25.05.2012 21:49 | Meine Presse Merkliste 0

Die Narkoseärzte der EU

ERNA LACKNER (Die Presse)

Warum eine Abstimmung über den Reformvertrag dennoch ein Blödsinn wäre.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die volkstümliche Forderung, alle Europäer sollten über den Reformvertrag abstimmen dürfen, ist mindestens so unlauter und unaufrichtig wie der leblose Schönsprech vieler EU-Politiker, dessen erste Maxime das Ausweichen ist. Die haben es aber auch wirklich nicht einfach. Was immer sie sagen, es ist verkehrt. Freuen sie sich zum Beispiel offen darüber, wie Außenministerin Ursula Plassnik im Juni, dass der Reformvertrag ohnehin „95 Prozent“ der ursprünglichen (in Frankreich und Holland abgelehnten) Verfassung enthalte, wird ihnen vorgehalten, sie respektierten die europäischen Völker nicht, die einen Superstaat Europa ablehnen. Stapeln die lieben Europapolitiker hingegen tief und verkaufen den Vertrag von Lissabon der Öffentlichkeit wiederum locker und lässig als eine „moderne Gebrauchsanleitung“, wie Ursula Plassnik im Oktober, dann stimmt das natürlich auch nicht, weil es dessen große Bedeutung und strukturelle Veränderungen herunterspielt.

Dass Politiker über ihre Arbeit nicht besser sprechen können und wollen, ist gerade auch für die EU ein schweres Manko. Der französische Wissenschaftler Guy Hermet sieht die technokratische und verschleiernde Wortwahl in der EU sogar als Bedrohung der Demokratie: „Wenn man mit Worten Verwirrung erzeugt, sorgt man für Desinformation und unterminiert den kritischen Geist“. Er sei pro-europäisch eingestellt, aber oft entsetzt von dem Vokabular der EU-Institutionen, sagt er in einem „Le Monde“-Interview. „Es handelt sich um eine anästhetisierende Wortwahl, die Probleme entpolitisiert und Konflikte der Gegenwart maskiert“ – die Konsequenz sei eine Verarmung des Denkens. Nun aber beruhe die Demokratie auf der Fähigkeit der Menschen, eine Wahl zu treffen, und um das zu können, müssten sie klar sehen.

Der Wunsch nach einer Abstimmung über den Reformvertrag ist dennoch ein Blödsinn. Bitte, worüber denn sollte da abgestimmt werden? Und vor allem, wie!? Über alle Punkte einzeln (Ratspräsident für zweieinhalb Jahre, doppelte Mehrheit, Bürgerbegehren, und und und), oder im Multiple-choice-Verfahren wie in der Millionenshow – oder doch pauschal? Was nur darauf hinausliefe, den Reformvertrag abzulehnen. Wer das will, soll gleich sagen, dass er die EU ablehnt. Und für die EU-Gegner wird der Reformvertrag ohnehin eine leichte Abhilfe schaffen: Mit einer Bestimmung zum freiwilligen Austritt gibt es erstmals die Möglichkeit, dass ein Mitgliedstaat die EU problemlos verlassen kann. So einfach wird das.

Was möchte der österreichische Herr Cato wirklich sagen, wenn Österreich nicht mehr in der EU wäre? Möchte er das seinen Kindern und Enkelkindern wirklich wünschen? Splendid isolation Kronenzeitungsland? Eine Volksabstimmung über die Verlängerung der Legislaturperiode, ob das österreichische Volk künftig wirklich nur alle fünf Jahre wählen will, wäre der Demokratie förderlicher gewesen als die Forderung nach einer unsinnigen EU-Abstimmung. Und die breite Mehrheit der Österreicher würde, tatsächlich vor die Wahl gestellt, sicher nicht aus der EU austreten wollen. Schon eher aus der heimatlichen Politik.

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

11 Kommentare
Wolfgang22
13.11.2007 23:26
0 0

und trotzdem

so was dummes hab ich auch noch selten gelesen. Es ist das Recht des Volkes, eine Volksabstimmung worüber auch immer einzufordern, und genau das tun wir jetzt. Und es ist auch in Ordnung, daß wir das national tun, ob es Fr. Lackner passt, oder nicht, denn auf das Recht Österreichs, Entscheidungen, die diametral zu seinen Interessen verlaufen,
mit einem Veto zu blockieren, kann auch nur Österreich verzichten.

