25.05.2012 21:50 | Meine Presse Merkliste 0

Zwei Herzen in der Bio-Brust

ERNA LACKNER (Die Presse)

„Biosprit“ oder der gesplittete Agrar-, Umwelt- und Lebensminister?

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Etwas in einem wehrt sich unmodern, konservativ, aber hartnäckig, dass Getreide, Mais und andere Feldfrüchte zu Treibstoff verarbeitet werden. Obwohl, auch der Mensch tut ja mit dem Essen nichts anderes als aufzutanken und danach die Kohlehydrate zu verbrennen; Weizenbrot, Spaghetti oder Tortillas liefern ihm Energie. Aber zwischen einem Auto, einem Motor, einer gut geölten Maschine und dem Menschen ist ja noch ein Unterschied, oder? Noch. Generationen in ein paar Jahrzehnten werden das kostbare restliche Erdöl vielleicht nur noch für die Erzeugung ihrer Medikamente brauchen (wie heute) und hüten – und gefahren sowie geflogen wird mit „Biosprit“?

Biosprit! Was für ein verdrehter, beschönigender, heuchlerischer Begriff. Eine Wortschöpfung, welche die Quadratur des Kreises geschlossen zu haben vorgibt. Aber auch deutsche Wissenschaftler haben nun in einem Gutachten dargelegt, dass „Biodiesel und Bioethanol aus deutscher Produktion kostspielig und nutzlos“ seien. Die Förderung von Biokraftstoffen aus klimapolitischer Sicht sei keine Option; es werde einfach zu wenig CO2 eingespart. Im Gegenteil. Ein Team um den Chemienobelpreisträger Paul Crutzen stellte fest, dass durch die zusätzliche Düngung der Energiepflanzen größere Mengen des Treibhausgases Lachgas entstehen, wodurch etwa die Ökobilanz von Raps-Diesel negativ sei. Auch Wissenschaftsberater des Landwirtschaftsministeriums in London warnten vor „perversen Ergebnissen“: Der Anbau von Mais, Getreide, Raps oder Zuckerrohr zur Treibstoffproduktion drohe den Treibhauseffekt im Zweifelsfall nur zu verschlimmern.

Während Deutschland nun von seinen Biosprit-Zielen abrückte (wohl auch wegen seiner heiligen Kühe, der empfindlichen Autos, die den Biosprit nicht gut vertragen), bestätigte Österreichs zuständiger Minister Josef Pröll nichtsdestotrotz und prompt, die Quote von 10 Prozent Biosprit bis zum Jahr 2010 erreichen zu wollen. Als europäischer Vorreiter. Dass „Biotreibstoff“ mehr Probleme verursacht als löst, wie auch Greenpeace einwirft, ficht ihn nicht an.

Die rasant angewachsene und staatlich geförderte Produktion von Biosprit ist auch für die weltweite Teuerung bei Lebensmitteln mitverantwortlich. In den USA wird inzwischen ein Drittel der Maisfläche für die Ethanol-Erzeugung verwendet. Und die Agrarindustrie floriert.

In Josef Pröll wehrt sich nichts unmodern und konservativ, dass aus potentiellen Lebensmitteln Sprit wird. Nicht von ungefähr ist er der biologisch-dynamischste Politiker der Volkspartei, wofür ihm essensmäßig und parteimäßig Lob gebührt.

Aber aus dem Fach „Politische Bildung“ ist auch einmal deutlich anzumerken, dass in Josef Pröll nicht nur ein Herz schlägt, sondern mindestens zwei Herzen pochen: Denn er ist eben nicht nur der Umweltminister des Landes, sondern auch der Landwirtschaftsminister. Und die Interessen der Umweltschützer und der Agrarier sind (gerade auch in Niederösterreich) nicht immer identisch – auch wenn uns das der wiederum euphemistische, von ihm erfundene Hausname „Lebensministerium“ glauben machen will.

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2008)

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3 Kommentare
se123
14.04.2008 09:43
0 0

Biosprt ist also somit endgültig böse

Wenn ich jetzt mal festhalte, dass Studien grundsätzlich kaufbar sind - das ist definitiv Fakt, speziell in einem Bereich wo es noch immer nicht definitv gesichert ist, was nun alles so seine Auswirkungen auf den Klimawandel hat.
Interessant ist es aber auch, wie es eine Allianz aus Ölindustrie, Nahrungsmittelindustrie und ein paar Umschützern die grundsätzlich gegen alles sind (Stichwort: Windräder töten Vögel) geschafft hat in der veröffentlichten Meinung eine Meinung zu manifestieren, dass Biosprit endgültig böse ist. Da gibt es keine Möglichkeit der technischen Weiterentwicklung, da gibt es keine Unterscheidung zws. Produkten, die auf ehemaligen Regenwaldflächen wachsen und jenen die auf politisch stillgelegten europäischen Flächen wachsen.
Biosprit ist böse - Danke wir haben verstanden.

Re: Biosprt ist also somit endgültig böse

Wo steht hier geschrieben, der Biosprit ist böse? Wer allerdings nicht sieht wie schnell die Rohstoffpreise für den Grundstoff von Brot in den verschiedensten Formen gestiegen sind. Diese Preissteigerung ist rund um den Globus - also nicht nur regional - zu beobachten. In Österreich wäre ein Regierung beinahe an der Frage zerbrochen, wie denn die "enormen" Preissteigerungen "bekämpft" werden sollen. In den Schwellen- und Entwicklungsländern geht es jedoch tatsächlich um die Lebensgrundlagen, während wir in den westlichen Industrieländern mit Hilfe von Biosprit unsere Mobilität möglicherweise noch steigern wollen. Wer diese Problematik auf das Schlagwort "Biosprit böse" reduzieren will, hat entweder "kein Hirn oder kein Herz".

Mobilität

Biosprit zum Einssatz in der regionalen Landwirtschaft wäre zu akzeptieren, den Pferden wurde schließlich auch Hafer gefüttert. Einsatz von Biosprit zur Steigerung der Mobilität führt dazu, dass dieser Götze weiter verherrlicht wird. Für die Vergötzung unserer Mobilitä zahlen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländer mit Hunger, da die Rohstoffpreise nun auch für die Grundnahrungsmittel ansteigen. Die Wahnsinnigen an den Börsen spitzen diese Entwicklung zu. Frau Lackner sieht die Problematik eines sogenannten Lebensministers, der als Landwirtschaftsminister ein Lobbyist für die Bauern ist, diese sehen in der Vermarktung ihrer Produkte für diesen riesigen Sektor Mobilität natürlich eine riesige Chance. Wie die Preisentwicklung an den Rohstoffbörsen zeigt, handelt es sich wieder um einen Schritt wider die Natur, der von den reichen Industrieländern gesetzt wird. Nicht jede Mode ist ein Fortschritt. Wann werden wir das endlich begreifen?

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