25.05.2012 21:51 | Meine Presse Merkliste 0

Ein billiger Bildungskanzler...

ERNA LACKNER (Die Presse)

...und absichtliche Vermischungen nach dem Familienschänderfall in Amstetten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wer so unermüdlich walzerselige Stereotypen aufbaut wie das Tourismusland Österreich, sollte gegebenenfalls, wie jetzt im weltweit besprochenen Fall des Familienschänders, auch die etwas anderen Klischeebilder gelassener einstecken. Die Berichterstattung gebiert auch Zerrbilder, kann jedoch als eine Form von Reisejournalismus betrachtet werden.

Aber auch unser Volkskanzler schwankt gern zwischen Gar-nicht-reagieren und dann wieder Überreagieren. (Seine vielleicht fatalste Schwäche.) Man glaubte nicht richtig zu hören, dass er ausrief: „Wir werden nicht zulassen, dass irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können!“ Nur eine Redeblume? Dumpfe Demagogie, mit der auch dieser Kanzler einen nationalen Schulterschluss herbeireden möchte, um sein eigenes Image aufzupolieren? Geniert sich der Bildungskanzler, der er doch auch explizit zu sein vorgehabt hatte, nicht für einen derart billigen, verquollenen Satz?

Weder Österreich noch der Kanzler brauchen eine Imagekampagne. Sondern mehr gerades Auftreten und Vorgehen, mehr Aufklärung, mehr Trennschärfe. Der grausame Erbsündensatz des Kanzlers vermanscht und verdreht absichtlich Begriffe und Gefühle, damit ein dummes Volk im Trüben fischen kann. Gerade bei einem Spitzenpolitiker, der gern gerühmt wird für seine Intelligenz, ist das ein zynisches Spiel, oder was?

Was Österreich betrifft: Es hat noch kaum eine Nation ein schlechtes Image für ein einzelnes Verbrechen bekommen – ein nachhaltig ungutes Bild ergibt sich immer erst langsam und mosaikartig. So war es auch bei den jüngsten aufsehenerregenden Fällen. Nicht Dutroux hat Belgiens Image beschädigt, vielmehr waren das die verschleppten Ermittlungen und ein verfilztes Justizsystem. Im Fall von Maddie hat nicht ein unbekannter Entführer die Algarve in Misskredit gebracht, sondern hinterwäldlerisch, auch medial mies agierende, inzwischen abgesetzte Polizisten haben, in Reminiszenz an einen früheren, sich ziehenden Pädophilenringskandal, die Polizei Portugals ins Zwielicht gerückt.

Kollektive Vorurteile wachsen langsam. Dies sollten Behörden und Politiker bedenken, wenn sie den Fall F. in Amstetten offensichtlich vorschnell, vielleicht auch im vermeintlich höheren Staatsinteresse, abschließen möchten. In den Oberösterreichischen Nachrichten stand sehr treffend: „Der Alles-in-Ordnung-Reflex der Behörden ist unakzeptabel“. Auch das eilige Vermanschen und Verdrehen des Opferschutzes in einen Behördenschutz sollte so nicht durchgehen.

Im Interesse des Staats ist nicht eine internationale Imagekampagne, sondern eine nationale Bildungskampagne. Nicht schöne Sprüche werden zur Verbesserung von Österreich beitragen, sondern wache, verantwortungsvolle, mitdenkende Leute (wie der Primarius in Amstetten, als er das Mädchen sah). In Österreich wird derzeit gern nach mehr Bildung gerufen, gemeint ist meist Ausbildung. Aber zur Bildung, die Land und Leute wirklich weiterbrächte, bis hinauf zum Bildungskanzler, gehören auch Haltungen, Mut, Gespräche, Feineinstellungen, und vor allem der Wille, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen.

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

6 Kommentare
zsolnai
05.05.2008 15:33
0 0

Man wird ja doch.....

