Es sei naiv, anzunehmen, dass die Vertrauenskrise, die Politikern schlechte Noten beschert, sich nur auf die Politik beschränkt, schrieb der Politologe Peter Filzmaier. Wie wahr. Von den gesellschaftlichen Umbrüchen, die kein Präsident, Kanzler oder Minister aufhalten kann, ganz abgesehen – auch der Verweis auf Maßlosigkeiten in der Wirtschaft bedarf in Zeiten wie diesen keiner näheren Erläuterung. Jedermann, der nur halbwegs die Nachrichten verfolgt, kann mit jedem Finger beider Hände Fälle aufzählen, in denen Manager ethische Werte mit Füßen treten. International wie national.
Ich bräuchte sechs Hände, dreißig Finger, um nur schnell die größten Beispiele dieser unethischen Werteskala aufzuzeigen, deren Details Tag für Tag wie eine Gehirnwäsche auf einen niederprasseln. Teils gehören die Abzockereien – darum geht es doch immer wieder – zur ewig menschlichen Gier. Aber großteils werden sie doch auch politisch befördert und getragen. Schon überhaupt in Österreich, einem Top-Land für paradiesisch staatsnahes Wirtschaften. Da ist es kein Wunder, sondern nur logisch, wenn „die Politik“ auch für die 800.000-Euro-Abfertigung eines nicht mehr vertrauenswürdigen ÖBB-Chefs verantwortlich gemacht wird. Wer ist hier der Sündenbock? Huber oder die Politik? Nicht egal. Aber nicht zu trennen. Und im Endeffekt, im Vertrauen auf die Führung der Gesellschaft, beim Faktor Glaubwürdigkeit der gewählten und bestellten Autoritäten haben sich für den Bürger längst tausend Eindrücke vermischt, die nicht mehr schönzureden sind. Und die Spirale dreht sich weiter, nach unten. Vertrauen ist ein heikles Gut.
In diesem April gibt es auf der öffentlichen Bühne Österreichs zwei Abgänge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wes Geistes Kinder beide sind, hat sich dem Publikum schon von selbst erklärt. Auf der einen Seite ging ein Manager, der Aufgaben seines mobilen und immobilen Geschäftslebens grob verwechselte, auch zum millionenschweren Vorteil seiner Ehefrau, und der dafür vom Eigentümer Staat, von einer feigen Politik und ihrem geschäftsführenden Personal auch noch mit einem Golden Handshake (800.000 Euro) belohnt wurde. Auf diese Weise wird „die Politik“ nur noch tiefer in die Vertrauenskrise geraten. Auch alle konzertierten Ablenkungsmanöver dieser österreichischen Medienwelt, kein neuer Semmeringtunnel wird den teuren Abgang übertünchen können.
Auf der anderen Seite des Flusses verabschiedet sich übermorgen ein Mann, mit dem in den jüngsten Jahren eine ganze Institution an Format gewonnen hat: Karl Korinek. Nicht, dass der Verfassungsgerichtshof zuvor unbedeutend gewesen wäre, aber mit ihm an der Spitze hat dieses Höchstgericht auch gesellschaftspolitische Autorität bekommen. Eine Rolle, die davor (für mich, aus Deutschland kommend, war das auffällig) der Rechnungshof mit Franz Fiedler innehatte. Was auch zeigt, dass nicht automatisch das Amt, sondern vielmehr die vertrauenswürdige und verantwortungsbewusste Person eine Autorität ausmacht. Und solche kostbaren Personen braucht das Land – als Autoritäten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2008)















