Als das Feuerwerk über Belgrad aufsprühte und der Eurovision Song Contest in der Arena zu Ende ging, wollte der ORF-Kommentator noch einmal witzig sein und sagte: „Ein paar Raketen haben's auch noch gefunden“. Womit auch das Niveau der österreichischen Berichterstattung zum größten Musikereignis Europas (43 teilnehmende Länder, 100 Millionen Zuseher in 47 Ländern, auch Australien und Neuseeland waren heuer dabei) hinreichend beschrieben ist.
Auch das ist Europapolitik, Nachbarschaftspolitik, Fernsehpolitik. Politik des kleinen Mannes für den kleinen Mann. Öffentlich-rechtliche Verbreiterung von Ressentiments. Immerhin, und das ist dem küniglberglerischen Gesandten zugute zu halten, er plädierte mehr oder weniger offen dafür, die ORF-Führung möge sich doch bitte wieder dazu durchringen, trotz allem an dem europäischen Wettbewerb teilzunehmen. Alles andere ist nämlich: beleidigte Leberwurst.
Der hochgemute ORF hatte im Vorjahr am Song Contest die „deutlich negativen Erkennungsmerkmale einer komplizierten europäischen Vereinigung“ kritisiert und seinen Ausstieg mit dem stolzen Abteilungsleitersatz begründet: „Solange der Song Contest kein internationales Unterhaltungsprogramm, sondern ein politisches Exerzierfeld ist, will der ORF nicht weiter Talente aus Österreich in ein chancenloses Rennen schicken“. Ach, wäre der ORF nur immer, auch inländisch so stolz und anspruchsvoll! Und ist etwa eine „Dancing Stars“-Kür viel gerechter als das sängerische Grand-Prix-Finale?
Gewiss, das westeuropäische Missbehagen am „Ostblock-Voting“ und an der „Balkan-Connection“ ist nicht unberechtigt (und hat 2008 auch zu leicht veränderten Regeln geführt). Aber dass Österreich sich darob ganz verabschiedete, hat auch das Bild des schlechten Verlierers befördert. Etwas mehr Humor stünde auch der staatlichen Fernsehanstalt gut an. Aber vielleicht hat sie ja auch nur kein Geld für den Song Contest gehabt. Was auch immer, das Leitmedium eines Landes, das sich gern als Schaltstelle zwischen West und Ost sieht, als Mittelpunkt Zentraleuropas, als Herzland Europas und so weiter, sollte sich nicht so leichtfertig und verlogen oder gar arrogant aus dem Spiel nehmen – das ohnehin nicht ernst ist.
Die „Stand alone“-Haltung des ORF, die in Wahrheit nur eine „Draußen vor der Tür“-Lösung ist, hat im europäischen Song Contest-Fall vermutlich keine schwerwiegenden Auswirkungen – aber schön ist sie auch nicht. Aber sie ist vielleicht typisch und ein Spiegelbild dafür, dass auch das politische Österreich in Brüssel nicht selten allein geblieben ist und mit seinen Anliegen einfach nicht durch kommt. Auch nicht mit seinen Donaumonarchie-Nachbarn, die freilich nur von der Wirtschaft gepflegt und gehegt werden.
Es gab einmal eine Zeit, lange her, da ist der ORF über sich hinausgewachsen. Bis heute zehrt er von der Bacher-Ära. Für die Osterweiterung Europas hat auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen Österreichs herzlich wenig getan. Ich könnte eine lange Liste der Versäumnisse aufzählen ...
Erna Lackner ist Journalistin in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2008)















