25.05.2012 21:53 | Meine Presse Merkliste 0

Politiker als nackte Manager

ERNA LACKNER (Die Presse)

Die EU als Großagentur für den Markt – wird das reichen?

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Heute kommt ein bisschen viel zusammen. Ausnahmezustände an etlichen Fronten. (Was sagen die Astrologen zu solcher Koinzidenz? Oder die Mondkalender-Experten?) Am Tag des Ärztestreiks geht der Bundeskanzler nach einer Abreibung (oder sagen wir: „Nachhilfestunde“) im Parteipräsidium mit seiner deutschen Amtskollegin zum „Endspiel“ ins Fußballstadion, wobei sich die beiden gewiss auch über das Nein der Iren austauschen werden.

Die Anti-Stimmung gegen den EU-Vertrag gehört vordergründig nicht zu den größten Problemen der österreichischen und deutschen Regierung – und doch kommt in der diffusen EU-Ablehnung alles zusammen, was Bürgern europaweit an ihren Brüssel-Politikern nicht passt. Der Vertrauensverlust gegenüber den Regierenden. Der Missmut über ihre eingeübte EU-Sprachregelung. Die Einforderung eines demokratischen „Ja“, das keine Alternativen angibt. Das Schönreden der Ängste in einer galoppierenden Globalisierung. Der Überdruss an denen da oben.

Was die Bürger überall in Europa Tag für Tag zu hören bekommen, dreht sich um gierige Konzernmanager, Finanzmarktspekulanten, um die weltweite Bankenkrise, um CO2-Sünder, Billigarbeiter, Agrarsubventionen, Steuerparadiese, luxuriöse EU-Beamtenpensionen, gestiegene Lebensmittelpreise – dieses wilde Gemisch auf Dauer auszuhalten und dann auch noch ja zu einer allmächtigen oder doch ohnmächtigen EU zu sagen, ist viel verlangt. Was die Missstände alle mit dem EU-Vertrag („Betriebsanleitung“, wie ihn manche unserer österreichischen Politiker nennen) zu tun haben, wie die Wege zu einheitlichen europäischen Regelungen verlaufen könnten, haben nicht nur irische Politiker zu erklären verabsäumt. Vielleicht sind sie selbst auch schon zu müde? Zu selbstsicher, zu abgehoben? Oder auch nur Gefangene ihres Metiers?

„Wenn die Politiker den Staat verlassen“ überschrieb einer der stillen, aber beachtlichsten deutschen Intellektuellen, Claus Koch, in seinen Internet-Briefen „Der neue Phosphoros“/Analysen und Entgegnungen (www.claus-koch.com – womit ich einen Geheimtipp preisgebe) schon in seiner 99.Ausgabe im April die jetzt noch deutlicher sichtbare Einschätzung, dass es zu dem politischen Europa, wie man es sich vor fünfzehn Jahren noch ausmalen konnte, nicht kommen wird. Es fehle den europäischen Nationen jeder europäische Ehrgeiz. Einen der Hauptgründe sieht Claus Koch im politischen Management. Dessen Angehörige hätten sich zusehends zu Agenten gewandelt, innerhalb des Großmanagements EU, in dem sie Karriere machten und dessen Hauptzweck die Erweiterung des Marktraums sei: „Politiker, die ihrer Nation Sprache verleihen, kommen in Europa heute nicht mehr vor.“ Die Politikerkaste bestehe heute aus staatlichen Agenturmanagern, die auch ihre eigenen Staaten bloß noch als Organisationsgefüge von und für unterschiedliche Klientelen betrachteten: „Denn kaum ein politischer Zweck lässt sich heute ausdrücken, wenn er nicht als ökonomischer Zweck angesprochen werden kann.“

So wird das Bedienen der politischen Sehnsucht inzwischen den Populisten überlassen. Und wer wird das Spiel gewinnen?

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2008)

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8 Kommentare
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Die EU ist NICHT unser "Vaterland"!

Generell sind emotionale Bindungen zu politischen Systemen und Gebilden heutzutage "megaout". Kaum wachelt jemand, etwas im Kontext zur Fußball-EM, mit einem kleinen Fähnchen, schon preschen die Bedenkenträger aus ihren Löchern und warnen vor "nationalistischem Überschwang". Man weiß ja schließlich, wohin das historisch direkt führte: Zu Führers berüchitgter Ansprache anno 1938 auf dem bummvollen Wiener Heldenplatz; derzeit übrigens eine stark frequentierte "Fan-Zone"...

Wie aber soll jemand in der Zeit der Globalisierung, wo jeder jedes Konkurrenz-Wolf ist; wo die Menschen dazu angehalten werden, niemandem außer sich selbst Ich-AG-mäßig zu vertrauen für ein derart amorphes Kunst-Konstrukt wie die EU in geradezu extatische Begeisterung verfallen?

