25.05.2012 21:53 | Meine Presse Merkliste 0

Drei Freunde sollt ihr sein

ERNA LACKNER (Die Presse)

„Der Werner, die Doris und ich“. Wieder ein echter Gusenbauer. Die neue Sozialdemokratie. Der dritte Weg in Österreich.

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Nach dem geschwinden Handstreich im SPÖ-Präsidium, in dem auch eine Abstimmung leicht wegzuwischen war, wundert man sich: Was ist das eigentlich, eine Partei? Auch Alfred Gusenbauer fragt: „Wer ist die Partei?“ Er nur rhetorisch, um dann Mitglieder, Funktionäre und Sympathisanten anzuführen. Aber im nächsten Atemzug eines Interviews im „Standard“ kommt er zur Sache: „Das Beste ist, den Werner, die Doris und mich arbeiten zu lassen“. Das ist nun nicht der Stil „Lasst Kreisky und sein Team arbeiten!“, sondern die Fortsetzung der Schüssel'schen Entpolitisierungspolitik (Seid ruhig, wir machen das schon!) auf der roten Seite. So spricht der gelernte Politfunktionär, der kein Draußen kennt.

Und wieder ist es genau das Gegenteil, was der Sozialdemokrat Gusenbauer versprochen hat. Meinungsbildung, Transparenz, Demokratie, blabla. Das Kapern der Löwelstraße war vielleicht einen Augenblick lang schlaumeierisch, ist aber grundfalsch, weil eine derartige Usurpation das Parteileben und mithin Politik nur noch als nacktes Machtspiel vorführt.

Schau, schau, wenn es um die Wurst geht, um die eigene, lässt sich der Regierungschef ja doch etwas Energisches einfallen. „Ich habe in den vergangenen Tagen viel analysiert“, erläuterte er seine Machiavellistik nachher auch noch, auf die Eitelkeit der Blitzgescheiten verzichtet er selbst in prekärster Lage nicht: „Meine Vorschläge im Präsidium kamen für manche sehr überraschend“. Ein Tor, wer sich bei einem solchen Interview nichts Böses denkt. „Der Gusi-Putsch“. Und die Fellner-Zeitung hat stets Bilder von einem lachenden, grinsenden, strahlenden Gusenbauer parat, ob es passt oder nicht. Meistens nicht. Werner Faymann, der größte gemeinsame Nenner auf dem österreichischen Boulevard, lacht immer schöner. Und Faymann wird kein Müntefering sein.

Die SPÖ hat jetzt eine Troika. Moskau lässt grüßen. Unterhalb des verbandelten Dreigespanns sieht die Partei verloren aus. Ein Haufen Ich-AGs und Intrigen. Die Gusenbauer-Diskussion gerät nun zu einer über die Partei. Die Troika ist kein Demokratiemodell, sondern auch ein Rückschritt in die verschworenen Zeiten, als Gusenbauer den Laden mit Darabos und Bures schaukelte. Anstatt als Bundeskanzler aufzumachen, Ministerinnen, Minister und Länderchefs um sich zu scharen, hat Gusenbauer die parteiinterne Beziehungspflege schleifen lassen, sich ganz auf den Glanz der Kanzlerautorität verlassen. Er, die Ich-AG auf dem Ballhausplatz, hat die Führungsaufgabe des Integrierens vernachlässigt und ist jetzt wieder auf den SJ-Kern zurückgeworfen.

In der EU gibt es den Begriff Kerneuropa. Die SPÖ der zwei Geschwindigkeiten hat jetzt eine Kernpartei. Drei Freunde wollen wir sein. Der Werner, die Doris und ich. Der Werner richtet das Mediale, die Doris nimmt den sudernden Apparat an die Kandare, und ich? Das Ich ist jetzt frei. „Freigespielt für die Regierungsarbeit“, wie ein Landeshäuptling es so köstlich nennt. Der freigespielte Bundeskanzler. Befreit vom Parteivolk. Auch kein Volkskanzler mehr. Alfred Gusenbauer probiert es nun als der reine Kanzler.

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)

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8 Kommentare
Gast: Janos
02.07.2008 08:45
0 0

Klarheit

Wunderbar: "Der reine Kanzler"

Wann tauscht er nun endlich sein Volk aus?

