Nach dem geschwinden Handstreich im SPÖ-Präsidium, in dem auch eine Abstimmung leicht wegzuwischen war, wundert man sich: Was ist das eigentlich, eine Partei? Auch Alfred Gusenbauer fragt: „Wer ist die Partei?“ Er nur rhetorisch, um dann Mitglieder, Funktionäre und Sympathisanten anzuführen. Aber im nächsten Atemzug eines Interviews im „Standard“ kommt er zur Sache: „Das Beste ist, den Werner, die Doris und mich arbeiten zu lassen“. Das ist nun nicht der Stil „Lasst Kreisky und sein Team arbeiten!“, sondern die Fortsetzung der Schüssel'schen Entpolitisierungspolitik (Seid ruhig, wir machen das schon!) auf der roten Seite. So spricht der gelernte Politfunktionär, der kein Draußen kennt.
Und wieder ist es genau das Gegenteil, was der Sozialdemokrat Gusenbauer versprochen hat. Meinungsbildung, Transparenz, Demokratie, blabla. Das Kapern der Löwelstraße war vielleicht einen Augenblick lang schlaumeierisch, ist aber grundfalsch, weil eine derartige Usurpation das Parteileben und mithin Politik nur noch als nacktes Machtspiel vorführt.
Schau, schau, wenn es um die Wurst geht, um die eigene, lässt sich der Regierungschef ja doch etwas Energisches einfallen. „Ich habe in den vergangenen Tagen viel analysiert“, erläuterte er seine Machiavellistik nachher auch noch, auf die Eitelkeit der Blitzgescheiten verzichtet er selbst in prekärster Lage nicht: „Meine Vorschläge im Präsidium kamen für manche sehr überraschend“. Ein Tor, wer sich bei einem solchen Interview nichts Böses denkt. „Der Gusi-Putsch“. Und die Fellner-Zeitung hat stets Bilder von einem lachenden, grinsenden, strahlenden Gusenbauer parat, ob es passt oder nicht. Meistens nicht. Werner Faymann, der größte gemeinsame Nenner auf dem österreichischen Boulevard, lacht immer schöner. Und Faymann wird kein Müntefering sein.
Die SPÖ hat jetzt eine Troika. Moskau lässt grüßen. Unterhalb des verbandelten Dreigespanns sieht die Partei verloren aus. Ein Haufen Ich-AGs und Intrigen. Die Gusenbauer-Diskussion gerät nun zu einer über die Partei. Die Troika ist kein Demokratiemodell, sondern auch ein Rückschritt in die verschworenen Zeiten, als Gusenbauer den Laden mit Darabos und Bures schaukelte. Anstatt als Bundeskanzler aufzumachen, Ministerinnen, Minister und Länderchefs um sich zu scharen, hat Gusenbauer die parteiinterne Beziehungspflege schleifen lassen, sich ganz auf den Glanz der Kanzlerautorität verlassen. Er, die Ich-AG auf dem Ballhausplatz, hat die Führungsaufgabe des Integrierens vernachlässigt und ist jetzt wieder auf den SJ-Kern zurückgeworfen.
In der EU gibt es den Begriff Kerneuropa. Die SPÖ der zwei Geschwindigkeiten hat jetzt eine Kernpartei. Drei Freunde wollen wir sein. Der Werner, die Doris und ich. Der Werner richtet das Mediale, die Doris nimmt den sudernden Apparat an die Kandare, und ich? Das Ich ist jetzt frei. „Freigespielt für die Regierungsarbeit“, wie ein Landeshäuptling es so köstlich nennt. Der freigespielte Bundeskanzler. Befreit vom Parteivolk. Auch kein Volkskanzler mehr. Alfred Gusenbauer probiert es nun als der reine Kanzler.
Erna Lackner ist Journalistin in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)















