Kriminelle Roma sind Kriminelle wie alle anderen Kriminellen auch. Und?

Keiner der zahllosen im KZ umgebrachten Roma wird dadurch wieder lebendig, dass Medien allfällige Kriminalität einzelner heutiger Roma-Gruppen mit zugedrückten Augen behandeln.

Ist es irgendwie ungehörig, über kriminelle Aktivitäten einzelner Roma-Clans journalistisch zu berichten, weil die Volksgruppe der Roma zur Zeit des Nationalsozialismus schwerster Verfolgung bis hin zur Vernichtung in den Konzentrationslagern ausgesetzt war und auch nach 1945 in großen Teilen Europas weiterhin erhebliches Unrecht erleiden musste und muss?

Zu diesem – mehr als problematischen – Schluss konnte kommen, wer die teilweise hysterisch hyperventilierenden Kritikexzesse gegen das schweizerische Wochenblatt „Weltwoche“ für deren jüngste Titelgeschichte, „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“, verfolgt.
So durch und durch geschmacklos das Cover illustriert war – ein kleiner Roma zielt mit einem Spielzeugrevolver auf den Betrachter –, so unangemessen und übertrieben war die Kritik daran.

Die Schweizer Schriftstellerin Sybille Berg verglich die „Weltwoche“ mit dem Nazi-„Stürmer“ (und exkulpiert diesen damit völlig). In den Internetforen seriöser Tageszeitungen brach ein „shitstorm“ übelster Art los („Drecksnazi“ war da noch einer der höflicheren Vorwürfe gegen den Chefredakteur). Und dem Wiener Restaurantkritiker Klaus Kamolz schließlich blieb offenbar vor Schreck das Wachtelei im Halse stecken, sodass er unverzüglich Strafanzeige wegen „Verhetzung“ gegen das Blatt erstatten musste.

Hätte die „Weltwoche“ die unverzügliche Errichtung einer Nazi-Diktatur gefordert, der österliche „antifaschistische Karneval“ (Rudolf Burger) hätte nicht heftiger toben können.

Interessanterweise versagte der antifaschistische Widerstand gegen Verhetzung und Rassismus jedoch völlig, als etwa das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (und andere seriöse Medien) in der jüngeren Vergangenheit über „Arabische Großfamilien“ und „Kriminelle Clans“ berichteten: „Mafiöse Ausländerclans mit tausenden Mitgliedern haben sich unter Ausnutzung rechtlicher Schlupflöcher, sozialer Leistungen und internationaler Kontakte zu dominierenden Größen der organisierten Kriminalität entwickelt.“

So ist es. Was daran jedoch weniger „verhetzend“ ist als die Titelzeile der „Weltwoche“, erschließt sich nicht wirklich.

Aber auch regelmäßige Berichte über die ambitionierten kriminellen Aktivitäten von süditalienischen Clans, etwa der 'Ndrangheta, sind bisher von den Tugendwächtern des juste Milieu regelmäßig anstandslos durchgewunken worden, obwohl es auch da um kriminelle Großfamilien – Clans und deren Geschäftsmodelle geht.
Der in diesem Zusammenhang einzige historische Unterschied zwischen kriminellen Clans aus dem Roma-Milieu, aus der arabischen Welt und aus Süditalien ist: erstere sind Opfer des Nationalsozialismus, die anderen beiden hingegen nicht.

Daraus den Schluss zu ziehen, die Berichterstattung über kriminelle Roma habe gleichsam mit im Zweifel zugedrückten Augen zu erfolgen, mag aus dem naiven Bedürfnis der Nachgeboren zu verstehen sein, die Verbrechen ihrer Vorderen auf diese Weise gutzumachen. Nur wird halt leider kein im KZ umgebrachter Rom dadurch wieder lebendig, dass die allfällige Kriminalität heutiger Roma dezent übergangen wird.




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