Gast: Gast
27.06.2008 19:09
0 0

Daneben...

Irgendwie schaffen Sie es nie auf den Punkt zu kommen... Aus dem SPÖ-Schlamassel hätte man so etwas schönes machen können, aber so?

Gast: ökono-mist
24.06.2008 02:58
0 0

Löwelstraße: "Fußball verbindet" kann nicht ewig picken bleiben


Höchste Zeit also, sich über eine realitätsnähere Fassadengestaltung Gedanken zu machen.

Hier ein paar Vorschläge für neue Aufschriften:

"Doris Bures, Mandatsverleih & Postentauschzentrale"

"Josef Kalina, Autoverleih ('wir haben den ultimativen Bremsassistenten: in nur acht ZiB1-Sekunden von hundert auf null!')"

"Heidrun Silhavy's steirische Telefonzentrale"

"Andreas Schieder, gemeinnütziger Verein 'Politik ist Sippensache' "

"Laura Rudas, Postenkarussel"

"Werner Faymann (Ihr Schneider macht's persönlich)"

"Alfred Gusenbauer's Weinstube 'Zur Sandkiste' (hier bedient Sie noch der Chef!)"

Wie sagte doch eben erst Fred Sinowatz im "Standard"-Interview - kryptisch: "Ob der Wein schmeckt oder nicht, ist für mich kein Maßtstab".

Also was dann?

Hauptsache, er ist rot, und Hauptsache, man wird blau davon?


Gast: hawkeye
23.06.2008 19:27
0 0

Schüssel'sche Entpolitisierungspolitik.

Caudillismo!

Eine Politikform, die dem anthropologischen Befund zufolge um einige Jahrzehntausende älter ist als die deliberative Demokratie ... Insoferne man sie nicht überhaupt schon bei den Pavianen verwirklicht sieht, und wie prächtig!

Man kann auch nicht sagen, daß der Caudillismus überholt sei, ganz im Gegenteil. Er bewährt sich auch in der Postmoderne, zum Beispiel in den hochkompetitiven Märkten für Rauschmittel, sexuelle Dienstleistungen und illegale Grenzübertritte ...

Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich hab einen Lagerfeuer-Termin mit der Urhorde!

Antworten Gast: Östereicher
24.06.2008 02:32
0 0

Re: Bitte keine Schlagworte: "Entpolitisierungspolitik "

Fakt ist, daß Schüssel während seiner Regierungszeit sich nicht gescheut hat, ohne auf ständig auf "Krone" und Meinungsumfragen zu schielen längst fällige Reformen bei Pensionen und Krankenversicherung in Angriff zu nehmen. Damit hat er Österreich im internationalen Vergleich wieder nach vorn gebracht. Und dafür mußte er bezahlt: denn wie heißt es so schon bei Kreisky: "Der Österreicher läßt sich nichts wegnehmen!".

Antworten Antworten Gast: hawkeye
24.06.2008 18:00
0 0

Re: Re: Bitte keine Schlagworte:

Altersarmut ist "vorn", international?

Ophicus
22.06.2008 19:48
0 0

Freigespielt

An sich wäre ein reiner Kanzler zur Abwechslung garnicht so schlecht. Jemand der nicht für die Partei kanzlert, sondern frei und frech das tut was notwendig ist.
Was ja viele Vergessen: Eine Regierung muss nicht demokratisch legitimiert sein. Die demokratische Legitimation liegt im Nationalrat, und der hat darum auch immer das letzte Wort.
Daran kommt auch nach dem Freispiel der Herr Bundeskanzler nicht vorbei. Ist aber vermutlich ganz gut, denn man hat ja immer noch ein wenig den Eindruck, dass Gusenbauer sich selbst als allmächtiger Alleinherrscher nicht auf irgend einen Kurs festlegen könnte.

Antworten Gast: mike
23.06.2008 16:55
0 0

Re: Freigespielt

>und der hat darum auch immer das letzte Wort.

Eine interessante Theorie.
Nur stimmt sie in Österreich leider nicht, weil die "Volksvertreter" in Wahrheit Befehlsempfänger der Parteiführungen sind.

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