Nicht jeder, der gegen die EU-Verfassung ist, ist gegen Europa und will sofort aus der EU austreten. Die größte Gefahr für die europäische Idee sind die Befürworter dieses Vertrages, die andersdenkende diffamieren, mit schwachsinnigen Bauchweh-Argumenten jede Diskussion verweigern, über die Menschen drüberfahren und so den wahren Charakter der EU bloßlegen.


0 0

Ich bin froh,...

wenn die Völker nicht befragt werden. Diese würden sich bei dem umständlichen Vertrag ohnehin nicht auskennen und irgendwie abstimmen. Ein reines Lotteriespiel, das dem nutzt, dem es besser gelingt, Emotionen zu manipulieren. Wenn dieser Vertrag besser sein soll als Nizza, den die Politiker unterschrieben haben, dann sollten sie auch die "Verbesserung" verantworten. Beide sind ohnehin Entmündigungsverträge, so ist es mir lieber, die Bürger stimmen dem in ihrem Unwissen auch nicht noch selbst zu. Dann kann man später den Schwarzen Peter leichter den Politikern zuschieben bzw. können sie dann nicht sagen, "ihr habt es ja so gewollt". Wenn Guy Hermet meint „Wenn man mit Worten Verwirrung erzeugt, sorgt man für Desinformation und unterminiert den kritischen Geist“, dann kann ich ihm nur recht geben, um gleich hinzuzufügen, dass ja gerade das beabsichtigt ist: das Entmündigende in viel Zuckerwatte verpacken, damit es nur keiner merkt, und auf die paar, die es merken, hört eh niemand.

Antworten Gast: Barbara S.
13.11.2007 01:03
0 0

Mehr als oberflächlichste Argumentation

Demnach hätte es im Jahre 1994 auch keine Volksabstimmung über den EU-Beitritt geben dürfen.

Wenn Ihnen persönlich die Thematik zu umständlich ist und glauben, sich nicht auszukennen, so wird Sie niemand dazu zwingen, an einem EU-Verfassungsreferendum teilzunehmen.


Gast: Austriacus
12.11.2007 14:54
0 0

Abstimmen? Abstimmen!

Der "Reformvertrag" ist de facto eine EU-Verfassung oder zumindest der Ansatz dazu.
Dass eine Verfassung von den Regierenden, die noch dazu wie der Rat und die Kommission nur eine rudimentäre demokratische Legitimation besitzen, beschlossen wird, ist ein Unding.
Sinnvoller und wohl auch von den meisten EU-Bürgern akzeptiert wäre es wohl, wenn das EU-Parlament eine Verfassungsgebende Versammlung einsetzen und den resultierenden Verfassungsentwurf einer europaweiten Volksabstimmung unterziehen würde.
Im übrigen gab es da (vor langer, langer Zeit) so einen griechischen Politiker namens Perikles, der gemeint hat, es könnten zwar nicht alle Bürger ein politisches Konzept entwerfen, seien aber sehr wohl dazu fähig, ein solches zu beurteilen.
Dass die herrschende Kaste der derzeitigen EU-Politiker diese Meinung nicht teilt, ist bekannt - das aber ist eigentlich das schlagende Argument f ü r eine Volksabstimmung!

dresak
12.11.2007 09:54
0 0

Absurd

Also eine EU-weite Volksbefragung wäre schon angebracht. Ein Vertragswerk von den Konsequenzen sollte ein Feedback der Bevölkerung erfordern, wenn man auch das Volk (die Völker) überfordern würde, wenn man es als obligatorisch für die Annahme des Vertragswerks gestalten würde.

Die Frage könnte etwa so lauten: Finden Sie es für Sie als EU-Bürger notwendig Ihre Grundrechte in einem EU-Vertrag festzuschreiben? Ja Nein

Im übrigen: Welcher Österreicher oder Angehöriger eines anderen EU Mitgliedsstaates kennt die Bundesverfassung und seine Konsequenzen, die Landesverfassungen, die Gemeindeordnung seiner Heimatgemeinde - oder gar die Friedhofsordnung seines Heimatfriedhofs?

