25.05.2012 21:44 | Meine Presse Merkliste 0

Der Fünfjahresplan

ERNA LACKNER (Die Presse)

Warum nicht gleich ewige Koalition? Das sogenannte Demokratiepaket wurde billig geschnürt.

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Die Regierung nennt das Wählen ab 16, die Briefwahl und die Verlängerung der Legislaturperiode auf fünf Jahre euphemistisch „Demokratiepaket“. Geschenkt. Zu einer wirklichen Demokratiereform gehörten taugliche Kontrollrechte für parlamentarische Oppositionsparteien (auch das war ein SPÖ-Versprechen!), der Ausbau der Kontrollmöglichkeiten durch Rechnungshof und Volksanwälte, sowie ein Parteiengesetz, das die Offenlegung von Spenden vorschreibt.

Die kommentarlos verkündete Verlängerung der Regierungszeit auf ein halbes Jahrzehnt bedeutet im Gegenteil: weniger Demokratie. Warum nicht gleich ewige Koalition?! Der kurzerhand zwischen SPÖ und ÖVP abgemachte „Fünfjahresplan“ bedient die Interessen der Politiker, aber nicht die der politisch interessierten Bürger. Oder ist das sogenannte Demokratiepaket gar die zynische Antwort auf die steigende Zahl der Nichtwähler?

Fünf Jahre wollen Regierende künftig die Macht behalten können, wenn alles läuft. Wenn es nicht läuft, provozieren sie ohnehin Neuwahlen. Mit dem Fünfjahresplan formiert sich rote und schwarze Nomenklatura wieder zur abgehobenen Klasse, die sich's richtet, wie sie's braucht. Um drei Jahre zu arbeiten, braucht sie fünf Jahre. Zuerst dauert es, bis sie in die Gänge kommt. Zuletzt dauert es, bis die Wähler eingeseift sind.

Unser aller Leben ist schneller, kurzlebiger, fahriger, vergesslicher geworden. Österreichs politische Klasse will das geschickt für sich nützen und setzt auf Zeit: Mit einem fünften Regierungsjahr ist die Chance noch größer, dass Bürger vergessen, was war.

Die verlängerte Regierungszeit ist überdies eine Absage an einen schlanken, bürgernahen Staat, in dem Wahlen etwas beiläufiger ablaufen sollten – und nicht von pompös inszenierten Wahlschlachten à la USA begleitet werden müssten, weil es doch bitte nicht um die österreichische Weltmacht geht, sondern nur um etwas vernünftige Politik in einem kleinen EU-Land. In 20 von 27 Ländern der EU wird alle vier Jahre gewählt. Aber unsere Regierung feiert die imperiale Ausweitung ihrer Zeitzone als demokratische Errungenschaft.

Mit der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre ist Österreich europaweit überhaupt allein. Der Vizekanzler nannte es eine Notwendigkeit, in der alternden Gesellschaft einen Schritt auf die Jugend zuzugehen. „Hatte diese darum gebeten?“ (lautete die knappe Frage in der F.A.Z.). Nicht wirklich, bestätigt nun auch eine Umfrage.

Die Jungwähler werden sich schon schön bedanken. Gerade junge Menschen haben oft ein gutes Gespür, welche politische Klasse sich da vor ihnen aufstellt. Nicht nur eine „Herausforderung an das Schulsystem“ wird die nötige „politische Bildung“ sein, wie der Bundeskanzler sprach. Vielmehr wird es eine Herausforderung an die politische Bildung unserer Politiker sein. Mit den diesbezüglich nötigen Nachhilfestunden könnte der Kanzler gleich bei sich selbst und seinem Regierungsteam anfangen, das dieses Demokratiepackerl ausgeschnapst hat.

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2007)

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7 Kommentare
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Wer nahm davon überhaupt Notiz?

Ich bin zwar kein Verfassungsrechtler, aber irgendwie kommt es mir schon seltsam vor, daß ein derart gravierender Eingriff in die tradiierte Praxis, alle vier Jahre wählen zu lassen, so sang- und klanglos über die Bühne ging. Nur allein deshalb, weil sich die NR-Parteien "rasch einig" wurden. Normalerweise müßte doch wenigstens die Opposition aufheulen, daß ihr auf diese Weise erst ein Jahr später die Möglichkeit geboten wird, politisch etwas zu ändern! Und wo bleibt der eigentliche "Souverän", das Volk, von dem zumindest auf dem Papier "die Macht im Staate ausgeht"? Hat dieses gar nix mehr zu sagen? Und was müssen sich erst die umbuhlten "Neuwähler mit 16" denken, daß sie bloß als Staffage dafür dienen, den prozentuellen Anteil jener, die zur Urne schreiten, zu heben? Auf ihre Meinung ist eh niemand wirklich scharf! In der ZiB wurde die Verlängerung der Legislaturperiode unter "was heute noch geschah..." abgewickelt. Und dementsprechend blieb sie auch ohne merkbare Resonanz...

Antworten Ernst Heim
13.05.2007 20:37
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Re: Wer nahm davon überhaupt Notiz?

@ Helmut Magnana,

du brauchst kein Verfassungsrechtler zu sein um zu erkennen, dass unsere Bundesverfassung mit unzähligen Nebensächlichkeiten überladen ist. Die Hauptsache, dass der eigentliche Souverän etwas zu sagen hat, tendiert gegen Null.

ernst.heim@vol.at

Antworten Ernst Heim
13.05.2007 09:15
0 0

Re: Wer nahm davon überhaupt Notiz?