Man wird ja doch so tun können, als ob die Behörden den Fall Kampusch und den Fall F. gelöst hätten. Auch der verhängnisvolle Totschlag in Wien wurde durch zufällig anwesende Kameras und durch das freiwillige Erscheinen der Täter so rasch aufgedeckt. Man wird ja doch so tun können, als ob es die Polizei war. Und wo war diesmal die Rettung? Sehr rasch ist man mit der Floskel :"Niemand war schuld!" bei der Hand. Frau Lackner hat mit ihren Überlegungen völlig recht! "Wir lassen uns unser Österreich nicht schlechtmachen!" sagt der Kanzler. Wir brauchen es gar nicht, wir machen das schon selbst. Und zwar gründlich!

Gast: Christian
05.05.2008 13:32
0 0

Hier hat Frau Lackner ein paar Dinge wieder durcheinander gebracht:

1.) Daß Österreichs Fremdenverkehrwerbung die Vorliebe der älteren Generation insbes. in Deutschland für den "Sissy" und Kaiser "Franzl"-Kult verstärkte und darauf aufbaute, ist verständlich und läßt ich mit der Werbewirksamkeit des engl. Königshauses und der ehrwürdigen engl. Institutionen (die viele moderne Menschen ebenfalls abstößt) vergleichen.
2.) Österreich war auch Opfer des 2.WK und hat 100.000e Kriegstote zu beklagen. Ein ansehnlicher Teil unseres Volks stammt von jenen Unglückseligen, die brutal und gegen jedes Menschenrecht nach 1945 aus Nachbarländern verjagt wurden. Leider war Ö. nicht imstande, das erlittene Unrecht mediengerecht dazustellen, sondern ließ sich als Haupttäter diffamiieren!
3.) Die "Maurer" aus Amstetten haben die Sensationsgier der Regenbogenpresse zur Genüge kennengelernt. Die britische "Sun" brachte Fritzl sogar mit "1938" in Verbindung samt einem unterschobenen Foto des 16-j-Fritzl beim Einmarsch, obwohl er damals erst 3 Jahre als war! Mut????


Antworten Gast: Klaus
08.05.2008 15:19
0 0

Re: Hier hat Frau Lackner ein paar Dinge wieder durcheinander gebracht:

Der immer gleiche Stuss, Cicerl/Christian.


Gast: Helga
05.05.2008 06:42
0 0

Gusenbauer

Dass ein Gusenbauer je aufgestellt, gewählt und noch nicht abgewählt wurde, ist nur durch das verkrustete Zusammenspiel von Systemparteien und Mainstreammedien möglich.

Eurofighter, Islamisierung, Studiengebühren und EU-Verfassung sollten eigentlich Anlass zum Versinken in der Bedeutungslosigkeit sein.

Antworten Gast: Südafrikaner
09.05.2008 18:09
0 0

Re: Gusenbauer

Gusenbauer IST bedeutungslos.

Was hat diese Regierung erreicht, was nicht auch ein Durchschnittsmensch mit Hausverstand erledigt haette?

Imagekampagne des Bundeskanzlers

"Image" scheint als Wort den aussagekräftigen Satz "Der Schein ist wichtiger als das Sein" ersetzen zu können. Wie in früheren Jahrhunderten der Adel aufgrund seiner Stellung versuchte durch Inszenierungen einen Schein von Überlegenheiten gegenüber dem gemeinen Volk in allen Lebensbereichen darzustellen, wollen in unseren Tagen privilegierter Personen oder Gruppen - in Wahlzeiten vor allem politische Parteien - mit Hilfe von imagebildenen Maßnahmen durch Einsatz von medialen Werkzeugen und Personen ihre Position in der Öffentlichkeit verbessern. Bestenfalls geschieht dies durch hochjubeln der eigenen Person oder Gruppen, in nicht wenigen Fällen geschieht dies auch durch das Heruntermachen des Images von Mitbewerbern. Im Wahlkampf 2006 hatte die SPÖ mit mit Hilfe amerikanischer - medienerprobter - Spindoctoren überraschenden Erfolg, offensichtlich hat dies dazu geführt dass der nunmehrige Bundeskanzler glaubt es gäbe „Image auf Bestellung“. Leider ein Auswuchs der Mediendemokratur!

Mehr Quergeschrieben:

Top-News