Was ihren Kommentar betreffend des Verhaltens der österr. Politiker angeht: Da gebe ich Ihnen vollkommen recht, die haben alle keine Ahnung. Also wenn die Politiker die die beschlüsse mittragen keine Ahnung haben, warum sollte nicht eine EU-weite Volksbefragung stattfinden?

Antworten Gast: artemis von ephesos
12.11.2007 11:11
0 0

Re: Absurd

gegenfrage: wenn schon die politiker keine ahnung haben (was nicht zu bestreiten ist) - wie wenig ahnung haben dann erst die wähler?

Antworten Antworten dresak
13.11.2007 11:26
0 0

Re: Re: Absurd

Gegenfrage zur Gegenfrage: Wenn schon die ahnungslosen Politiker gefragt werden, warum dann nicht auch gleich der ahnungslose Wähler?

Antworten Antworten Gast: Hansi Hüpfer
12.11.2007 15:39
0 0

Re: Re: Absurd

Die Wähler sind ehrlich sich selbst gegenüber und wollen ihr eigenes Beste. Die Politiker hingegen lügen, das sich die Balken biegen. Auf der roten Seite oder der Siegerseite erinnere man sich an die Eurofighter, die Studiengebühren, und die 1000 € min/Monat usw und auch den Wahlverlierern traue ich nicht über'n Weg. Die haben früher schon bewiesen, dass deren Versprechen frech wegerklärt oder einfach gebrochen wurden!

Antworten Antworten Antworten Ophicus
13.11.2007 11:11
0 0

Re: Re: Re: Absurd

Die Wähler sind ehrlich sich selbst gegenüber? Seit wann denn das?

Ophicus
12.11.2007 09:54
0 0

Der Fluch der Demokratie

Sehr geehrte Frau Lackner, sie widersprechen sich in diesem Artikel selbst - und zwar massiv.
In unserer repräsentativen Demokratie stimmen wir IMMER pauschal ab. Ich kann mir bei der Nationalratswahl auch nicht das Bildungssystem der SPÖ und die Sozialpolitik der ÖVP auswählen sondern muss mich für eine Partei entscheiden. Pest und Cholera - oder die Wahl des kleineren Übels.
Nach ihrer Diktion führt eine Pauschalabstimmung automatisch zur Ablehnung des Reformvertrags. Daraus kann man jetzt eigentlich nur zwei Schlüsse ziehen.
1. Der Reformvertrag ist so schlecht, dass es das einzig vernünftige ist ihn abzulehnen. Dann ist aber nicht einzusehen, wieso man die Abstimmung zum Wohle Europas aussetzen soll.
oder
2. Frau Lackner traut den Wählern nicht zu einen im großen und ganzen positiven Vertrag zu akzeptieren so lange er noch negative Elemente aufweist. In diesem Fall kann man die Demokratie aber gleich abschaffen.

So oder so - eine Abstimmung ist nicht das Problem.

Gast: ökono-mist
11.11.2007 21:31
0 0

Das heimische ASVG - im Vergleich mit diesem Vertragswerk ein leicht verständliches Kinderbuch!


Hervorragend geschulte Narkoseärzte treffen auf grassierenden sekundären Wähler-Analphabetismus; an und für sich schon schlimm genug.

Doch wenn's nur das wäre!

Eine Gebrauchsanleitung, die auch von Narkoseärzten nicht mehr verstanden werden kann, weil sie vor lauter Querverweisen selbst schwindlig werden, könnte nämlich auch zu für den Gesamtorganismus letalen Mißverständnissen und Bedienungsfehlern führen.
Wenn daher jemand aus diesem Grund eine Volksabstimmung (bei der die Antwort dann logischerweise nur "nein" lauten könnte) fordern würde, als Notbremse sozusagen gegen diese Art von bürgerferner Politik, dann wäre ja dagegen nichts einzuwenden. Das wäre politisch redlich.
So lange aber das Prügeln der EU zwecks Herausschlagen nationalstaatlich-parteipolitischen Kleingeldes im Vordergrund steht, ist guter Rat teuer - und die europapolitische Zwickmühle perfekt.

P.S.: Im Zweifel könnte vielleicht die Menschenrechtsmaterie eine Zustimmung zur EU-"Verfassung" erleichtern.

Mehr Quergeschrieben:

Top-News