18.05.2013 18:23 Merkliste 0

Europameister Polen: Das neoliberale Wirtschaftswunderland an der Weichsel

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Der polnische Boom zeigt eindrucksvoll: Wohlstand entsteht nicht durch wilde Schuldenexzesse und rotierende Banknotenpressen, sondern durch solide Finanzen und unternehmerischen Spirit.

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Wer Europameister ist, steht bereits fest, noch bevor heute das erste Match der EM 2012 auch nur begonnen hat: Es ist die Republik Polen. Zwar (vorerst) nicht in der Disziplin Fußball, aber dafür in der Wirtschaft, was ja auch nicht ganz unwichtig ist; zumal in Zeiten, da ganz Europa von einem gewaltigen ökonomischen Kollaps bedroht ist.

In den Krisenjahren zwischen 2007 und 2011 wuchs die polnische Volkswirtschaft um beachtliche 15 Prozent, auch heuer wird das Land mit knapp drei Prozent Wachstum wohl Nummer eins in der EU sein. „Polen ist so gut durch die Finanzkrise gekommen wie kein anderes Land der EU,“ urteilte erst jüngst beeindruckt der Hamburger „Spiegel“.

Dementsprechend munter wächst der Wohlstand der Polen: Betrug er (pro Kopf) nach der Wende bloß ein Drittel jenes der Deutschen, liegt er heute bereits bei 50 Prozent – und dürfte in 15 Jahren auf dem (besonders hohen) Niveau Deutschlands liegen.Wer diese Entwicklung unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Kommunismus prognostiziert hätte, wäre wohl in der Klapsmühle gelandet.

Bemerkenswert daran ist, dass Polen im Großen und Ganzen und mit bemerkenswertem Erfolg jene wirtschaftlichen Rezepte angewandt hat, vor denen jetzt spätkeynesianische und linke Ökonomen von Paul Krugmann bis Stephan Schulmeister inbrünstig warnen. Bereits 1997 hat sich das Land eine Staatsschulden-Bremse verpasst, was einen Boom auf Pump verhinderte. Dafür liegt Warschau mit einer Staatsverschuldung von 56 Prozent im Vergleich zu Österreich oder auch Deutschland solide im grünen Bereich, ohne dass sich das Land „kaputtgespart“ hätte, wie das im Idiom der Schuldenversteher heißt.

Statt sich massiv in Schulden zu stürzen oder wie wild Zlotys zu drucken, hat Polen schlau auf eine Politik der Privatisierung, der Liberalisierung und der Deregulierung gesetzt: Ein Unternehmen kann man dort mittlerweile ohne jeden Papierkram online im Internet gründen; die Regierungspartei von Premier Donald Tusk schikaniert die Unternehmer nicht mit regulatorischem Unfug, sondern schafft ein wirtschaftsfreundliches Klima, in dem Unternehmen gedeihen.

Was sich für empfindsame, sozialdemokratisch geeichte österreichische Ohren wie eine kalte und menschenverachtende neoliberale Kur anhört, hatte freilich unter anderem zur Folge, dass die Arbeitslosigkeit seit 2004 von damals 20 auf jetzt unter acht Prozent abgesunken ist, während sie in den stark schuldenaffinen Ländern wie Griechenland geradezu explodiert ist.

Der Fall Polen zeigt aber nicht nur, wie grundsätzlich nachhaltiges Wachstum ganz ohne Kreditexzess und rotierende Banknotenpressen generiert werden kann. Das Wirtschaftswunder an der Weichsel kann gerade für Griechenland eine interessante Fallstudie dafür sein, wie ein ökonomischer „failed state“ wieder genesen kann: nicht durch neue Schulden, sondern durch ein wachstumsbeschleunigendes Ambiente für Unternehmen und Unternehmer.

Dabei hatte Polen 1990 einen ungleich widrigeren Neustart als Griechenland heute: War Polen damals vollständig pleite, kann Griechenland heute auf hunderten Milliarden europäischer Transferzahlungen und weiteren solidarischen Hilfen aufbauen. Warum den Griechen unter diesen Bedingungen nicht gelingen soll, was Polen schaffte, erschließt sich nicht wirklich.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)

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22 Kommentare
Gast: luzifer
11.06.2012 13:08
1 0

Und warum dieser Erfolg?

