieter- und Kündigungsschutzes, des Kindergeldes, der Krankenversicherung für Rentner oder des Naturschutzes.

Das ist eine Debatte für Debile. Ich fahr jetzt nach Hause - auf der AUTOBAHN!

Gast: asdfasdf
15.02.2012 10:32
0 7

Schlechteste _MEINUNG_ ever...

- Ortner listet ein paar Zitate auf (Steinbach, ALy, Fest, Goebbels)
Eines ist elegant, eines ungelenk, eines Spott und das von Goebbels nicht ganz falsch.
Aha. Und????

- Dann versucht er die SPÖ anzupatzen (das kann nicht schwer sein, bei dem Mist den die bauen.) doch er versagt weil er auf eine Urban-Legend reinfällt. (Schärf Slogan gabs so nicht) -> Peinlich.

- Bleibt noch die Erkenntnis, dass er bei Nazi und bei Attac Kritik and der Hochfinanz (uh dieses Wort, bin ich jetz ein Nazi?) findet.
Was sagt uns das?
Jeder der das Vorgehen von Hedgefons für bedenklich hält ist ein Nazi?

- Zuletzt: Die Geringschätzung des Individuums und seiner Rechte. Und hier wirds komplett lächerlich. Es gibt bei den Linken viel zu viele gut gemeint und schlecht gemacht Verbote, Gesetze usw...
Doch das zu vergleichen wie es die Nazis mit den Bürgerrrechten geahlten haben... Puh - knapp vorbei...

Bravo!

Schon lange keinen so guten Kommentar mehr gelesen. Leider beinhaltet er wohl zu viel Wahrheit, um von unserer Gesellschaft, in der sich die simple Schwarz-Weiß-Ansicht, dass links = gut und rechts = böse durchgesetzt hat, akzeptiert zu werden.

Antworten Gast: asdfasdf
15.02.2012 10:34
0 5

Welche Wahrheit?

Er beinhaltet eine Lüge (Schärf) und viele Zitate.
Was ist nun die Wahrheit? Die Aussage Goebbels?

Antworten Gast: Erhard (Presseleser)
15.02.2012 09:17
0 12

Re: Bravo? Gut ist da gar nichts!

Man merkt, da freut sich der Ungebildete über einen wahrhaft dumpfen Artikel.


Antworten auf beide Posts:

1. asdfasdf
Im österreichischen Dokumentationsarchiv findet sich besagter Schärf-Slogan als "Flüsterpropaganda" im Wahlkampf, was ist also gelogen?
Wahrheit ist, dass die Kernbotschaft dieses Kommentars richtig ist und es viel mehr Parallelen zwischen extrem links und extrem rechts (oder wie man immer es auch bezeichnen mag) gibt, als öffentlich zugegeben wird. Und das sollten sich diejenigen, die mit wehenden Sowjetflaggen gegen den WKR-Ball, schwarze und blaue Politiker, Studiengebühren oder sonstiges demonstrieren gehen, einmal bewusst machen. Ich bezweifle, dass Goebbels oft die Wahrheit gesagt hat, aber diese Aussage ist nicht von der Hand zu weisen.

2. Erhard (Presseleser)
Wie kommen Sie dazu, mich als ungebildet zu bezeichnen? Was kommt als nächstes? Der typische Hinweis darauf, dass nur Analphabeten "rechts" wählen? Zu Ihrer Information, ich habe (unter anderem in Geschichte) maturiert, studiere und arbeite nebenbei. Sind Sie gebildet genug, auch sachliche Argumente vorbringen zu können, oder bleibt es bei Beleidigungen?

Tja mein lieber Journalist...

Sieh Dir lieber mal dies Bild an, bevor...Du nass wirst:
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