Daß etliche Politiker von der EU schwärmen, als hätten sie Schmetterlinge im Bauch, ist ganz alleine ihre Sache. Die "Menschen draußen" haben längst erkannt, daß man nicht SIE meint, wenn WIR angeblich von der EU "nur profitieren"...

democrates
17.06.2008 13:11
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Meine Idee des (Quarto)Poliperfektums zum Ersatz des terminierenden Peudalsystems (EU).

(Lösungsansatz zum aristotelonischen Elementarproblem, der Findung des perfekten, politischen Systems)

Das (Quatro)Poliperfektum muß mindestens die 4 (staatsgebildetragenden) Perfektionen realisieren:

1. Perfekte Demokratie (100%ige Abbildung u. Realisierung des direkten Souveränenwillens)
2. Perfekte Effizienz (minimalste Politsystem-Betriebskosten)
3. Perfekte Ökologie (minimalster Rohstoff- u. Energie-Verbrauch des Politsystems)
4. perfekte Persistenz (absolute Zerstörungsfestigkeit gegenüber Feinden)

Nicht eine einzige der 4 Perfektionen wird vom, seit 9 Jahrzehnten, regierenden Peudalsystem
(Politiker+Parteien+Parlamente) realisiert!

Gast: Crusader
16.06.2008 12:44
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An den Bürgern vorbei entschieden...

ist die EU jetzt schon eine "schöne Leich" wie man in Wien so sagt.
Es wurde erweitert, eingebürgert und "vermarktet" was das Zeug hält und nun ist der Ofen aus.
Die Bürger wollen diese Eu nicht bzw. nicht mehr - daran trägt der Bürger aber keine Schuld.
Der Sklave erkennt halt irgendwann seine Lage und wendet sich gegen seinen "Herrn".

kobold
16.06.2008 10:17
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Was ist an einer Großagentur

für den Markt eigentlich so schlecht? Wenn sie gut gemacht ist und funktioniert, dann wird so eine Agentur genau das sein, was sich die meisten Europäer wünschen. Eine Union, die mehr als ein Steuerungsinstrument für den Markt sein will, hat so und so keine Mehrheit mehr. Die Menschen wollen nicht, dass sich PolitikerInnen oder RichterInnen ständig in ihr Leben einmischen.

Antworten democrates
16.06.2008 10:56
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Re: Was ist an einer Großagentur

Ja, wäre die EU nur die Großagentur der indigenen, europäischen Souveräne.
Leider arbeitet sie als Teil des Peudalsystems (Politiker+Parteien+Parlamente) in hochverräterischer und autozidaler Weise gegen die eigene Indigenen-Population.
D.h. der indigene, soziodemografische Körper Europas wird durch die umprogrammierten Polit(helfer)zellen von innen her angegriffen und zersetzt.
In der Pan-Biologie nennt man diese Krankheit HIV bzw. AIDS (biologische Analogie).
Damit ist das soziodemografische Immunsystem ausgeschaltet und der Invasion nichtindigener Angreifer Tür und Tor geöffnet.

Lösung: Endgültige Terminierung des Peudalsystems

Antworten Antworten TheAlien
16.06.2008 12:22
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Peudalsystem?

Danke für diesen Ausdruck! Ich hoffe, es ist erlaubt, ihn zu verwenden!?

Man könnte ihn um ein viertes P (Pseudodemokratien) leicht ergänzen.

Und den Traum einer Terminierung des Peudalsystems träume ich mit Ihnen gemeinsam - meinerseits auf www.online-nations.net (erste Diskussion einer Idee eines neuen, basisdemokratischen Systems, wo man sich unabhängig von nationalen Territorien den passenden Staat zum eigenen Weltbild einfach aussuchen kann...)

Antworten Antworten Antworten democrates
19.06.2008 18:56
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Re: Peudalsystem?

Ja, natürlich dürfen Sie diesen bzw. auch meine zukünftigen Begriffe verwenden.
Sie soll in den allgemeinen Sprachgebrauch eingehen und uns helfen das perfekteste, zukunftstragfähigste Oganisationssystem des Euro-Pan-Sapiens zu finden.


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gewinnen werden nicht wir

die notwendigkeit welche die EU zu tieferer integration treibt -zwingt, wenn europa seinen wohlstand erhalten will- ist die globalisierung. zwangsweise wird dadurch der politische zweck mit dem ökonomischen deckungsgleich. die angesprochenen probleme entstehen meines erachtens aus einer werteverschiebung einerseits und dem rasanten aufstieg der medien. ersteres geht einher mit der ökonomisierung der gesellschaft und damit als folge der politik, zweiteres ermöglicht es einer sachdiskussion in einem wahlkampf praktisch vollständig auszuweichen.

im resultat kann ein kompetenter politiker wenn er nicht extrem charismatisch ist entweder eine trockene sachdiskussion gegen einen populisten verlieren oder aber selber auf emotionale themen -und damit nicht mehr sachbezogene- setzen und sich von "guter" politik entfernen.

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