Polen muß halt weder die Kosten einer Wiedervereinigung noch einer "Querfinanzierung" einer Menge südeuropäischer "Beiwagerl" tragen!

Der EURO war - wie sich aus dem Artikel ableiten läßt - nicht das "Erfolgsgeheimnis"!

Das sollte man auch klar und deutlich dazu sagen!

Gast: Ingolf Lodz
10.06.2012 22:25
1 0

13,3% Arbeitslosigkeit

Die offizielle Arbeitslosigkeit beträgt aktuell in Polen 13,3% . Etwa 2Millionen junge Polen haben seit 2004 das Land verlassen. Die Staatsverschuldung ist seit Tusks Regierungsantritt um mehr als 350Milliarden PLN gestiegen. Trotz 9Milliarden Euro jährlicher Nettozahlungen der EU. Jede 4 Baufirma hat nach der EM2012 keine Überlebenschance, da die Infrastrukturmassnahmen rigoros aus Geldmangel eingestellt werden. Immobilienpreise sind nach offiziellen Angaben um 20% gesunken (seit 2008) Ich tippe eher auf -50%.
Also ganz so rosig sieht es auch in Polen nicht aus.
Ingolf aus Lodz Polen

Gast: Quacksi
10.06.2012 08:25
2 0

Der Glaube macht's . . .

Das BIP pro Kopf Polens beträgt ein Drittel des Deutschen und liegt auf der Höhe Russlands, noch hinter Kroatien, Tschechien oder Ungarn.
Die vom Westen nach Polen ausgelagerte Industrie wird in einigen Jahren in billigere Länder weiterziehen. Erst dann wird sich zeigen, ob es eine zukunftsfähige Industrie in Polen gibt, oder es gar "in 15 Jahren" auf dem Niveau Deutschlands liegt. Hat man über Spanien übrigens auch gesagt.

Re: Der Glaube macht's . . .

BIP D: 43.000, BIP POL 20.000 USD. = Ein Drittel???

Gast: Polenbeobachter
09.06.2012 13:33
9 1

Einziges Land, das mit den Kommunisten aufgeraeumt hat

Und das ordentlich katholisch ist. In Polen gibt es mittlerweile deutlich weniger Kommunisten als selbst in den Westeuropaeischen Laendern.

Antworten Gast: Österreicher
11.06.2012 13:12
0 0

Re: Einziges Land, das mit den Kommunisten aufgeraeumt hat

Der Glaube hat aber vor ein od. zwei Generationen die Polen nicht gehindert, die früheren Bewohner von Westpolen brutal aus dem Land zu vertreiben ...
Und da hört man nix von Wiedergutmachung und Bezahlung von Zwangsarbeit in den geraubten polnischen Betrieben ...

Gast: machmuss verschiebnix
09.06.2012 12:59
7 1

..und ein weiterer Bewei für die kranke Logik des Sozialismus:


1) wo der Staat nicht für optimale Rahmenbedingungen sorgt, sondern alles und jedes kontrollieren/regulieren will.

2) wo die Bürger daran gewöhnt, dafür erzogen sind, zu sitzen und darauf zu warten, daß der Staat alles richtet.


1 4

Das neoliberale Wirtschaftswunderland an der Weichsel

Mit solchen Superlativen sollte gerade ein seriöser Journalist vorsichtig umgehen. Vor einigen Jahren war noch Irland das Wirtschaftswunderland

ich bin zwar ein gratisblitzer

(warum ich mein abo gekündigt habe und nicht vorhabe, es zu erneuern, habe ich an anderer stelle schon mal erläutert), aber selbst so tut es mir leid um euer geld, das ihr für kommentare wie obigen ausgebt.
das läuft vermutlich unter dem titel "hilflosenzuschuss" !

aber von ortners seite gesehen, ist das ganze irgendwie genial: ohne sich näher zu informieren oder gar zu recherchieren, in kürzester zeit ein blatt mit ideologischen versatzstücken vollgerotzt und wieder mal das nötige geld für die kommende woche verdient... (naja 'verdient'? geschnorrt wäre wohl angebrachter!)

