Wer so unermüdlich walzerselige Stereotypen aufbaut wie das Tourismusland Österreich, sollte gegebenenfalls, wie jetzt im weltweit besprochenen Fall des Familienschänders, auch die etwas anderen Klischeebilder gelassener einstecken. Die Berichterstattung gebiert auch Zerrbilder, kann jedoch als eine Form von Reisejournalismus betrachtet werden.
Aber auch unser Volkskanzler schwankt gern zwischen Gar-nicht-reagieren und dann wieder Überreagieren. (Seine vielleicht fatalste Schwäche.) Man glaubte nicht richtig zu hören, dass er ausrief: „Wir werden nicht zulassen, dass irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können!“ Nur eine Redeblume? Dumpfe Demagogie, mit der auch dieser Kanzler einen nationalen Schulterschluss herbeireden möchte, um sein eigenes Image aufzupolieren? Geniert sich der Bildungskanzler, der er doch auch explizit zu sein vorgehabt hatte, nicht für einen derart billigen, verquollenen Satz?
Weder Österreich noch der Kanzler brauchen eine Imagekampagne. Sondern mehr gerades Auftreten und Vorgehen, mehr Aufklärung, mehr Trennschärfe. Der grausame Erbsündensatz des Kanzlers vermanscht und verdreht absichtlich Begriffe und Gefühle, damit ein dummes Volk im Trüben fischen kann. Gerade bei einem Spitzenpolitiker, der gern gerühmt wird für seine Intelligenz, ist das ein zynisches Spiel, oder was?
Was Österreich betrifft: Es hat noch kaum eine Nation ein schlechtes Image für ein einzelnes Verbrechen bekommen – ein nachhaltig ungutes Bild ergibt sich immer erst langsam und mosaikartig. So war es auch bei den jüngsten aufsehenerregenden Fällen. Nicht Dutroux hat Belgiens Image beschädigt, vielmehr waren das die verschleppten Ermittlungen und ein verfilztes Justizsystem. Im Fall von Maddie hat nicht ein unbekannter Entführer die Algarve in Misskredit gebracht, sondern hinterwäldlerisch, auch medial mies agierende, inzwischen abgesetzte Polizisten haben, in Reminiszenz an einen früheren, sich ziehenden Pädophilenringskandal, die Polizei Portugals ins Zwielicht gerückt.
Kollektive Vorurteile wachsen langsam. Dies sollten Behörden und Politiker bedenken, wenn sie den Fall F. in Amstetten offensichtlich vorschnell, vielleicht auch im vermeintlich höheren Staatsinteresse, abschließen möchten. In den Oberösterreichischen Nachrichten stand sehr treffend: „Der Alles-in-Ordnung-Reflex der Behörden ist unakzeptabel“. Auch das eilige Vermanschen und Verdrehen des Opferschutzes in einen Behördenschutz sollte so nicht durchgehen.
Im Interesse des Staats ist nicht eine internationale Imagekampagne, sondern eine nationale Bildungskampagne. Nicht schöne Sprüche werden zur Verbesserung von Österreich beitragen, sondern wache, verantwortungsvolle, mitdenkende Leute (wie der Primarius in Amstetten, als er das Mädchen sah). In Österreich wird derzeit gern nach mehr Bildung gerufen, gemeint ist meist Ausbildung. Aber zur Bildung, die Land und Leute wirklich weiterbrächte, bis hinauf zum Bildungskanzler, gehören auch Haltungen, Mut, Gespräche, Feineinstellungen, und vor allem der Wille, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen.
Erna Lackner ist Journalistin in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)















