Erst kommt das Tanken, und dann kommt die Moral

Von CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Auf halbwegs billiges Benzin zu verzichten fällt den meisten Österreichern offenbar wesentlich schwerer, als elementare Bürgerrechte preiszugeben: Eigenartige Prioritäten werden da sichtbar.

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Weil eine durchschnittliche Tankfüllung eines durchschnittlichen Autos zu Ostern, wie jedes Jahr, um nicht einmal zwei Euro mehr kostet als sonst, hyperventiliert das ganze Land in diesen Tagen derart hysterisch, als würde man einer Horde von übellaunigen Kindern das Ketchup zu ihren Pommes wegnehmen. So ein öffentlich vorgetragenes Gezeter, Geheule und Gejammere war seit dem Begräbnis Kim Jong-ils nicht mehr zu vernehmen.

Ist ja auch wirklich nicht zu verstehen, dass steigende Nachfrage zur Urlaubszeit nicht zu sinkenden Benzinpreisen führt, wie das jeder kalkulieren wird, der in einer normalen öffentlichen österreichischen Schule, wo Marktwirtschaft und Profitstreben gemeinhin als Spielart der organisierten Kriminalität interpretiert werden, seine wirtschaftliche Grundausbildung erfahren durfte.
Die Freiheit, sein Auto nicht zu Marktpreisen, sondern zu als „sozial gerecht“ empfundenen Preisen vollzutanken, gilt hierzulande eben als unveräußerliches Menschenrecht, das der Staat gefälligst zu gewährleisten hat und das in der Realverfassung festgeschrieben ist wie das Menschenrecht auf Frühpension, auf die TV-Übertragung des Villacher Faschings oder auf geschlossene Geschäfte am Sonntag.

Wesentlich apathischer, um nicht zu sagen völlig gleichgültig, reagiert das Land hingegen just zur gleichen Zeit auf die systematische Demontage der Freiheit, vom Staat – im Zuge des neuen Gesetzes über die „Vorratsdatenspeicherung“ von privaten Kommunikationsdaten – nicht unangemessen beschnüffelt, bespitzelt und kontrolliert zu werden. Außer ein paar berufsbedingt habituell paranoiden Kommentatoren, immer besorgten Datenschützern und schrägen Internet-Nerds regte der Umstand, dass die Obrigkeit künftig tiefste Einblicke in das Intimleben ihrer Untertanen nehmen kann, genau niemanden auf.

Es ist eine eigenartige Prioritätensetzung, die da sichtbar wird. Auf billiges Benzin zu verzichten fällt diesem Land offenbar unendlich schwerer, als auf grundlegende Bürgerrechte zu verzichten: Erst kommt das Tanken, und dann kommt die Moral. Sehr erwachsen erscheint das nicht gerade.

Dabei ist die Freiheit von allzu aufdringlicher staatlicher Schnüffelei nicht die einzige Freiheit, die hierzulande in den letzten Jahren systematisch zurückgedrängt worden ist, ohne dass dies zu nennenswerter öffentlicher Empörung geführt hätte. Eigentum zu bilden, eine wesentliche Bedingung von Freiheit, verunmöglicht der staatliche Steuerexzess immer effizienter, was aber kaum noch jemanden sonderlich zu stören scheint.

Die Meinungsfreiheit wiederum wird zunehmend und systematisch bedrängt von schmallippiger politischer Korrektheit und den sie exekutierenden medialen Tugendwächtern, unermüdlich auf der Jagd nach Klimawandelleugnern, Islamskeptikern und anderen höchst gefährlichen Gedankenverbrechern. Und daran, dass in jeder normalen Fußgängerzone heute Kameras vorhanden sind, stoßen sich mittlerweile nicht einmal mehr hartgesottene Querulanten, so üblich ist diese Form der Bürgerüberwachung geworden.

Boulevardblätter, die ja vorzügliche Echokammern für die Emotionen ihrer Leser abgeben, haben jetzt Kampagnen gegen vermeintlichen „Spritwucher“ und „Abzocke“ gestartet. Die bedrängten Bürgerrechte hätten solchen Aktionismus viel eher nötig.

Zum Autor:
Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.


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13 Kommentare
Gast: Gäst
12.04.2012 17:34
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Ein gutes Beispiel lieferte auch ein Österreich-Artikel dazu

Da wurde ein Taxifahrer abgebildet der wütend ca. 150€ zahlen musste für eine Tankfüllung.
Sein Auto war ein Hummertaxi(!), ist ja schon fies mit solchen Benzinschleudern auch noch teuer zahlen zu müssen.

Gast: Gäst
12.04.2012 17:31
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Aber aber Herr Ortner

Das ist ja kein Widerspruch in sich, sehen sie sich doch mal an was die Forderung nach staatlich billigen Benzin ist.
Genau ein Schrei nach Enteignung, der Beschränkung der Freiheit des Handels und nach Entmündigung, weil man nicht mehr weiß wie man 500m zu Fuß geht.
Also passt es doch gut zusammen wie der Rest der Empörungsgründe in Österreich auch, man will wie kleine Kinder vollkommen entmündigt vom Staat an der Hand genommen werden, hauptsache man wird umsorgt.

Gast: echt nur ein gast
10.04.2012 16:32
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schau an

vermutlich der erste ortner-kommentar dem ich inhaltlich vorbehaltlos zustimmen muss.

bis auf die verzichtbare polemik pro profitstreben halt, die macht den kommentar nicht besser, auch wenn ortner das zu gleuben scheint. aber vielleicht kann er auch nur net anders.