Gast: gäst
09.06.2012 00:25
6 3

Glaubt

Ortner eigentlich was er da schreibt?
Von Wohlstand ist für die allermeisten keine Rede - das Lohnniveau ist immer noch "bescheiden", die Preise aber genauso hoch wie hier.
Dass der Staat nicht verschuldet wäre, stimmt nur auf den ersten Blick. Spanien zeigt vor, wie schnell private zu staatlichen Schulden werden (wir werden dass in Österreich im übrigen vermutlich auch in Zukunft erleben, wenn die offenbar populärer werdende Idee der Studienkredite Wirklichkeit wird). Und gebaut wird viel in Polen. Leisten kann sichs aber kaum wer. Gut möglich dass der Eigenmittelanteil höher ist als in Spanien, früher oder später ist es trotzdem vorbei und es müssen wieder mal die Banken gerettet werden.
Und der letzte Satz ist wohl die Höhe der Naivität. Größerer Binnenmarkt, Nähe zu anderen Binnenmärkten, größerers Arbeitskraftpotential als in Griechenland, viel früher Industrialisiert als Griechenland, dessen industrielle Entwicklung durch einen König und anschließender Militärdiktatur gehemmt wurde (daher dafür notwendige Infrastruktur und Qualifikationen am Arbeitsmarkt).
Abgesehen davon sind abermillionen Polen ausgewandert und überweisen Geld nach Polen.
Ich würde sagen, niemanden kann sich erschließen, wie man beide Länder vergleichen kann.
Ich finde es ja nett, wenn argumentativ gegen den Keynesianismus vorgegangen wird, das ist ja eine spannende Debatte. Aber das Niveau auf das sich die österreichische Presse hierbei begibt ist immer wieder erschreckend.

Gast: Nachforscherin
08.06.2012 21:33
3 3

Die andere Seite der Medaille Wirtschaftswachstum:

Neoliberale Erfolge näher betrachtet:
Atomkraftwersbauten beschlossen .Atommüll-Entsorgung ungeklärt.Standorte wetrden bekämpft.
Umweltverschmutzender Schiefergasabbau beschlossen.
Große soziale Spannungen u.a. wegen Spardruck und beabsichtigter Rente mit 67.
Steuererhöhungen und Rentenkürzungen geplant.
Polen ein begnadeter Geldspritzen-Empfänger aus Brüssel. Seit 2004 rd.38 Mrd. €. 2014 bis 2020 weitere 70 Mrd. vorgesehen.
Haushaltsdefizit ca. 8 % ( Maastricht verlangt 3 % ).
2 Millionen Polen leben allein in GB und Irland.Die haben seit 2004 rd. 30 Mrd. € in die Heimat überwiesen. Das hilft insgesamt der geschönten Arbeitslosenstatistik von rd. 11 %.


Gast: Smok Wawelski
08.06.2012 14:23
3 0

Ganz so wunderbar ist es hier nicht...

Wenn Sie schreiben:

"Statt sich massiv in Schulden zu stürzen oder wie wild Zlotys zu drucken, hat Polen schlau auf eine Politik der Privatisierung, der Liberalisierung und der Deregulierung gesetzt: Ein Unternehmen kann man dort mittlerweile ohne jeden Papierkram online im Internet gründen; die Regierungspartei von Premier Donald Tusk schikaniert die Unternehmer nicht mit regulatorischem Unfug, sondern schafft ein wirtschaftsfreundliches Klima, in dem Unternehmen gedeihen."

- dann ist das zu positiv gesehen. Die Bureaukratie in Polen ist nach wie vor ein Moloch; das Maß an Korruption ist besorgniserregend; die Steuerlast ist grotesk hoch (auch durch Phantasie-Akzisen auf alles mögliche, aus der EU(!) eingeführte PKW bspw.); der polnische Sozialstaat kaum minder pervers als sein deutsches oder österreichisches Gegenstück.

Das Wunderbare ist, daß die Polen es _trotzdem_ schaffen, Wohlstand zu generieren. Die größtenteils intakte Familienstruktur trägt dazu bei (vgl. Theodore Dalrymple über den Zusammenbruch der Familie in GB).
Wenig bekannt ist, daß viele Polen zwei Jobs haben; einen für den Steuer- und Sozialmoloch, einen weiteren mit günstiger Versteuerung (umowa zlecenie, umowa o dzielo), um Geld zu verdienen. Wie dem auch sei, 45-50 Stunden die Woche sind keine Seltenheit.

Das Traurige besteht darin, sich zu überlegen, _wie_ gut es den Polen gehen könnten, wenn sie ihr Land so "neoliberal" organisiert hätten, wie Sie meinen.