@ Helmut Magnagna,

du brauchst kein Verfassungsrechler zu sein um zu erkennen, dass unsere Bundesverfassung mit unzähligen Nebensächlichkeiten uberladen ist. Die Hauptsache, dass der eigentliche Souverän etwas zu sagen hat, tendiert gegen Null.

Gast: Gast : 873
30.04.2007 10:59
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Eine seriöse Redaktion ...

Eine seriöse Redaktion ist übrigens daran zu erkennen, dass sie seriös darüber aufklärt, woran eine seriöse Redaktion zu erkennen ist - emanzipierte Menschen wissen zum Glück, dass sie dies am besten dadurch ermitteln, dass sie die Aufklärung der verschiedenen Medien verschiedener Länder miteinander vergleichen ... hier weiß es bestensfalls die Redaktion selbst, oder wird ein Postings wie dieses freigeschaltet, wenn etwa betrachtet wird wie hemmungslos sich in der Bildungsdebatte der (einhellige?) Wunsch des Landes zeigt, dass junge Menschen alles lernen sollen, nur nicht, sich zu emanzpieren, sich gegen eine unanständige Umgebung angemessen udn effizient zu wehren, wenn sie in einem Land leben, in dem sie nur die Wahl haben, entweder ein anständiges oder ein bequemes Leben zu führen - oder es zu verlassen, um jenes Umfeld zu suchen, wo Leistung auch erwünscht ist und nicht nur das (verlogene?) Bekenntnis dazu ...

Gast: Gast : 873
30.04.2007 10:47
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Kein Kommentar? Kein Wunder ...

Kein Kommentar bei diesem Lackner-Beitrag?

Kein Wunder: wenn es den Bürgerlichen nicht passt, was hier steht, dann wird ohnehin alles einfach weggekippt - und keiner will etwas davon gemerkt haben ... das Wegschauen, das haben die Österreicher nie verlernt ... das ist es wohl, was die Schulen in Österreich den Kindern vor allem beibringen sollen .. dieses Wegschauen, so wie damals, als etwa die Juden weggebracht worden sind, und auch keiner was gesehen haben wollte. ... ähnlich könnte auch die Meinungsfreiheit völlig wegeschafft werden - würde jemand protestieren? Nicht, solange es dabei darum geht, die eigenen Fehler, die Fehler des eigenen Landes zu vertuschen, sich einzureden, dass man besser fahren werde, wenn man bloß davonrennt anstatt zu seinen Fehlern steht ... kein Wunder, dass Österreich nun in einer "Bildungsdebatte" versinkt, die an Peinlichkeit nur mehr von der eigenen Fortsetzung übertroffen wird ...

Wer Fehler macht, sollte sie in Ordnung bringen. Punkt.

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Re: Kein Kommentar? Kein Wunder ...

Die Regierung dreht¿s und wendet¿s halt immer so, wie sie es gerade braucht: Bei der sang- und klanglos durch gezogenen Verlängerung der Legislaturperiode auf 5 Jahre erklärt sie uns das so: "Viele andere Länder haben auch eine so lange Regiierungszeit!" und obendrein kann man in 5 Jahren "mehr gestalten als in 4". Daß am Beginn viel Zeit mit der Suche nach einem passenden Koalitionspartner bzw. der Aufteilung von Ministerien verplempert wird und das letzte Jahr praktisch nur noch wahlkämpfend verbracht wird, statt ans Land zu denken, wird in diesem Konnex gern verschwiegen. Mit dem Stimmrecht für 16jährige betritt man aber global gesehen dafür mehr oder weniger Neuland. Nur Kuba, Nicaragua, Nordvietnam, Indonesien und Brasilien haben ebenfalls diese Regelung. Und ob dort von Seiten der Regierung allein deshalb auf die speziellen Belange der jungendlichen Wähler Rücksicht genommen wird, das wage ich denn doch sehr zu bezweifeln!

Antworten Antworten Gast: Gast : 873
10.05.2007 09:59
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Re: Danke für die Antwort

Hallo,
danke für die Antwort; inhaltliche Diskussionen erübrigen sich derzeit in diesem Forum leider völlig.

Daher nur der Hinweise auf zwei andere Beiträge zum selben Thema: Erna Lackner hat auch den Folgebeitrag diesen Montag dem Thema Verlängerung der Legislaturperiode gewidmet ("Das Schweigen der Schafe").

Und im "Standard" schrieb am Dienstag Hans Rauscher auch einen Kommentar (zu finden unter derStandard.at/meinung unter Rauscher: "Die Wachhunde schliefen") dazu, wo er - in der Tradition öst. Journalismus - das eigene Versagen bejammerte, aber keine Zeichen setzte, um diesem Versagen endlich ein Ende zu machen. ... Wenig Hoffnung auf Vernunft also in diesem Land.

Noch weniger Hoffnung besteht aber darauf, dass Österreich für das unvernünftige Verhalten vieler Funktionsträger heute nicht die gerechte Strafe bekommen wird ... aber dann ist's halt wieder die "Wir sind Opfer"-Rhetorik, die durchs ganze Land schallen wird. Zeichen von Einsicht? Keine Spur.

lg Gast : 873

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