Eigenartige Prioritätensetzung

So ist es.

S.g. Hr. Ortner, ich kann jedem Wort Ihres Befundes über die österreichischen Sorgen nur VOLLINHALTICH zustimmen.

Er verdiente noch viel mehr Beachtung, als es über die Presse möglich ist und gehörte vielen Leuten, darunter auch sehr vielen aus Ihrer Zunft, täglich hinter die Ohren geschrieben.

Gast: Statistik Austria
06.04.2012 21:07
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Eigenartige Prioritäten werden da sichtbar.

Wussten sie noch nicht das der durchschnittliche Österreich ziemlich unintelligent ist?

Re: Eigenartige Prioritäten werden da sichtbar.

natürlich greifen auch in Österreich Sarrazins Feststellungen. Der durchschnittliche Österreicher lebt in seiner Bier,Schnitzel und Kronewelt, daher auch Ortners Prioritätenreihung der Empörung.

Ortner hat völlig recht!

Die zwei oder drei Euro, die jene Autofahrer, die nicht schon vor einer Woche für einen vollen Tank gesorgt haben, für ihren Osterausflug mehr bezahlen müssen, sind im Vergleich zu den immer drückender werdenden Steuern, die uns schon die Hälfte allen verdienten Geldes konfiszieren und der Inflation, die die Ersparnisse vernichtet, völlig unbedeutend!
Die ganze Aufregung um die Treibstoffpreise wird vielleicht überhaupt nur deshalb inszeniert, um uns vom Ausgeplündertwerden abzulenken!

Gast: Vogel Strauss
06.04.2012 14:40
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Ansichten eines Städters

Die Mehrheit der Ösis lebt nunmal am Land und dort ist der ÖV bekanntlich miserabel: In Gigritzpatschn gibts weder Bim noch U-Bahn, man ist aufs Auto angewiesen, das ist schlicht und ergreifend die Realität, die die Städter nicht wahrhaben wollen (ausser sie gurken mit ihrem Auto ins Grüne und halten alle auf ...).

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Re: Ansichten eines Städters

Bitte verweisen Sie auf die Stelle im Artikel, wo dem Benzinpreis jeglicher Einfluss auf das Leben der Menschen abgesprochen wird.
Auf der anderen Seite weist ihr Posting natürlich auf eine mögliche Erklärung dafür hin, warum dem Benzinpreis wesentlich mehr öffentliche mediale Aufmerksamkeit zukommt als Dingen wie der Vorratsdatenspeicherung - die Auswirkungen des Benzinpreises bekommen die Leute unmittelbar mit, die der Vorratsdatenspeicherung nicht.

Gast: normadiva
06.04.2012 14:11
1 0

jaja

bin sonst selten seiner Meinung, aber diesmal hat CO völlig recht... aber die Medien zeigen uns oft nichts anderes, ständige Ablenkungs- und Beschwichtigungsmeldungen welcher Art auch immer..wenn in den ORF Journalen als erster Beitrag eine Schi- oder Autorennenmeldung in voller Länge kommt, scheinen sich die Dimensionen auch längst verschoben zu haben!

Gast: Suderant
05.04.2012 23:19
1 3

Priesbarometer

Ähem, vollkommen richtig, dass der Preis durch Angebot und Nachfrage reguliert wird,....

Jetzt erklären Sie mir allerdings, wieso jedes Schrumpfen der Nachfrage (Wirtschaftskrise, Investionsrückgang, geminderte Inflation, konjunktureller Abschwung) so überhaupt keinen Einfluss auf den Preis hatte. Im Gegenteil, die Kurve steigt und steigt trotz gestiegener Fördermengen!

Wieso geht der Preis bei jedem - Verzeihung für die Wortwahl - Rülpser hoch und wenn er eigentlich fallen sollte, sinkt er mit der Fließgeschwindigkeit eines Gletschers?

Nebenbei, VDS ist ein Verbrechen an den Grundrechten!

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Re: Priesbarometer

Da haben Sie aber ein schlechtes Gedächtnis. Während der Krise 2009 rutschte der Ölpreis schlagartig ab, so dass auch bei uns der Tankpreis damals am Tiefstpunkt so um die 80c/l zu liegen kam.
Warum der Preis jetzt (noch) nicht abrutscht, liegt wohl daran, dass die Krise außer teilweise in Europa noch nicht so richtig eingetreten ist.

Gast: Mein Name ist Troll
05.04.2012 20:38
3 0

Zurechtrückung

Lieber Ortner!
Ich möchte Ihre Einleitung etwas umformulieren:
"Weil eine durchschnittliche Tankfüllung eines durchschnittlichen Autos zu Ostern, wie jedes Jahr, um nicht einmal zwei Euro mehr kostet als sonst, hyperventiliert das ganze MedienLand in diesen Tagen derart hysterisch, als würde man einer Horde von übellaunigen Kindern das Ketchup zu ihren Pommes wegnehmen. So ein öffentlich, von den österreichischen Medien, vorgetragenes Gezeter, Geheule und Gejammere war seit dem Begräbnis Kim Jong-ils nicht mehr zu vernehmen."

Das Gejammere hat genau zu dem Zeitpunkt begonnen, als die ersten Medien dieses Thema für die mediale Osterflaute entdeckt haben.
Und:
Ich bin mir sicher, dass ich nicht Ursache und Wirkung verwechsle!
Ihre Tirade, lieber Ortner, richtet sich gegen Ihre Kollegen und Kolleginnen.

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