Antworten Gast: rotewolke
09.06.2012 15:25
0 0

Re: Ganz so wunderbar ist es hier nicht...

@Theodore Dalrymple über den Zusammenbruch der Familie in GB

http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13045816/Proletarische-Hochzeit.html

1 2

Nach linker Leseart sind die Wirtschaftsdaten von Polen erstunken und erlogen!


Weder der "washington consensus" noch Karl MARX haben die Wahrheit !!


Sie heisst schlicht u. ergreifend: Arbeite sauber u. nachhaltig, blähe den Staatsapparat u. Sozialstaat nicht unnötig auf u. mach keine Schulden.

Doch nach 40 Jahren ANTI-keynesianischer Politik in Österreich glauben wir jetzt an SCHULDEN & UMVERTEILUNG & FRÜHPENSION & IRRE AUFGEBLÄHTE (sündteure) MEHRFACHVERWALTUNG !!!

Gast: Gast: Leser
08.06.2012 11:41
2 1

Rettungsschirm

Der Vollstaendigkeit halber sollte allerdings noch erwaehnt werden, dass Polen ja nicht in der Euro-Zone ist und daher auch keine Milliarden fuer verschiedene Rettungsschirme aufwenden musste.
Weiters waere auch noch hinzuzufuegen, dass die Durchschnittseinkommen in Polen nach wie vor etwa 40% der hiesigen ausmachen, die Preise aber fast durchwegs "westliches" Niveau erreicht haben, was weite Teile der Bevoelkrung in Armut gestuerzt hat.

spiritist ortner beschwört die marktwirtschaftlichen geister!


oh heiliger, freier, unregulierter, unbeschränkter MARKT, erhöre uns! erlöse uns von unserern krisen! wir schwören ab dem teuflischen sozialstaat, der staatlichen kranken- unfall, alters- und arbeitslosenversicherung, dem progressiven steuersystem, der notenpresse...und der steuerfahnung! wir sind deine untertänigsten diener, wir liegen im staub vor dir, und wollen nur noch auf deinen propheten ORTNER hören, der als dynamischer journalist, mit einem ausstoß von zwei artikelchen/woche ganz genau weiß, wovon er spricht, wenn er den unternehmerischen geist beschwört!

hilf uns aus unserer not, zerschmettere die etatisten/sozialisten/keynesianer/intervenierer/notendrucker! lass uns zu deiner rechten sitzen und errichte dein marktwirtschaftiches reich JETZT! wir harren deiner! AMEN!


Antworten Gast: Schamott
08.06.2012 19:06
1 2

Re: spiritist ortner beschwört die marktwirtschaftlichen geister!

SEHR gut, thx!

Antworten Gast: Alvy Singer
08.06.2012 12:50
8 3

Re: spiritist ortner beschwört die marktwirtschaftlichen geister!

Bei all Ihrem pseudoprosaischen Geschwafel, haben Sie auch nur auf ein einziges Argument vergessen - dumm auch! CHARLY DU SCHWÄTZER!

Re: Re: spiritist ortner beschwört die marktwirtschaftlichen geister!


wozu argumente, wenn ortner auch keine hat? den echten MARKTGLÄUBIGEN erkennt man eben daran, dass er sowas sozialistisches wie ein argument nicht nötig hat. wozu begründen, wenn bei st. hayek eh schon GESCHRIEBEN steht? damit hat sich die diskussion und wir können dazu übergehen die WAHRE LEHRE zu verbreiten, so wie o. das vorbildlich tut.

sie sind wohl auch so ein von der links-linken medialen übermacht und von etatistischen zuwendungen benebelter, sonst würden sie einfach mehr GLAUBEN und weniger nörgeln.

Gast: Vorteil
08.06.2012 06:47
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Recht

haben Sie ja - wie immer, Herr Ortner.
Aber ob die Leute es auch glauben?
Wahrscheinlich erst dann, wenn das letzte Hemd auch noch weg ist.

den verstockten ungläubigen ist mit ortner-"vernunft" nicht beizukommen...


...bei diesen links-linken zweiflern, diesen menschen, die den alleinseligmachenden MARKT nicht loben und preisen sind vielleicht härtere bandagen nötig, wie weiland in chile.

alles zu seiner zeit. wer nicht hören will, muss fühlen, sagt der MARKT.


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